PORTALBEREICHDie EOS-Trilogie · Bonus

BONUS

Der nächste Patient

Eos-Bonusstory

Yara hatte die Medikamente wieder eingeräumt, doch die beiden chirurgischen Versiegelungssets lagen noch auf dem Behandlungstisch. Sie kontrollierte die unbeschädigten Siegel, obwohl sie das am Nachmittag bereits getan hatte, und schob die Packungen in ihre Halterung. Früher hatte sie solche Bestände nachbestellt, bevor die Lücken im Schaumstoff sichtbar wurden. Hier konnte sie die leeren Fächer auswischen und darauf achten, dass wenigstens die verbliebenen Packungen trocken blieben.

Marc kam mit Nora zurück, als draußen die Arbeitslichter angingen. Er setzte sich vorsichtig auf den Hocker, den er schon bei der Besprechung benutzt hatte, und legte sein Pad zwischen die beiden Sets. Nora blieb zunächst an der Tür stehen. Durch den schmalen Spalt hörte Yara jemanden nach einem Werkzeug rufen; anschließend schabte etwas Schweres über die Plattform. Sie wartete, bis Nora die Tür geschlossen hatte, und zog sich einen zweiten Hocker heran.

„Die Bestände habt ihr jetzt“, sagte sie. „Ich möchte noch darüber sprechen, was passiert, bevor die Fächer leer sind. Die Leute werden anfangen, mich zu fragen, ob sie eine Behandlung wirklich brauchen. Manche tun das schon. Sie sehen mich zählen und überlegen sich beim nächsten Mal, ob ihr Problem wichtig genug ist.“

Nora legte ihr Aufnahmegerät auf den Tisch, ließ es jedoch ausgeschaltet. „Was sagen wir ihnen? Dass sie trotzdem kommen sollen, während wir gleichzeitig erklären, wie knapp alles wird?“ Sie setzte sich auf die Kante einer geschlossenen Transportkiste. „Sie werden glauben, dass wir die schlimmen Fälle meinen. Jeder wird jemanden kennen, dem es schlechter geht.“

Yara rieb mit dem Daumen über eine raue Stelle an ihrem Zeigefinger. „Genau davor habe ich Angst. Jemand läuft mit einer entzündeten Wunde weiter, weil er Verbandsmaterial sparen will. Wenn er endlich kommt, brauche ich womöglich Medikamente, die bei einer früheren Versorgung gar nicht nötig gewesen wären. Und während er hier liegt, fehlt er draußen. Dann übernimmt jemand seine Arbeit, schläft weniger und verletzt sich bei einer Aufgabe, für die er längst zu müde ist.“

Marc hatte die Verbrauchsprognose geöffnet. Er betrachtete sie einige Sekunden und schob das Pad näher zu Yara. „Wir müssen auseinanderhalten, was wir selbst auffangen können und wofür wir zwingend Nachschub brauchen. Bei der Aufbereitung von Instrumenten kann ich helfen. Ich kann prüfen, wie wir die vorhandenen Geräte zuverlässiger versorgen und welche Teile wir ersetzen können. Aber bei den Wirkstoffen brauche ich von dir eine klare Grenze.“

Yara nahm eine der Packungen in die Hand und drehte sie so, dass er die Kennzeichnung lesen konnte. „Hier liegt die Grenze. Die Träger und Halterungen kannst du irgendwann vielleicht nachbauen. Die Substanz darin fehlt uns trotzdem. Und selbst wenn wir auf Eos etwas mit ähnlicher Wirkung finden, muss ich erst wissen, was es im menschlichen Körper anrichtet. Ich werde niemandem ein unbekanntes Extrakt geben, weil uns die vertrauten Medikamente ausgehen.“

Marc nickte und vermerkte etwas. Durch die Wand kam das gedämpfte Summen der Versorgungspumpe. Für einen Moment folgte Yara dem Geräusch, das ihr inzwischen so vertraut war, dass sie jede Unterbrechung bemerkte. Solange es gleichmäßig lief und die Geräte ihre Anzeigen beleuchteten, sah der Raum nach einer funktionierenden Krankenstation aus. Besucher richteten sich häufig schon beim Eintreten auf. Sie sahen die Technik und erwarteten Hilfe.

„Der Scanner wird noch arbeiten, wenn bestimmte Behandlungen längst kaum noch möglich sind“, sagte sie. „Ich werde sehen können, wo eine Verletzung sitzt und wie sich der Zustand verschlechtert. Vielleicht genauer als je zuvor. Aber die Anzeige gibt mir weder ein Antibiotikum noch zusätzliche Hände für einen Eingriff.“ Sie legte die Packung zurück. „Wenn die Versiegelungen aufgebraucht sind, werde ich weiter operieren. Es dauert länger. Ich brauche mehr Unterstützung, und gleichzeitig kann ich mich um niemanden sonst kümmern.“

Nora sah auf die schmale Liege hinter ihr. Dort war Platz für einen Menschen; ein zweiter musste auf einer Matte am Boden versorgt werden. „Und wenn mehrere gleichzeitig hereinkommen?“ Ihre Stimme blieb ruhig, doch Yara hörte die Anstrengung darin. Nora kannte den Raum voll genug, um sich die Antwort selbst geben zu können.

