Der kalte Schacht
Der Reif bricht unter meinem Handschuh, als ich mich an der Leitung abstütze. Sofort zieht die Kälte durch den Stoff und schmerzt bis ins Handgelenk. Carla hält vor dem nächsten Durchgang an und betrachtet die verbogene Tür, die gestern noch offen gewesen ist. Auf ihrer Karte führt der Weg geradeaus. Jetzt hängen mehrere Tonnen Metall schräg im Rahmen, und durch den verbliebenen Spalt hören wir etwas über den Boden schleifen. Sie löscht die Projektion und deutet auf einen seitlichen Wartungszugang. Jenna bleibt dicht bei mir, während wir uns zwischen der Wand und einer ausgerissenen Verkleidung hindurchschieben.
Dahinter liegt eine schmale Halle voller Kühlleitungen. Die Isolierung hängt in zerfetzten Bahnen von den Rohren, unter denen sich Eis auf dem Gitterboden gebildet hat. Unsere Lampen erfassen einen Lastaufzug am anderen Ende. Sein Korb steht auf unserer Höhe, das Schutzgitter ist hochgezogen. Carla prüft den Weg und geht voraus. Bei jedem Schritt knirscht es unter ihren Stiefeln, und ich höre, wie sie versucht, ihr eigenes Zittern durch langsameres Atmen zu beherrschen.
Zwischen zwei Rohrbündeln hängt ein Mann.
Sein Oberkörper steckt hinter einer gelösten Halterung, der Kopf ist nach vorn gesunken. Unterhalb seines Gürtels liegen zerrissener Stoff und dunkle Gewebereste auf dem Gitter. Ein Unterarm fehlt; am anderen sind die Finger um eine Leitung geschlossen. Die Fingerspitzen haben blutige Spuren auf dem Metall hinterlassen. Jenna bleibt stehen, und ihre Schulter drückt gegen meine. Ich sehe, dass sie auf die Hand starrt. Der Mann muss sich dort festgehalten haben, während sie an ihm gezogen haben.
Carla schiebt uns weiter, ohne ihn zu berühren. Ihre Lippen bewegen sich, doch ich verstehe die Worte nicht. Unter dem Boden läuft ein leises Klacken mit uns mit. Ich senke die Lampe und sehe zwischen den Gitterstreben einen gebogenen Greifer verschwinden. Noch bevor ich den Mund aufbekomme, hebt sich hinter Jennas Ferse eine Bodenplatte. Sie kippt gegen ihr Bein, und ein schwarzer Körper schiebt sich darunter hervor.
Der Bug trifft sie seitlich und wirft sie gegen die Rohre. Jenna schreit, als einer seiner Greifer ihren Rucksack erwischt. Sie versucht sich wegzudrehen, aber das Tier zieht sich bereits in die Öffnung zurück. Ihre Beine rutschen über das Eis, ein Knie schlägt gegen den hochstehenden Gitterrand, und plötzlich liegt sie auf dem Bauch. Carla bekommt den Schultergurt zu fassen. Unter uns kratzen die Klauen des Bugs gegen die Schachtwand, während er Jenna Stück für Stück über die Kante zieht.
Ich gehe auf die Knie und suche einen Winkel für die Pistole. Jennas Jacke verdeckt den Körper des Tieres. Durch eine Lücke sehe ich die Zähne unter seiner Kopfplatte arbeiten, dicht an ihrem Bein. Carla stemmt einen Stiefel gegen den Bodenrahmen und hält den Gurt mit beiden Händen. Der Stoff schneidet ihr in die Finger. „Leah, mach schon“, presst sie hervor, und in ihrer Stimme höre ich zum ersten Mal, dass ihre Kraft nachlässt.
Jenna dreht den Kopf zu mir. Ihr Mund steht offen, ihre Wange liegt auf dem vereisten Metall. Sie bekommt keine Luft für einen weiteren Schrei, weil der Rucksackgurt quer über ihren Hals gezogen wird. Ich lege mich neben sie und schiebe den Waffenlauf durch die Öffnung. Der erste Impuls trifft die obere Panzerkante. Ein Splitter schlägt mir gegen die Braue, und die Pistole rutscht in meiner feuchten Hand. Ich setze tiefer an, direkt hinter dem Greiferansatz, und drücke wieder ab.
