PORTALBEREICHDie EOS-Trilogie · Bonus
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Nachdem ihr weg wart

Das Hangarschott schlug zwischen Carla und Leah in die Verriegelung, und für einen Augenblick blieb Carla mit beiden Händen auf dem kalten Metall stehen. Durch die massive Wand drang das tiefe Heulen der Shuttletriebwerke. Es wurde stärker, zog durch den Boden und vibrierte in ihren Armen, bis sie nicht mehr wusste, ob ihre Hände vom Antrieb oder von ihrer eigenen Angst zitterten. Leah war nur wenige Meter entfernt, und doch gab es nichts mehr, was Carla für sie tun konnte. Marc würde starten. Er musste starten. Zweiundzwanzig Menschen warteten auf der anderen Seite darauf, endlich von diesem Schiff wegzukommen.

Carla löste die Hände vom Schott und drehte sich um.

Die ersten Bugs kamen bereits zwischen den Frachtcontainern hervor. Ihre dunklen Körper bewegten sich dicht über dem Boden, die Greifer öffneten und schlossen sich mit jenem trockenen Klacken, das Carla inzwischen aus jedem Schlaf gerissen hätte. Hinter ihnen bewegte sich ein Krynn durch den Rauch, schwer und kontrolliert, die langen Auswüchse an seinem Kopf tasteten durch die Luft. Carla wusste, wie schnell diese Wesen sein konnten. Sie wusste auch, was übrig blieb, wenn sie einen Menschen erreichten.

Sie zog die Sicherung der ersten Granate, wartete, bis die Bugs zwischen den beschädigten Lastenträgern waren, und schleuderte sie unter einen Stapel Energiezellen. Die zweite folgte wenige Sekunden später. Carla rannte bereits zur Wartungsbucht, als die Explosion hinter ihr den Hangar aufriss.

Der Schlag hob sie vom Boden. Ihre rechte Schulter prallte gegen eine Seitenwand, anschließend traf ihr Hinterkopf das Metall. Hitze fuhr über ihren Rücken, Splitter schlugen gegen die Verkleidung neben ihrem Gesicht, und für einige Sekunden war jedes Geräusch verschwunden. Als Carla wieder etwas wahrnahm, lag sie auf dem Bauch und schmeckte Blut. Der Hangar war nur noch ein flackernder Raum aus Rauch, brennendem Kunststoff und verbogenen Metallstreben.

Sie blieb liegen, bis ihr Körper wieder gehorchte.

Die Schulter schmerzte, ließ sich jedoch bewegen. Unterhalb der Rippen zog es bei jedem Atemzug. Carla tastete über die Stirn und spürte eine warme, klebrige Linie bis zur Schläfe. Ein Bug lag einige Meter entfernt zwischen Trümmern. Sein Panzer war aufgebrochen, mehrere Beine bewegten sich noch. Weiter hinten hob der Krynn langsam den Kopf.

Carla stand auf.

Sie hatte keine Kraft für einen zweiten Versuch.

Der Wartungsschacht nahm sie auf, bevor das Wesen sich vollständig aus den Trümmern befreien konnte. Carla kroch durch Dunkelheit und abgestandene Luft, stieß immer wieder mit der verletzten Schulter gegen Leitungen und zog sich schließlich durch eine Luke in einen Versorgungskorridor. Dort war es deutlich kälter. Die Notbeleuchtung funktionierte nur noch abschnittsweise, und zwischen den schwachen roten Lampen lagen lange Bereiche völliger Finsternis.

Der Weg zum Safe-Raum war ihr bekannt. Carla hatte ihn oft genug genommen. Sie wusste, an welchen Abzweigungen sie nicht stehen bleiben durfte, welches Schott manchmal klemmte und wo eine alte Servicetür nur öffnete, wenn man sie nach dem Entriegeln kräftig gegen den Rahmen trat.

Sie war fast am ersten Knotenpunkt, als sie den Schrei hörte.

Er kam aus dem Kryobereich hinter ihr.

Carla blieb stehen und schloss die Augen.

