PORTALBEREICHDie EOS-Trilogie · Bonus

BONUS

Die fehlenden Sekunden

Eos-Bonusstory

Die fehlenden Sekunden

Helene hatte sich vorgenommen, nur die technischen Verzeichnisse zu prüfen. Am nächsten Morgen würden die anderen wieder nach Anschlussplänen fragen, nach Wartungsanweisungen für Geräte, deren Beschriftungen kaum noch lesbar waren. Dafür hatte sie die Daten mitgenommen, und dafür saß sie jetzt an einem Tisch, dessen kürzeres Bein mit einem gefalteten Stück Verpackungsmaterial unterlegt war. Jedes Mal, wenn sie sich vorbeugte, knisterte es unter ihrem Stiefel.

Durch das offene Fenster kam kühle Luft herein. Draußen ging eine Wache über die Plattform, blieb kurz unter der Lampe stehen und setzte ihren Rundgang fort. Helene verfolgte die Schritte, bis sie verklungen waren. Seit der Landung musste sie sich ständig daran erinnern, dass Menschen draußen unterwegs sein konnten, ohne sofort um ihr Leben zu rennen.

Auf dem Bildschirm lief die Prüfung der kopierten Archive weiter. Die meisten Verzeichnisse ließen sich öffnen; einige enthielten Dateien, deren Ende bereits beim ursprünglichen Empfang gefehlt hatte. Helene markierte die betroffenen Bereiche, damit später niemand einen abgeschnittenen Bauplan für vollständig hielt. Als sie zu den Nachrichten von der Erde gelangte, wollte sie den Ordner zunächst überspringen. Dann sah sie das Empfangsdatum einer Übertragung und blieb mit dem Finger über dem Display stehen.

Damals hatte sie schon seit Jahrzehnten geschlafen.

Sie öffnete die Datei. Ein graues Bild erschien, durchzogen von waagerechten Streifen. Im Ton knackte es, und Helene senkte hastig die Lautstärke, bevor eine Frauenstimme aus dem kleinen Lautsprecher kam.

„Die Ausgabestelle bleibt bis zum Einbruch der Dunkelheit geöffnet. Wer Angehörige im südlichen Sammelbereich vermisst, kann die Namen bei uns hinterlegen. Wir gleichen die Listen zweimal täglich ab.“

Die Frau saß vor einer hellen Wand. Hinter ihr bewegten sich Menschen, doch das Bild zerfiel bei jeder größeren Veränderung in farbige Flächen. Helene erkannte den Rand eines Wasserbehälters und einen Arm, der einen Becher darunterhielt. Am unteren Bildrand stand der Name des Senders; von der Ortsangabe waren nur wenige Buchstaben übrig geblieben.

Sie ließ das Programm die lesbaren Bildteile zusammensetzen. Die Wand wurde deutlicher, das Gesicht gewann Konturen. Eine Frau mit zurückgebundenen Haaren, müden Augen und einer Druckstelle auf dem Nasenrücken sah knapp an der Kamera vorbei. Helene kannte diesen Blick von Menschen, die ihre Maske nur für wenige Minuten abnahmen.

Die Frau begann einen weiteren Satz, wandte sich jedoch plötzlich nach links. Jemand außerhalb des Bildes sagte etwas, worauf sie die Lippen zusammenpresste und den Kopf schüttelte. Für einen Augenblick glaubte Helene, sie würde weinen. Dann zog die Frau die Schultern hoch und lachte so unvermittelt, dass Helene näher an den Bildschirm rückte.

Auf der bereinigten Tonspur war davon kaum etwas geblieben.

Helene schaltete die Sprachfilter aus und hörte die Stelle erneut an. Unter dem Rauschen kam nun ein zweites Mikrofon durch, leiser und voller Hintergrundgeräusche. Ein Mann hatte offenbar versucht, einen Becher abzustellen. Man hörte etwas umfallen, ein erschrockenes Fluchen und anschließend seine empörte Erklärung, dass der Tisch seit gestern schief stehe. Die Frau vor der Kamera lachte noch immer, obwohl sie sichtlich versuchte, weiterzusprechen.

Helene sah auf das Verpackungsmaterial unter ihrem eigenen Tisch.

Sie musste lächeln und erschrak darüber. Ihre Hand ging zum Mund, während auf dem Bildschirm eine fremde Frau darum kämpfte, ihre ernste Miene wiederzufinden. Jemand reichte ihr ein Tuch. Sie wischte über die Tischplatte, entschuldigte sich bei den Zuschauern und setzte zur nächsten Mitteilung an. Mitten im ersten Wort brach die Aufnahme ab.

Helene startete sie noch einmal.

