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Achtundvierzig Pakete

Bonusstory

Draußen waren es zwei Grad, und obwohl Jennifer schon seit einer halben Stunde im Lager war, hatte sie das Gefühl, die Kälte würde ihr immer noch irgendwo zwischen Schulterblättern und Nacken sitzen. Tor vier stand offen, weil ein Fahrer angeblich „gleich wieder“ an die Rampe kommen wollte, und genau dieses „gleich“ war für Jennifer inzwischen ungefähr so glaubwürdig wie EMs berühmtes „Mach ich später“. Sie saß in ihrem kleinen Büro über dem Hallenboden, hatte die Jacke noch an und hielt einen großen Becher heißen Tee zwischen beiden Händen, während vor ihr ein angebrochener Beutel Spekulatius lag, den sie eigentlich nur für die Adventszeit gekauft hatte. Eigentlich. Inzwischen war Ende Januar, der halbe Beutel leer, und Jennifer hatte beschlossen, dass Gewürzkekse kein Ablaufdatum, sondern höchstens eine emotionale Saison besaßen. Sie nahm einen, tauchte ihn vorsichtig in den Tee und wartete genau lange genug, bis die Oberfläche weich wurde, ohne dass der Keks unten im Becher verschwand. Wenigstens eine Sache an diesem Morgen funktionierte nach Plan.

Auf dem zweiten Monitor dagegen stand etwas, das überhaupt nicht funktionierte: Palette 28197, achtundvierzig Pakete graue Wandfliesen, gestern eingelagert, heute nicht auffindbar. Der Kunde wollte sie am nächsten Morgen abholen, das System behauptete mit der Gelassenheit eines Menschen, der selbst nie eine Palette suchen musste, sie stünde auf Lagerplatz 14-B-03. Jennifer hatte dort bereits zweimal nachsehen lassen und war beim zweiten Mal selbst hingegangen, weil sie grundsätzlich niemandem glaubte, der ihr mit den Worten „Da steht wirklich nichts“ entgegenkam. Tatsächlich hatte dort nichts gestanden. Kein Paket, keine Palette, kein falscher Artikel, nur ein einsamer Holzsplitter und ein Stück Folie auf dem Boden, als hätte sich die Ware nachts selbst zerlegt und anschließend aus dem Staub gemacht.

„JJ, bitte sag mir noch einmal, wer die Palette gestern eingebucht hat“, sagte sie und biss in den inzwischen perfekt aufgeweichten Spekulatius.

„Die Einlagerung wurde um 16:42 Uhr durch EM bestätigt“, antwortete JJ.

Jennifer kaute langsam weiter und sah durch das Bürofenster hinunter in die Halle, wo EM gerade mit einem Scanner in der Hand an einer Palette vorbeiging und dabei so konzentriert auf das Display starrte, als könnte er durch reine Willenskraft verhindern, dass sie ihn rief. Sie kannte diesen Gang inzwischen. Etwas zu langsam, Schultern leicht nach vorne, Kopf gesenkt, genau die Körperhaltung eines Mannes, der hoffte, von seiner Vorgesetzten als Teil der Lagereinrichtung wahrgenommen zu werden.

„Natürlich war es EM“, murmelte sie und griff nach dem nächsten Spekulatius. „Wer sonst schafft es, eine Tonne Fliesen verschwinden zu lassen, ohne sich dabei bemerkbar zu machen?“

JJ antwortete darauf nichts. Jennifer war inzwischen überzeugt, dass die KI sehr wohl Humor verstand und ihn nur strategisch einsetzte, wenn es besonders nervte.