Ihr Körper wollte weiter. Jeder schmerzende Knochen verlangte nach dem Safe-Raum, nach Wärme, Wasser und einer verriegelten Tür. Der Schrei kam erneut, diesmal schwächer. Eine menschliche Stimme, heiser und panisch.

Carla fluchte und ging zurück.

Schon vor dem Eingang zur Kryosektion spürte sie die Kälte. Durch das beschädigte Schott strömte Luft, die so kalt war, dass der Schweiß auf ihrer Haut innerhalb weniger Sekunden unangenehm kühl wurde. Dahinter war fast vollständig dunkel. Nur einzelne Statusleuchten an den Kapseln gaben schwaches blaues und rotes Licht ab. Kondenswasser tropfte von der Decke. Auf dem Boden lag eine dünne Schicht aus Kryogel und Wasser, die bei jedem Schritt unter Carlas Stiefeln glitt.

Eine der Kapseln hatte sich geöffnet.

Der Mann darin war vollständig nackt.

Er hing mit dem Oberkörper über dem Rand, während seine Beine noch in dem zähflüssigen Gel lagen. Seine Haut war bleich und von Gänsehaut überzogen, an den Armen klebten Reste der Flüssigkeit, die bei jedem Zittern in dünnen Fäden von ihm ablief. Seine Hände waren blaurot vor Kälte. Er versuchte, sich hochzudrücken, bekam aber kaum Kontrolle über seine Finger.

Carla erreichte ihn und schob einen Arm hinter seinen Rücken. Schon die Berührung erschreckte sie. Seine Haut war so kalt, dass sie sich fast falsch anfühlte.

„Ganz ruhig“, sagte sie. „Du bist aus der Kryo gekommen. Dein Kreislauf ist noch nicht stabil.“

Der Mann hob den Kopf. Seine Augen fanden Carla nur für einen Augenblick und verloren sie wieder. „Wo sind die anderen?“

Seine Zähne schlugen so heftig aufeinander, dass Carla den Satz kaum verstand.

Sie sah sich nach einer Thermodecke um. Das Notfach neben der Kapsel war leer. Ein zweites ließ sich nicht öffnen. Die Versorgung dieser Sektion war offenbar zusammengebrochen, und die Temperatur sank weiter.

Carla zog ihre Jacke aus.

Darunter trug sie nur das dünne Shirt, das inzwischen an mehreren Stellen mit Blut und Schmutz verklebt war. Sie legte die Jacke um die Schultern des Mannes und half ihm, die Beine aus der Kapsel zu bekommen. Er konnte kaum stehen. Seine nackten Füße rutschten auf dem kalten Boden weg, und Carla musste fast sein gesamtes Gewicht halten.

„Wir müssen hier raus“, sagte sie. „Wenn wir im Gang sind, wird es etwas wärmer.“

Der Mann brachte ein schwaches Nicken zustande. „Sind wir auf Eos?“

Carla sah ihn an. In seinen Augen lag für einen kurzen Moment etwas, das ihr beinahe mehr wehtat als seine Angst. Erwartung. Nach sechsundsiebzig Jahren war er aufgewacht und glaubte, seine Reise sei vorbei.

„Wir sind angekommen“, sagte sie. „Mehr erkläre ich dir, wenn wir aus diesem Raum raus sind.“

Sie schafften kaum zehn Meter.

Das erste Klacken kam aus der Dunkelheit zwischen den Kapseln.

Carla blieb stehen.

Der Mann bemerkte, wie sich ihr Griff um seinen Arm veränderte. „Was ist das?“

Carla zog ihn näher an sich und suchte mit den Augen die Dunkelheit ab. Die wenigen Statusleuchten reichten kaum aus, um die nächste Reihe von Kapseln zu erkennen. Zwischen zwei davon bewegte sich etwas niedrig über dem Boden.

Ein Bug trat ins blaue Licht.

Der Mann stieß einen Laut aus und wich zurück. Seine Beine hielten ihn nicht. Er rutschte an Carla hinunter und fiel auf die Knie.

Das Wesen beschleunigte.

