Jennifer hörte Zahnab, bevor sie ihn sah. Aus Gang fünf kam Musik, nicht besonders laut, aber laut genug, dass der Bass zwischen den Hochregalen wanderte und irgendwo Metall zum leichten Mitschwingen brachte. Als sie um die Ecke bog, stand sein Stapler mitten in der Gasse, sauber abgestellt, Gabeln unten, Handbremse drin. Wenigstens das. Zahnab selbst hatte sich seitlich auf den Sitz gedreht, ein Bein lässig auf den Einstieg gestellt und hielt sein Handy so vor sich, als würde er gerade eine Werbekampagne für Flurförderzeuge drehen. Das Kinn leicht hoch, Sonnenbrille im Haar, Sicherheitsweste offen und ein Gesichtsausdruck, der ungefähr sagte: So sieht Logistik aus, wenn man Talent hat.
Jennifer blieb ein paar Meter entfernt stehen und sah ihm eine Weile zu. Es war faszinierend, mit welcher Ernsthaftigkeit ein erwachsener Mann einen Gabelstapler in einen Laufsteg verwandeln konnte. Er kontrollierte noch einmal seine Haare im Display, drehte den Kopf ins Profil und sagte irgendetwas von „Warehouse Vibes“, bevor er endlich bemerkte, dass er Publikum hatte.
„Prinzessin“, begrüßte er sie sofort und senkte das Handy. „Du kommst genau richtig. Das Licht hier ist brutal gut.“
Jennifer sah kurz nach oben. Zwei Neonröhren flackerten, eine davon wahrscheinlich seit 2019.
„Ja. Paris Fashion Week kann einpacken.“
Zahnab grinste, weil er Ironie zuverlässig nur dann erkannte, wenn sie ihn nicht betraf. „Sag ich doch. Man muss aus seinem Arbeitsplatz was machen.“
Jennifer trat näher, betrachtete den Stapler, dann ihn und schließlich wieder das Handy. Eigentlich hatte sie ihn wegen einer ganz anderen Sache gesucht. Nun änderte sich der Plan allerdings gerade von selbst, und das gefiel ihr zunehmend besser.
„Gut“, sagte sie und nahm einen Schluck aus ihrem Tee. „Dann habe ich heute genau den richtigen Auftrag für dich.“
Zahnabs Gesicht veränderte sich sofort. „Sonderauftrag?“
„Sogar mit Fotos.“
Er richtete sich auf.
„Mit mir?“
Jennifer nickte ernst. „Mit dir.“
Das Handy verschwand augenblicklich in seiner Tasche. Zahnab sprang vom Stapler und strich die Weste glatt. „Warum sagst du das nicht gleich? Was machen wir? Webseite? Social Media? Recruiting? Ich sag dir, so Industrie-Lifestyle funktioniert richtig gut. Ich könnte mich vorne an den Stapler lehnen, bisschen seitlich, vielleicht Jacke über die Schulter—“
„Die Jacke bleibt an.“
Er hielt inne.
Jennifer zog ein zusammengefaltetes Blatt aus ihrer Tasche und reichte es ihm. „Arbeitssicherheit möchte neue Bilder für die jährliche Unterweisung. Keine Stockfotos mehr mit irgendwelchen Leuten, die aussehen, als hätten sie noch nie einen Stapler gesehen. Wir sollen echte Situationen aus unserem Lager fotografieren.“
Zahnab blickte auf das Blatt. Sein Lächeln hielt noch.
„Und ich bin das Model?“
„Du bist perfekt dafür.“
Jetzt war er endgültig begeistert. „Ich wusste es. Irgendwann erkennt dieser Laden mein Potenzial.“
Jennifer ließ ihm drei Sekunden Freude.
„Du bekommst Helm, Schutzbrille, geschlossene Warnweste, Handschuhe, Gehörschutz und die dicke orange Winterjacke aus der Kleiderkammer. Danach stellen wir nach, wie man korrekt auf- und absteigt, wie der Sicherheitsgurt sitzt, wie man eine Palette prüft und warum man beim Fahren kein Handy in der Hand hat.“
Zahnabs Gesicht wurde mit jedem Gegenstand länger.
„Die orange Jacke?“
„Die richtig hässliche.“
„Die macht mich komplett breit.“
„Sie soll dich warm halten, nicht schlank.“
Er sah wieder auf das Blatt. „Aber mein Gesicht sieht man schon?“
Jennifer nahm seelenruhig einen weiteren Schluck Tee. „Wahrscheinlich nicht. Auf den meisten Bildern brauchen sie nur Hände, Füße, Gurt und Körperhaltung.“
Es dauerte einen Augenblick, bis die Information vollständig angekommen war.