Sie stand auf, nahm den Tee mit und ging die schmale Treppe hinunter. Kaum öffnete sie die Tür zum Hallenboden, zog ihr die kalte Luft vom offenen Tor entgegen, und Jennifer blieb für einen Moment stehen, schloss die Augen und fragte sich, welcher Teil ihrer Stellenbeschreibung eigentlich vorsah, dass sie morgens frierend durch eine zugige Halle lief, weil erwachsene Menschen eine Palette verlegt hatten. Vermutlich stand das irgendwo zwischen „Führungskraft“ und „Mädchen für alles“. Auf dem Weg zu EM tauchte Zahnab mit seinem Stapler aus Gang fünf auf, Sonnenbrille im Haar, Sicherheitsweste offen und mit genau jener guten Laune, die Jennifer morgens grundsätzlich misstrauisch machte. Er hob die Hand zum Gruß, grinste und wollte gerade etwas sagen, doch Jennifer kam ihm zuvor und fragte, ob er gestern zufällig eine komplette Palette mit achtundvierzig Paketen Wandfliesen gesehen habe.

Zahnab dachte kurz nach. Das allein war bemerkenswert.

„Graue?“, fragte er schließlich. „So mittelgrau, bisschen langweilig?“

„Ja, Zahnab. Die graue Palette, die aussieht wie ungefähr sechshundert andere graue Paletten in diesem Gebäude.“

Er grinste. „Dann hab ich sie bestimmt gesehen.“

Jennifer hielt inne und sah ihn an. „Diese Aussage hilft mir ungefähr so sehr wie die Information, dass es heute kalt ist.“

„Ich meine, ich glaube, die stand gestern irgendwo hinten“, ergänzte er und deutete vage in Richtung Hallenende.

Jennifer folgte seinem Finger mit dem Blick. Hinter „irgendwo hinten“ lagen drei Gänge, zwei Außentore, der Schrottbereich, Leerpaletten und wahrscheinlich noch einige Dinge, die seit 2018 niemand mehr angefasst hatte. „Sehr präzise. Wenn wir irgendwann eine eigene Ermittlungsabteilung gründen, mache ich dich zum Kartenleser.“

Zahnab lachte, fuhr weiter und rief ihr noch hinterher, dass er ja nur helfen wolle. Jennifer antwortete nicht mehr, weil sie inzwischen EM erreicht hatte.

Er stand vor einem Stapel Kartons und tat so, als würde er etwas prüfen. Jennifer blieb neben ihm stehen, trank einen Schluck Tee und wartete. EM bemerkte sie natürlich sofort, brauchte aber noch ein paar Sekunden, um sich offiziell überraschen zu dürfen. Schließlich sah er auf und sagte mit einem Lächeln, das bereits nach schlechtem Gewissen aussah: „Morgen, Jennifer.“

„Morgen, EM. Kleine Frage: Wo ist Palette 28197?“

Sein Gesicht veränderte sich kaum, aber Jennifer sah trotzdem, wie hinter seiner Stirn hektisch Schubladen aufgingen.

„Welche war das noch mal?“

Sie hob den Teebecher etwas an. „Achtundvierzig Pakete graue Wandfliesen. Gestern um 16:42 Uhr von dir auf 14-B-03 eingebucht. Heute steht da nichts. Ich habe inzwischen drei Leute beschäftigt, zwanzig Minuten verloren und einen Spekulatius mehr gegessen, als geplant war. Denk gut nach.“

EM blickte zur Seite, dann nach oben, als hinge die Antwort irgendwo unter der Hallendecke. „Ach die“, sagte er schließlich. „Ja, stimmt. Da war was.“

Jennifer schloss kurz die Augen. Dieser Satz war in seinem Mund nie der Anfang von etwas Gutem.

„Was war da?“

„Da stand schon eine Palette auf dem Platz“, erklärte er. „Also hab ich die andere erstmal woanders hingestellt, damit ich später umräumen kann.“

Jennifer nickte langsam, hauptsächlich deshalb, weil die Alternative gewesen wäre, ihren Kopf auf eine Palette zu schlagen. „Und wo ist dieses berühmte woanders?“

EM dachte erneut nach.

„Hinten.“

Sie sah ihn an.

Er sah sie an.