Schwarze Flüssigkeit schlägt mir ins Gesicht. Der Bug zuckt so heftig, dass Jennas Körper gegen den Rahmen gerissen wird. Carla nutzt die Bewegung und zieht sie zurück auf den Boden. Das Tier hängt noch immer am Rucksack, seine Beine schlagen gegen die Kante. Jenna bekommt ihr Messer frei und stößt unter die angehobene Kopfplatte. Sie muss den Griff mit beiden Händen drücken, bis die Klinge eindringt. Das Geräusch ist weich und nass. Als sie das Messer wieder herauszieht, würgt sie.
Aus der Öffnung kommt bereits der nächste.
Carla greift nach ihrer Metallstange und stößt ihm das Ende zwischen die Kiefer. Sie hält ihn gerade lange genug auf Abstand, dass ich mich auf einen Ellenbogen hochdrücken kann. Mein Schuss reißt die dünne Haut hinter seinem Unterkiefer auf. Er kippt gegen den ersten Kadaver, und seine Klauen greifen weiter ins Gitter, obwohl der Kopf nur noch schief am Körper hängt. Darunter bewegen sich weitere Rückenplatten. Ich bekomme Jenna am Oberarm zu fassen und zerre sie hoch.
Am Eingang der Halle kracht Metall gegen die Wand.
Der Krynn muss den Wartungszugang verbreitert haben. Eine abgerissene Verkleidung fällt vor ihm auf den Boden, während er sich geduckt zwischen die Rohrbündel schiebt. Seine Kopftentakel tasten durch die Luft. Er hebt den Vorderkörper, und ich sehe, wie wenig Platz zwischen seinem Rücken und den Leitungen bleibt. Carla zieht Jenna Richtung Aufzug. Ich schieße, während ich rückwärtsgehe. Die Treffer schlagen helle Bruchstellen in den Panzer. Der Krynn senkt den Kopf und kommt weiter.
Mein Absatz bleibt am aufstehenden Gitter hängen. Ich falle auf die Hüfte, rutsche über das Eis und sehe die Sichelklaue auf mich zukommen. Carla packt meine Jacke und reißt mich zur Seite. Die Klinge fährt dort in den Boden, wo eben mein Oberschenkel gelegen hat, und schneidet mehrere Streben durch. Einer der Bugs klettert über den Arm des Krynn hinweg. Ich trete nach ihm, treffe den Rand seines Panzers und spüre den Aufprall bis ins Knie.
Jenna steht im Aufzug und schlägt auf das Bedienfeld. Die Anzeige leuchtet, der Korb bewegt sich nicht. Hinter mir reißt der Krynn seine Klaue aus dem Boden. Ich stolpere durch den offenen Zugang, während Carla das Schutzgitter herunterzieht. Es fällt kaum bis auf Schulterhöhe, bevor es an einer verbogenen Führung hängen bleibt. Jenna zieht mit ihrem ganzen Gewicht daran. Das Metall kreischt, gibt ein Stück nach, und Carla schiebt die Stange quer durch die Streben, um das Gitter herunterzuhebeln.
Unter dem Bedienfeld sitzt eine Abdeckung mit einem eingelassenen Griff. Ich reiße sie auf und erkenne den Hebel der Notabsenkung. Meine Finger sind so kalt, dass ich sie kaum darum schließen kann. Erst als ich den Unterarm mitnehme und mich gegen die Wand stemme, bewegt er sich. Im Schacht lösen sich die Bremsen mit einem harten Schlag. Der Korb sackt ab und beginnt langsam zu sinken.
Die Sichelklaue fährt durch den offenen Spalt unter dem Schutzgitter.