„Moment. Ihr nehmt mich als Model und zeigt mein Gesicht nicht?“
„Jetzt verstehst du den Auftrag.“
Zahnab sah aus, als hätte sie ihm gerade erzählt, dass bei einem Konzert nur seine Schuhe auftreten dürften. „Warum nehmt ihr dann ausgerechnet mich?“
Jennifer musste lachen. „Weil du der einzige Mensch in diesem Lager bist, der automatisch eine Haltung einnimmt, sobald irgendwo eine Kamera auftaucht. Bei dir muss der Fotograf nicht mal sagen, dass du gerade stehen sollst.“
Er konnte nicht entscheiden, ob das ein Kompliment war, und genau deshalb ließ Jennifer ihn damit allein.
Eine halbe Stunde später kam Zahnab aus der Kleiderkammer zurück. Die orange Winterjacke war tatsächlich zu groß, die Warnweste darüber geschlossen, der Helm saß korrekt und die Schutzbrille nahm seinem sorgfältigen Styling ungefähr neunzig Prozent der Wirkung. Jennifer stand mit verschränkten Armen neben dem Sicherheitsbeauftragten und musste sich auf die Unterlippe beißen, als Zahnab um die Ecke kam.
„Kein Wort“, warnte er.
„Ich habe nichts gesagt.“
„Dein Gesicht sagt genug.“
Der Fotograf stellte ihn neben den Stapler und erklärte die erste Aufnahme. Zahnab sollte lediglich eine Hand an den Haltegriff legen und beim Einsteigen drei Kontaktpunkte halten. Eine Tätigkeit, die ungefähr drei Sekunden dauerte, entwickelte sich bei ihm sofort zu einer Choreografie.
„Nicht in die Kamera gucken“, sagte der Fotograf.
Zahnab drehte den Kopf zurück.
„Und bitte nicht posieren.“
Er entspannte die Schulter.
„Noch weniger.“
Jennifer hielt es nicht mehr aus. „Zahnab, steig einfach in das verdammte Ding, als wärst du ein normaler Mensch.“
Er sah sie über den Rand der Schutzbrille an. „Ich bin kein normaler Mensch.“
„Das ist heute leider schon mehrfach aufgefallen.“
Nach einigen Bildern begann er sich allerdings in die Sache hineinzusteigern. Er zeigte den Sicherheitsgurt mit solcher Hingabe, als hätte er ihn persönlich erfunden, demonstrierte den Schulterblick, kontrollierte die Gabeln und erklärte dem Fotografen ungefragt, aus welchem Winkel seine Hände am besten wirkten. Als schließlich die Aufnahme zum Thema Handynutzung anstand, sollte er auf dem Fahrersitz sitzen und demonstrativ das Telefon weglegen.
„Können wir nicht erst ein Bild machen, wo ich es falsch mache?“, fragte Zahnab. „So vorher-nachher? Das hätte mehr Drama.“
Jennifer sah zum Sicherheitsbeauftragten, der tatsächlich kurz darüber nachdachte.
„Gar keine schlechte Idee“, meinte der.
Zahnab strahlte.
Jennifer schüttelte den Kopf. Natürlich. Keine zwanzig Minuten hatte es gedauert, und der Mann hatte selbst eine Sicherheitsunterweisung in ein Fotoshooting verwandelt.
Als sie später zurück in Richtung Büro ging, rief er ihr hinterher: „Prinzessin! Wenn die Bilder fertig sind, krieg ich die Dateien, oder?“
Jennifer drehte sich im Gehen noch einmal um. Zahnab stand in seiner orangefarbenen Winterjacke neben dem Stapler, Helm auf dem Kopf, Schutzbrille im Gesicht und hielt die Hände erwartungsvoll auseinander.
„Nur für interne Zwecke.“
„Jennifer!“
Sie grinste und ging weiter.
Hinter ihr hörte sie den Fotografen sagen, er solle sich bitte wieder normal hinstellen.
„Das ist meine normale Haltung“, antwortete Zahnab empört.
Jennifer musste lachen.
Manche Menschen bekamen einen ungewöhnlichen Auftrag und waren schockiert.
Zahnab brauchte ungefähr zwanzig Minuten, um daraus eine Karriere zu machen.