Carla griff unter seine Achseln und versuchte, ihn hochzuziehen. „Steh auf. Komm schon.“

Seine Füße fanden keinen Halt. Der Körper gehorchte ihm noch nicht, die Muskeln waren nach dem Kryoschlaf zu schwach, und die Kälte hatte den Rest getan. Carla zog ihn trotzdem weiter, Zentimeter für Zentimeter, bis das Gewicht an ihrer verletzten Schulter sie beinahe selbst zu Boden zwang.

Der Bug erreichte sie.

Der erste Greifer traf den Mann am Unterschenkel.

Er schrie.

Carla sah, wie die Spitze in die Haut eindrang und das Bein mit einem Ruck nach hinten zog. Der Mann fiel hart auf den Rücken. Carla hielt seine Hand fest und stemmte sich mit beiden Beinen gegen den glatten Boden.

Der Bug zog erneut.

Die Haut am Bein riss auf.

Der Mann begann zu schreien, ohne noch Worte formen zu können. Carla sah Blut über seine Wade und den Boden laufen. Das Wesen zog ihn zwischen die Kapseln, während ein zweiter Greifer nachfasste und sich oberhalb des Knies in das weiche Gewebe grub.

Carla ließ seine Hand nicht los.

„Ich hab dich.“

Sie wusste bereits, dass es eine Lüge war.

Der Bug arbeitete ohne Hast. Er hielt das Bein fest, setzte den zweiten Greifer höher an und zog. Der Mann bäumte sich auf. Sein nackter Rücken schlug gegen den Boden, seine freie Hand suchte verzweifelt nach etwas, woran er sich festhalten konnte. Carla bekam beide Hände um seinen Arm und zog mit aller Kraft.

Dann gab sein Knie nach.

Das Gelenk brach mit einem dumpfen Knacken.

Der Mann schrie so laut, dass Carla für einen Moment nichts anderes mehr hörte. Sein Bein stand plötzlich in einem Winkel, der nicht mehr zu einem menschlichen Körper gehörte. Der Bug zog weiter, und Carla sah, wie die Haut an der Innenseite des Oberschenkels aufriss.

Aus der Dunkelheit kam ein zweites Klacken.

Carla blickte auf.

Noch ein Bug.

Sie sah ihn zwischen den Kapseln hervorkommen und wusste sofort, dass sie den Mann nicht mehr herausbekommen würde.

Er wusste es ebenfalls.

Seine Finger schlossen sich um ihre Hand.

„Bitte.“

Carla zog noch einmal.

Der zweite Bug erreichte seinen Oberkörper.

Einer seiner Greifer fuhr unter die Rippen. Die Spitze verschwand im Fleisch, und der Mann riss den Mund auf. Diesmal kam zunächst kein Schrei. Nur Luft. Blut lief über seinen Bauch und sammelte sich unter ihm.

Der Greifer zog seitlich.

Die Haut öffnete sich.

Carla sah Gewebe, sah eine Rippe und darunter etwas Dunkles, das sich mit jedem Atemzug bewegte. Der Mann schrie jetzt wieder. Sein Körper versuchte sich zusammenzukrümmen, während die beiden Wesen ihn in verschiedene Richtungen festhielten.

Carla zog ihre Hand weg.

Sie musste es tun.

Der Mann griff nach ihr, bekam nur noch den Ärmel ihres Shirts zu fassen und riss ein Stück Stoff heraus.

„Nein!“

Carla taumelte rückwärts.

Der erste Bug begann, den Mann zwischen die Kapseln zu ziehen. Der zweite hielt seinen Oberkörper fest und arbeitete mit den Greifern an der geöffneten Seite weiter. Carla sah noch, wie eine Rippe brach und ein Stück Fleisch gelöst wurde. Der Mann lebte. Seine Hände schlugen über den Boden, suchten nach Halt, während das Wesen das abgetrennte Gewebe mit einer Präzision anhob, die Carla den Magen zusammenzog.