Sie streift Carlas Jacke, schlägt gegen die Rückwand und bleibt in einer Verkleidung stecken. Carla wird seitlich gegen Jenna gedrückt. Ich sehe die Spitze wenige Zentimeter neben ihrer Hüfte aus dem Metall ragen, während der dicke Unterarm des Krynn den Zugang ausfüllt. Der Aufzug ruckt und bleibt hängen. Über uns schiebt sich sein Kopf vor die Öffnung. Zwischen den Zähnen klebt ein heller Stofffetzen.
Ich lasse den Hebel los und hebe die Pistole. Der erste Treffer platzt am Unterarm ab. Carla zieht den Bauch ein, so weit sie kann, während die Klaue die Wandverkleidung neben ihr aufreißt. „Unter das Gelenk“, sagt sie mit einer Stimme, die fast im Knirschen des Metalls verschwindet. Jenna steht reglos an der Seitenwand. Ihre Augen sind auf die Klinge gerichtet, und ich muss ihren Namen schreien, bevor sie mich ansieht.
„Halt den Hebel unten. Mit beiden Händen.“
Sie greift danach, und ich drücke den Lauf unter den Arm des Krynn. Zwischen zwei Panzerplatten liegt geripptes Gewebe frei, das sich bei jedem Zug gegen den Türrahmen spannt. Ich schieße hinein. Der Impuls öffnet eine nasse Furche, durch die ich helle Stränge sehe. Der nächste Treffer zerreißt sie. Die Klaue zuckt aus der Verkleidung und schlägt gegen den Boden. Carla wirft sich zurück, während der Korb wieder nachgibt.
Für einen Moment trägt der verletzte Arm noch unser Gewicht. Dann presst die obere Schachtkante das Gelenk gegen den Aufzugsrahmen. Ich höre erst das Brechen des Panzers, danach einen Laut, der mir bis hinter die Augen fährt. Der Arm reißt auseinander. Schwarzes Gewebe spannt sich zwischen den beiden Teilen, bevor es nachgibt und die abgetrennte Klaue vor unseren Stiefeln aufschlägt. Der Korb fällt ein Stück, die Bremse greift, und wir werden gegeneinander geworfen.
Über uns schlägt der Krynn gegen die Führungsschienen. Er lebt noch. Durch das Dachgitter rieseln Rost und Eiskristalle auf unsere Köpfe, während Jenna den Hebel festhält und weint. Sie macht dabei kaum einen Laut. Carla kniet neben ihr und hält die Stange zwischen uns und dem abgetrennten Gliedmaß, dessen Greifer sich noch immer langsam schließen.
Eine Etage tiefer kommt der Korb zum Stehen. Carla schiebt die Klaue mit der Stange aus unserem Weg, dann heben wir das verbogene Gitter gerade weit genug an, um darunter hindurchzukommen. Im Korridor muss ich mich gegen die Wand lehnen. Zwischen meinen Zähnen hängt etwas Weiches. Ich spucke es aus, würge und kratze mir mit dem Handschuh über die Lippen, bis Carla mein Handgelenk festhält.
Jenna zieht ihren Rucksack herunter. Der Gurt ist fast durchtrennt. Sie fährt mit den Fingern darunter entlang und beginnt wieder zu zittern, diesmal so heftig, dass ich ihr das Messer abnehmen muss. Carla prüft hastig ihr Bein, tastet über den zerrissenen Stoff und sieht anschließend zu mir. Ich nicke, obwohl sie mich nichts gefragt hat. Meine Pistole liegt noch immer in der anderen Hand. Ich muss jeden Finger einzeln vom Griff lösen, um die Energiezelle zu wechseln.
Aus dem Aufzugsschacht kommt erneut das Kratzen der Bugs. Carla nimmt Jenna an die Hand und führt sie vom Zugang fort. Ich folge ihnen, die Waffe dicht am Körper, und versuche beim Gehen, die frische Zelle einrasten zu lassen. Hinter der nächsten Biegung wartet irgendwo eine verriegelte Tür mit Menschen dahinter. Bis dorthin muss ich meine Hände wieder benutzen können.

