Die zweite Hand
Sana hatte eine Stoffbahn über den Tisch gezogen und suchte mit der freien Hand nach dem Maßstab. Das andere Ende rutschte langsam über die Kante. „Mara, hältst du mir das kurz fest?“, fragte sie und drehte sich erst um, als jemand danach griff. Kai stand auf der anderen Seite des Tisches. Seine aufgeplatzte Lippe war dunkel verkrustet, die linke Wange noch immer geschwollen. Er hielt den Stoff zwischen beiden Händen und sah sie an, während Sana versuchte, sich wieder daran zu erinnern, was sie gerade hatte tun wollen.
Seit der Beerdigung waren zwei Tage vergangen. Auf dem Weg zu den Werkzeugstationen kamen alle an Maras Grab vorbei, dessen frische Erde sich deutlich vom bewachsenen Boden abhob. Einige blieben stehen, andere gingen mit gesenktem Kopf daran vorüber. Tomás hatte am Morgen einen Stein aufgehoben, der neben der Einfassung lag, und ihn sorgfältig eingesetzt. Anschließend hatte er lange auf die Tafel gesehen, bevor er seinen Werkzeugkasten wieder aufnahm.
Kai zog den Stoff vorsichtig straff. Er hatte pünktlich an der Station gewartet, wie Sana es verlangt hatte. Zwei Wochen sollte er Maras Aufgaben übernehmen, immer gemeinsam mit jemandem. Bisher hatte sie ihm jeden Handgriff erklärt und dabei möglichst auf die Arbeit gesehen. Sobald ihr Blick auf seine verletzte Wange fiel, erinnerte sie sich an die beiden Männer auf dem Boden und an Mara, die ihre sauberen Stoffbahnen fallen ließ, um dazwischenzugehen.
„Halte ihn etwas tiefer“, sagte Sana und legte den Maßstab an. „Die Kante muss gerade bleiben, sonst passen die Stücke nachher schlecht übereinander.“
Kai veränderte seinen Griff. Neben der Arbeitsfläche hing das Messer in seiner neuen Halterung. Seit Maras Tod blieben die Klingen an den Stationen. Sana nahm es heraus und setzte zum Schneiden an. Als Kai nach einer Falte griff, zog sie die Hand zurück, ehe sie darüber nachdenken konnte. Die Bewegung war klein, doch er bemerkte sie und ließ den Stoff sofort los.
„Ich wollte ihn nur glattziehen“, sagte er. Seine Hände blieben einen Augenblick über der Tischplatte stehen, dann nahm er sie an den Körper. Sana sah auf die Klinge hinunter. Sie kannte Kai seit ihrer Ankunft, hatte mit ihm Wasserbehälter geschleppt und unter demselben Dach gegessen. Jetzt musste sie sich dazu zwingen, weiterzuarbeiten, während er in ihrer Nähe stand.
Sie schnitten die Bahn fertig und legten die Stücke aufeinander. Am Tisch nebenan reinigte jemand ein Filtergehäuse. Das rhythmische Bürsten verstummte immer wieder, sobald Sana oder Kai etwas sagten. Auch an den anderen Arbeitsplätzen wurde leiser gesprochen als früher. Gestern hatten sich zwei Männer über einen vertauschten Anschluss gestritten; noch bevor einer die Stimme richtig erhob, war Robert neben ihnen aufgetaucht. Danach hatten beide schweigend weitergearbeitet.
Kai nahm das nächste Stück Stoff und faltete es sorgfältig. „Ich habe vorhin ausgerechnet, wann die zwei Wochen vorbei sind“, sagte er schließlich. „Ich stand noch an ihrem Grab und habe überlegt, wie viele Tage ich davon schon geschafft habe.“ Er strich dieselbe Falte mehrfach glatt. „Das ist mir einfach durch den Kopf gegangen.“
Sana legte das Messer zurück in die Halterung. Sie hörte seinen Atem und wusste, dass er auf etwas wartete, das ihm diesen Gedanken erträglicher machte. Dabei war sie selbst seit dem Morgen wütend auf Menschen gewesen, die nach trockenen Tüchern fragten, weil Mara sie sonst gebracht hätte. Jede neue Bitte hatte ihr gezeigt, wie viel Arbeit liegen blieb, und sie hasste es, dass sie ausgerechnet darüber nachdachte.