Carla wollte den Blick abwenden, schaffte es aber nicht. Der Mann war noch bei Bewusstsein, obwohl sein Körper längst begonnen hatte, ihm den Dienst zu versagen. Seine Hände schlugen über den Boden, suchten nach Halt, während die Bugs ihn weiter zwischen die Kapseln zogen und mit ihren Greifern an der offenen Seite seines Körpers arbeiteten. Als sein Blick Carla noch einmal fand, lag darin keine Hoffnung mehr. Er wusste, dass sie ihn nicht zurückholen konnte. Einer der Bugs senkte den Kopf an seinen Hals, die Kiefer schlossen sich mit einem harten, feuchten Geräusch, und der Schrei brach so abrupt ab, dass Carla einen Moment brauchte, um zu begreifen, dass er tatsächlich verstummt war.

Sie wich zurück, bis ihre Schulter gegen die nächste Kapsel stieß, dann drehte sie sich um und rannte. Hinter ihr arbeiteten die Bugs weiter. Das trockene Klacken ihrer Greifer verfolgte sie durch den Kryobereich, begleitet vom schweren Schleifen des Körpers über Metall. Carla kannte inzwischen genug von der Brut, um zu wissen, dass sie ihn nicht einfach liegen lassen würden. Menschen waren für diese Wesen kein Gegner, den man tötete und zurückließ. Sie wurden mitgenommen, zerlegt, verwertet. Der Gedanke setzte sich so fest in ihrem Kopf fest, dass ihr Magen rebellierte, noch bevor sie den nächsten Korridor erreichte.

Dort schaffte sie es nur bis zur Wand. Sie stützte sich mit beiden Händen ab, beugte sich nach vorn und erbrach sich auf den kalten Boden, bis nichts mehr kam außer Magensäure und schmerzhaften Krämpfen. Ohne ihre Jacke fror sie inzwischen selbst. Das dünne Shirt klebte an ihrem Rücken, ihre verletzte Schulter pochte bei jedem Atemzug, und die Kälte kroch über die nackten Unterarme bis in die Finger. Sie blieb trotzdem nicht lange sitzen. Die Hope war kein Ort, an dem man erschöpft am Boden bleiben durfte, nur weil der eigene Körper darum bat.

Der Weg zum Safe-Raum dauerte fast eine Stunde. Mehrmals musste Carla stehen bleiben, lauschen und warten, bis Geräusche in benachbarten Korridoren verschwanden. Als sie schließlich die Tür hinter sich verriegelte, lehnte sie sich mit dem Rücken dagegen und blieb so lange stehen, bis ihre Beine wieder genug Kraft hatten, sie zu tragen. Im Raum hatte sich nichts verändert. Die Vorräte lagen dort, wo sie sie zurückgelassen hatten, auf dem Tisch standen noch die Tassen, und zwischen ihnen befand sich Leahs.

Carla ging hin und nahm sie in die Hand. Der Becher war kalt. An ihren Fingern klebte getrocknetes Blut, eigenes und fremdes, und als sie sich langsam auf den Boden setzte, blieb eine dunkle Spur am Rand zurück. Sie hielt die Tasse trotzdem fest. Erst jetzt, in der Stille des Safe-Raums, kam das Bild des Mannes zurück: seine nackte, ausgekühlte Haut, das Zittern nach dem Kryoschlaf, die Hoffnung in seinem Gesicht, als er nach Eos gefragt hatte, und wenige Minuten später derselbe Mensch auf dem Boden zwischen zwei Kapseln, während die Brut ihn auseinandernahm.

Carla presste die Lippen gegen den Rand der Tasse und schloss die Augen. Irgendwo in den Decks der Hope lagen noch immer fast achttausend Menschen in ihren Kapseln. Jeder einzelne von ihnen konnte auf dieselbe Weise aufwachen: allein, nackt, halb erfroren, ohne zu wissen, was aus dem Schiff geworden war und was inzwischen durch seine Korridore kroch. Der Mann hatte keine Chance gehabt, weil Carla zu spät gekommen war.

Als sie die Augen wieder öffnete, wusste sie, was sie beim nächsten Mal anders machen musste.

Sie würde früher da sein.

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