„EM, wir haben mehr als zehntausend Quadratmeter Lagerfläche. Hinten ist keine Ortsangabe.“

„Bei den Außentoren vielleicht.“

„Vielleicht?“

„Ich glaube schon.“

Jennifer nahm einen tiefen Schluck Tee und stellte fest, dass er inzwischen nur noch lauwarm war. Das passte zum Tag. „Du glaubst also, dass du eine komplette Palette mit achtundvierzig Paketen gestern irgendwo bei den Außentoren abgestellt, sie im System auf einen anderen Platz gebucht und anschließend Feierabend gemacht hast?“

EM verzog den Mund. „Ich wollte sie noch holen.“

„Natürlich wolltest du das.“

„Dann war aber schon spät.“

„Und dann kam dieser völlig unvorhersehbare Vorgang namens Feierabend.“

Er nickte vorsichtig.

Jennifer sah ihn einige Sekunden lang an, bevor sie mit der freien Hand nach hinten deutete. „Los. Wir gehen suchen.“

Sie liefen gemeinsam Richtung Hallenende, wobei Jennifer zunehmend schlechte Laune bekam, je näher sie den Außentoren kamen. Hier zog es noch stärker, weil irgendwo eine Seitentür nicht richtig schloss, und spätestens als ein kalter Luftzug unter ihre Jacke kroch, war ihre Geduld endgültig aufgebraucht. Hinter Tor sechs begann die überdachte Außenfläche, auf der Leerpaletten, beschädigte Gitterboxen und allerlei Dinge standen, die irgendjemand irgendwann „nur kurz“ dort abgestellt hatte. Jennifer hasste diesen Bereich. Für sie war er eine physische Manifestation menschlicher Aufschieberitis.

Sie schob die Tür auf, trat hinaus und zog sofort die Schultern hoch. „Scheiße, ist das kalt.“

EM folgte ihr mit etwas Abstand.

Jennifer sah nach links, dann nach rechts, ging an einem Stapel Leerpaletten vorbei und blieb schließlich stehen. Ganz hinten, halb hinter einem Container und so geschickt platziert, dass man sie vom Tor aus nicht sehen konnte, stand eine eingeschweißte Palette.

Achtundvierzig Pakete.

Graue Wandfliesen.

Auf dem Etikett prangte in großen Ziffern die 28197.

Jennifer stellte sich davor und betrachtete das Ding einige Sekunden schweigend. Sie wusste nicht, was sie mehr faszinierte: dass die Palette tatsächlich hier stand oder dass EM offenbar geglaubt hatte, er könne sie später einfach wiederfinden, obwohl er sie praktisch hinter einem Container versteckt hatte.

„EM“, sagte sie schließlich, ohne sich umzudrehen, „komm bitte mal her.“

Er kam näher, sah die Palette und sagte dieses kleine, unvermeidliche „Ach“, das bei ihm immer dann auftauchte, wenn die Realität einen Teil seines Gedächtnisses wiederherstellte.

Jennifer drehte sich langsam zu ihm um. „Ja. Ach. Genau mein Gedanke.“

„Dann ist sie ja da.“

„EM, ich schwöre dir, wenn du jetzt auch noch sagst, dass damit alles gut ist, trete ich dir wirklich in den Hintern.“

Er grinste unsicher, was ein Fehler war.

Jennifer setzte den Teebecher auf einer trockenen Ecke des Containers ab, trat einen Schritt auf ihn zu und gab ihm mit der Stiefelspitze einen kurzen, kontrollierten Tritt gegen den Hintern. Nicht hart, aber deutlich genug, dass EM einen halben Schritt nach vorne machte und sich empört umdrehte.