„Ich habe dir diese Aufgaben gegeben, weil ich wollte, dass du begreifst, was sie hier jeden Tag gemacht hat“, sagte sie. „Wie du danach mit dir weiterleben sollst, weiß ich auch nicht. Und heute schaffe ich es nicht, dir dabei zu helfen.“
Kai nickte, ohne aufzusehen. Sana ging zu Tomás und bat ihn, eine Weile bei Kai zu bleiben. Sie musste den Grund nicht erklären. Er stellte seinen Kasten unter den Tisch und übernahm das andere Ende der nächsten Stoffbahn, während sie sich die Hände an der Hose abwischte und zum Gemeinschaftsbereich ging.
Dario saß dort auf einer Bank und arbeitete an einem beschädigten Verschluss. Als Sana sich neben ihn setzte, schob er seine Sachen ein Stück zusammen. Eine Weile sahen sie zu den Pflanzkästen hinüber. Hinter ihnen klirrte Geschirr, und vom medizinischen Modul kam Yara mit einem leeren Becher zurück. Vor Milans Tür sprach sie kurz mit der Wache. Sana folgte ihr mit den Augen, bis Dario das Werkzeug sinken ließ.
„Du hast mich festgehalten“, sagte er. „Als ich aufstehen wollte. Ich wäre direkt zwischen die beiden gefallen.“
Sana erinnerte sich an seine Jacke unter ihren Fingern und daran, wie schwer er gegen sie gesackt war. Während sie ihn zurückgezogen hatte, war Mara an ihnen vorbeigegangen. Immer wieder stellte Sana sich vor, ihre Hand hätte eine andere Jacke erwischt. Sie wusste genau, welche Bewegung sie damals gemacht hatte, und versuchte trotzdem, sie in der Erinnerung zu verändern.
„Ich sehe sie noch an mir vorbeigehen“, sagte sie. Dario schob den Verschluss in seinen Werkzeugbeutel und blieb neben ihr sitzen. Er erzählte ihr nicht, dass sie rechtzeitig gewesen war, weil er noch lebte. Dafür war Sana ihm dankbar.
Später kam Nora mit zwei Schalen zu ihnen. Sana nahm ihre entgegen, obwohl sie kaum Hunger hatte. Am anderen Ende der Bank begann jemand von Mara zu erzählen: wie sie die nassen Tücher immer wieder umgehängt hatte, sobald der Wind drehte. Sana erinnerte sich daran, wie oft sie ihr dabei im Weg gestanden hatte. Einmal hatte Mara ihr kurzerhand den ganzen Stapel in die Arme gedrückt und sie mitgenommen.
„Sie konnte ziemlich ungeduldig werden“, sagte Sana. „Vor allem, wenn man behauptete, etwas sei trocken, nur weil man keine Lust mehr hatte, sich darum zu kümmern.“
Dario lächelte kurz. Sana spürte selbst ein Lächeln kommen, bevor ihr die Augen vollliefen. Sie stellte die Schale ab und beugte sich vor. Nora blieb neben ihr, während Sana mit dem Handballen gegen den Mund drückte. Vom Arbeitstisch hörte sie Tomás etwas erklären. Die Pumpen liefen weiter, und irgendwo wurde nach einem Behälter gefragt. Sie brauchte mehrere Minuten, bis sie wieder aufsehen konnte.
Als sie zur Station zurückkam, lagen die zugeschnittenen Tücher ordentlich in einem Korb. Kai wartete neben Tomás. Sana prüfte die oberen Stücke und erklärte, welche davon zur Wasserentnahme mussten. Die kleineren würden sie bei den Pflanzkästen brauchen. Kai hörte aufmerksam zu und nahm den Korb erst hoch, nachdem sie ihm den Weg gezeigt hatte.
An Maras Grab blieb Sana stehen. Kai wartete einige Schritte hinter ihr, während Tomás neben der Werkzeugstation seine Sachen einräumte. Die Schrift auf der Tafel war noch frisch. Sana hatte Mara am Tag ihres Todes gesagt, sie solle die Stoffbahnen einfach ablegen, sie würden sich später darum kümmern. Jetzt waren sie gewaschen und zugeschnitten. Morgen würden wieder neue gebraucht.
Sana griff nach einem Henkel des Korbes. Kai hielt den anderen fest, und gemeinsam trugen sie ihn zur Wasserentnahme. Beim Abstellen drückte sie die Falten mit der Hand zurecht, damit die Tücher ordentlich lagen. Danach blieb sie noch einen Moment davor stehen. Mara hätte gewusst, wo der Deckel war.