„Dann entscheide ich, wer zuerst Hilfe braucht und wem ich mit den vorhandenen Mitteln helfen kann“, antwortete Yara. „Das gehört zu meiner Arbeit. Was ich verhindern möchte, ist eine zusätzliche Entscheidung darüber, für wen sich ein Medikament angeblich mehr lohnt. Irgendwann wird jemand sagen, wir müssten einen Techniker zuerst behandeln, weil ohne ihn eine Anlage ausfällt. Vielleicht wird es sogar ein vernünftiger Mensch sein, der das sagt. Wir sollten vorher wissen, wie wir darauf reagieren.“

Marc nahm die Hand vom Pad. Sein Blick blieb einen Moment auf dem Tisch, bevor er Yara wieder ansah. „Bei mir will ich das jedenfalls nicht hören. Ich kann meine Zugänge dokumentieren und anderen zeigen, wie sie die Anlagen bedienen. Wenn wir jemanden bevorzugen müssen, weil nur er einen Schalter findet, haben wir vorher etwas gründlich falsch gemacht.“ Er zog das Gerät wieder zu sich und öffnete eine neue Notiz.

Nora ließ ihm Zeit zum Schreiben. Dann wandte sie sich an Yara. „Die Versorgung bleibt deine medizinische Entscheidung. Und wir müssen dafür sorgen, dass du sie überhaupt treffen kannst, ohne bei jedem Verband schon den nächsten Patienten im Kopf zu haben. Welche Entlastung brauchst du sofort? Etwas, das morgen früh anfängt und auf keinen Rückflug warten muss.“

Yara antwortete zunächst mit Dingen, die ihr beim täglichen Arbeiten auffielen. Sie brauchte verlässlich saubere Tücher und Hilfe bei der Vorbereitung des Raums. Menschen mit verletzten Händen mussten andere Aufgaben bekommen, auch wenn sie behaupteten, sie könnten trotzdem tragen. Für die Kontrolle der Bestände genügte jemand, der sorgfältig arbeitete und Rückfragen stellte. Während sie sprach, ergänzte Marc die technischen Aufgaben; Nora hielt fest, was sie mit den anderen besprechen mussten.

Erst als sie bei den Schmerzmitteln ankamen, wurde Yara langsamer. Sie sah zur Tür und strich mit zwei Fingern eine Falte aus ihrer Hose. „Heute hat mir jemand gesagt, er halte es noch aus. Ich hatte das Mittel bereits in der Hand.“ Sie schwieg kurz, bevor sie weiterredete. „Für einen Moment war ich erleichtert, weil die Packung dann vielleicht noch einen Tag länger reichen würde. Danach habe ich ihn gefragt, wann er zuletzt vernünftig geschlafen hat.“

Nora rückte auf der Kiste etwas nach vorn, ohne Yara zu unterbrechen. Marc ließ das Pad sinken. Yara hätte das Gespräch gern wieder zu den Geräten geführt, zu einer Aufgabe, die sich verteilen ließ. Doch sie hatte die beiden genau deshalb zurückgerufen, und es kostete sie mehr Überwindung als erwartet, bei dem zu bleiben, was sie sagen wollte.

„Er hatte Schmerzen, die ich behandeln konnte. Ich habe ihn versorgt“, fuhr sie fort. „Aber dieser erste Gedanke war da. Der Mann saß vor mir, und ich habe mich gefreut, dass er mich vielleicht nichts kosten würde. Ich möchte merken, wenn ich anfange, so zu arbeiten. Ich möchte es merken, bevor jemand darunter leidet.“

Nora schob ihr das ausgeschaltete Aufnahmegerät ein Stück aus dem Weg. „Dann sag es uns wieder, wenn es passiert. Du musst dich hier vor uns nicht erst zusammenreißen, damit wir anschließend mit gutem Gewissen schlafen können.“ Sie wartete, bis Yara sie ansah. „Die fehlenden Vorräte sind unser gemeinsames Problem. Du bist diejenige, bei der wir seine Folgen am deutlichsten sehen.“

An der Tür klopfte es vorsichtig. Eine Frau stand draußen und hielt ihre linke Hand gegen die Brust. Zwischen Daumen und Zeigefinger klebte ein schmutziges Tuch, das sie offenbar selbst darumgewickelt hatte. Ihr Blick ging an Yara vorbei zu den Packungen auf dem Tisch. „Ich wollte eigentlich erst morgen kommen“, sagte sie. „Es ist nur beim Festziehen einer Verbindung passiert.“

Yara stand auf und zog die Untersuchungslampe heran. Nora schloss die Vorratsübersicht, während Marc seinen Hocker an die Liege schob und den Weg freimachte. Die Frau setzte sich zögernd, noch immer mit der Hand vor dem Körper. Erst als Yara sie nach dem Unfall fragte und ihr aufmerksam zuhörte, ließ sie zu, dass sie das Tuch betrachtete.

Neben der Lampe lag eine versiegelte Wundauflage. Yara nahm sie aus dem Fach, prüfte die Verpackung und legte sie bereit. Die Frau beobachtete ihre Hände. „Muss dafür wirklich eine neue aufgemacht werden?“, fragte sie leise. Yara zog sich Handschuhe an und rückte näher. „Ich sehe mir jetzt an, was deine Hand braucht. Deshalb bist du hier.“

Marc nahm das Pad vom Behandlungstisch, damit Yara Platz hatte. Nora blieb bei der Frau sitzen und half ihr aus der Jacke. Als Yara die Verpackung öffnete, hörte sie das kurze Reißen der Folie besonders deutlich. Später würde sie den Verbrauch eintragen. Zuerst ließ sie sich erzählen, seit wann die Finger wehtaten.

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