Beim dritten Durchlauf öffnete sich hinter ihr die Tür. Frank blieb im Eingang stehen und hielt ein zusammengerolltes Kabel in der Hand. Er wollte wissen, ob sie inzwischen die Unterlagen für die Ladehalterungen gefunden hatte. Als er den Bildschirm sah, verstummte er und legte das Kabel auf eine Kiste.

„Ist das von der Erde?“, fragte er. Helene nickte und schob ihm einen Hocker heran, ohne die Wiedergabe anzuhalten. Er setzte sich langsam, die Unterarme auf den Knien, und hörte der Frau zu. Beim Umfallen des Bechers entwich ihm ein kurzer Laut, halb Lachen, halb ausgeatmete Luft. Als das Bild erlosch, blieb er vorgebeugt sitzen.

„Ich hatte vergessen, wie das geklungen hat“, sagte er nach einer Weile. „Leute in einem Raum, irgendwo im Hintergrund. Einer macht etwas Dummes, und alle haben für einen Moment denselben Gedanken.“

Helene ließ den Finger über der Zeitleiste stehen. Sie erinnerte sich an die Stimmen im Frachtraum, an das leise Stöhnen zwischen den verzurrten Kisten und an die Namen, die sie vor dem Abflug ausgesprochen hatte. Seitdem hatte sie kaum nachgedacht, bevor sie etwas tat. Jemand brauchte Wasser, also holte sie welches. Ein Verband musste gehalten werden, also hielt sie ihn. Hier konnte sie nur zusehen, wie eine Frau nach ihrem Tuch griff.

„Ich möchte wenigstens wissen, wo das war“, sagte sie. „Vielleicht gibt es eine zweite Übertragung vom selben Sender.“

Frank zog den Hocker näher. Gemeinsam suchten sie die benachbarten Empfangspakete ab. Helene verglich die Zeitmarken und ließ die verbliebenen Kennungen prüfen, während Frank auf einem zweiten Fenster die Vorschaubilder durchging. Es gab weitere Nachrichten, aber keine ließ sich dieser Aufnahme sicher zuordnen. Die fehlenden Sekunden waren auch auf den mitkopierten Sicherungen nicht vorhanden.

Das Programm bot an, die unverständlichen Worte aus dem Zusammenhang zu ergänzen. Helene ließ sich die Vorschläge anzeigen. Drei mögliche Ortsnamen erschienen unter dem Bild, alle mit niedriger Übereinstimmung. Sie betrachtete sie lange genug, um zu merken, dass sie den ersten bereits glauben wollte. Ein Name hätte ihr erlaubt, nach einer Karte zu suchen und dort einen Punkt zu setzen. Sie hätte etwas über diesen Ort herausfinden können, vielleicht sogar, was später mit ihm geschehen war.

Schließlich schloss sie das Fenster.

Frank wartete, bis sie wieder zu ihm sah. „Du hast die Aufnahme heruntergebracht“, sagte er. „Dass wir den Rest nicht haben, hast du nicht entschieden.“

Helene wollte etwas erwidern, doch ihre Kehle zog sich zusammen. Sie blickte zurück auf das eingefrorene Gesicht. Die Frau hatte den Kopf leicht gesenkt, eine Hand lag noch auf dem nassen Tisch. Als die Nachricht an Bord der Hope eingetroffen war, hatte Helene in ihrer Kammer gelegen und von alldem nichts gewusst. Jetzt saß sie auf einem anderen Planeten und konnte der Frau nicht einmal sagen, dass jemand zugehört hatte.

Frank griff nicht nach ihr. Er blieb auf seinem Hocker, nahm das Kabel von der Kiste und begann, die verdrehten Schlaufen auseinanderzulegen. Helene war ihm dankbar für diese kleine Beschäftigung, die ihr Zeit ließ. Sie wischte sich über die Wangen und öffnete anschließend das Beschreibungsfeld der Datei.

Sie hielt fest, welche Teile der Übertragung fehlten, und ließ den Herkunftsort ausdrücklich offen. Die ungefilterte Tonspur legte sie neben die verständlichere Fassung, damit das Lachen erhalten blieb. Danach schrieb sie einen Hinweis für diejenigen, die das Archiv später öffnen würden: eine Mitteilung aus einer Notunterkunft, unterbrochen durch ein Missgeschick am Tisch. Über das weitere Schicksal der Menschen enthielt die Aufnahme keine Auskunft.

Als sie fertig war, bat Frank sie, die Stelle noch einmal abzuspielen. Diesmal lehnten sie sich beide zurück. Sie hörten den Becher fallen, den Mann über den Tisch schimpfen und die Frau lachen, bis sie kaum Luft bekam.

Unter Helenes Stiefel knisterte das Verpackungsmaterial. Frank sah hinunter, zog ein flaches Reststück aus seiner Jackentasche und schob es unter das zu kurze Tischbein. Dann setzte er sich wieder neben sie, während die Übertragung weiterlief.

Die fehlenden Sekunden

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