„Ey!“

„Das war pädagogisch“, sagte Jennifer. „Der nächste wird betriebsbedingt.“

EM rieb sich demonstrativ die Rückseite seiner Hose, obwohl dort garantiert nichts wehtat. „Ich wollte sie doch wirklich noch reinholen.“

„Das glaube ich dir sogar. Genau das ist das Problem.“

Für einen Moment musste Jennifer selbst grinsen. Es war einfach zu absurd. Eine verschwundene Palette, drei beschäftigte Mitarbeiter, ein Systembestand, der aussah wie sauberer Prozess, und am Ende stand die Ware draußen hinter einem Container, weil EM irgendwann beschlossen hatte, sich später um sein eigenes Chaos zu kümmern. Wenn sie so etwas jemandem außerhalb des Lagers erzählte, hielt man es wahrscheinlich für erfunden. Im Lager war es Dienstag.

Sie nahm ihren Tee wieder auf und stellte fest, dass sich am Boden des Bechers ein Stück aufgeweichter Spekulatius gesammelt hatte. Natürlich. Sie fischte es mit dem Löffel heraus, aß es trotzdem und deutete anschließend mit dem Löffel auf EM. „Du holst jetzt einen Stapler, fährst diese Palette rein, stellst sie tatsächlich auf 14-B-03 und kontrollierst danach selbst, ob die Buchung mit der Realität übereinstimmt. Danach kommst du zu mir und sagst mir persönlich, dass sie dort steht. Wenn du auf dem Weg irgendeine neue Idee bekommst, wo man sie noch kurz zwischenlagern könnte, ignorierst du diese Idee.“

EM nickte. „Mach ich sofort.“

Jennifer hob eine Augenbraue.

„Wirklich sofort“, ergänzte er und setzte sich in Bewegung.

Er war schon einige Meter weg, als Jennifer ihm hinterherrief: „Und EM!“

Er drehte sich um.

„Wenn du heute noch einmal eine Palette irgendwo hinstellst und dir denkst, das merk ich mir, schreibst du es auf deinen Arm.“

„Mit Edding?“

Jennifer sah auf den aufgeweichten Spekulatius in ihrem Becher, dann wieder zu ihm. „Von mir aus mit Tätowiermaschine.“

EM verschwand lachend durch die Tür.

Jennifer blieb noch einen Moment draußen stehen, obwohl es kalt war, und betrachtete die Palette. Der Ärger war noch da, aber inzwischen mischte sich dieses vertraute Gefühl darunter, das sie fast jeden Tag im Lager hatte: Manchmal waren Menschen erstaunlich kompliziert, obwohl die Aufgabe eigentlich sehr einfach gewesen war.

Ware kommt.

Ware bekommt einen Platz.

Ware bleibt dort.

Theoretisch.

Sie ging zurück in die Halle, während hinter ihr bereits der Stapler ansprang. Zahnab kam im selben Moment um die Ecke, sah die Palette draußen und grinste breit. „Hab ich doch gesagt, die war irgendwo hinten.“

Jennifer blieb kurz stehen.

„Zahnab?“

„Ja, Prinzessin?“

„Verpiss dich.“

Er lachte so laut, dass es durch den halben Gang hallte, und Jennifer musste gegen ihren Willen ebenfalls grinsen.

Als sie wieder in ihrem Büro saß, war der Tee kalt. Sie machte sich einen neuen, zog den Spekulatiusbeutel näher und sah auf den Monitor. Wenige Minuten später wechselte Palette 28197 im System auf „bestätigt physisch geprüft“.

JJ meldete sich fast im selben Moment. „Die achtundvierzig Pakete befinden sich jetzt auf Lagerplatz 14-B-03.“

Jennifer tunkte einen frischen Spekulatius in den heißen Tee und lehnte sich zurück.

„Siehst du, JJ. Manchmal braucht moderne Logistik gar keine künstliche Intelligenz.“

„Was braucht sie stattdessen?“

Jennifer biss in den Keks und sah durch das Fenster hinunter, wo EM gerade noch einmal um die Palette herumging und tatsächlich kontrollierte, ob sie richtig stand.

„Gelegentlich einen Tritt in den Hintern.“

Diesmal schwieg JJ so lange, dass Jennifer sich ziemlich sicher war, die KI würde gerade lachen.

Achtundvierzig Pakete

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