PORTALBEREICHDie EOS-Trilogie · Bonus

BONUS

Die Absicherung der Direktivenversammlung

EOS-Bonusstory

Auf meinem Armband erscheint Roberts Position, obwohl ich ihn zwischen den Staubfächern längst nicht mehr sehen kann. Er bewegt sich am westlichen Rand des freigegebenen Streifens entlang, geduckt und ohne eingeschalteten Transponder. Auf dem kleinen Bildschirm folgt ihm eine gelbe Kontur, die für einen Augenblick breiter wird, als er hinter einem Stamm verschwindet. EVA ergänzt eine zweite Messung und zieht die Markierung wieder enger um seinen Körper.

„Am westlichen Zugang bewegt sich eine Person ohne aktive Kennung“, meldet sie. „Beide Wachposten haben den Hinweis erhalten. Der Kontakt wird weiterverfolgt.“

Neben mir hebt Marc den Kopf. Er hat sein Pad an einer Stütze befestigt und die Anzeige so eingestellt, dass er gleichzeitig die Messwerte und den Weg sehen kann. Als Robert aus dem Bewuchs tritt, bestätigt die Wache am Rand der Plattform den Sichtkontakt. Erst danach schaltet er sein Armband wieder frei, und sein Name erscheint an der Kontur. Ich nehme den Finger von der Testfreigabe und merke, wie fest ich das Gerät gehalten habe.

Nora wartet unter dem großen Dach darauf, dass ich mich endlich mit dem Text beschäftige, den ich nachher vorlesen soll. Im Moment interessieren mich die Messungen mehr. Über Marcs Pad liegt die Umgebung als räumliche Projektion, durchzogen von Sichtachsen, deren Reichweite an jedem Hindernis endet. Wo ein Felsen den Blick versperrt, bleibt ein dunkler Bereich stehen. EVA füllt solche Lücken mit keiner hübschen Schätzung mehr, seit ich Marc deswegen beinahe den Kopf abgerissen habe. Unbeobachtet muss auf einer Sicherheitsanzeige auch unbeobachtet aussehen.

Den größten Teil der Erfassung liefern die Außenanlagen des Shuttles. Seine Navigationssensorik kann Abstände zu bewegten Hindernissen bestimmen und Temperaturunterschiede auflösen, die unseren Augen entgehen. Marc hat sie mit zusätzlichen Messköpfen an den Randplattformen verbunden. Die Laserabtastung erfasst Veränderungen an den Zugängen, während das Nahbereichsradar Bewegungen auch dort verfolgt, wo dünner Bewuchs die Kameras behindert. EVA legt die Ergebnisse übereinander und berechnet fortlaufend, welche Kontakte sich unserem Aufenthaltsbereich nähern.

Unter dem Dach fängt jemand an zu lachen. Auf der Projektion öffnen sich mehrere Mundkonturen, Körper verschieben sich auf ihren Kisten, und draußen bewegt sich weiterhin Roberts Markierung. EVA verarbeitet beides gleichzeitig. Sie braucht keinen Moment zum Hinsehen und muss den Blick auch nicht von einer Seite der Siedlung zur anderen wenden. Während ich mich über eine einzige unklare Bewegung beuge, hat sie bereits die nächsten Messungen abgeglichen.

Trotzdem ziehe ich den Datenstecker aus Marcs Verteiler.

Mein Armband vibriert sofort. Am westlichen Zugang blinkt der örtliche Signalgeber auf, gespeist aus seiner eigenen Energiezelle. EVA meldet die unterbrochene Leitung und führt die noch erreichbaren Sensoren über die Funkverbindung weiter. Der ausgefallene Blickwinkel bleibt deutlich markiert, bis ich den Stecker wieder einsetze und die Verbindung geprüft ist. Robert beobachtet den Vorgang, ohne etwas zu sagen; anschließend lässt er sich von beiden Wachen bestätigen, dass auch ihre Geräte reagiert haben.

Wir sind noch immer auf EVA angewiesen, und dieser Gedanke gefällt mir keinen Deut besser als am ersten Tag. Deshalb erhalten unsere Anzeigen die Sensorausgaben zusätzlich direkt, und deshalb besitzt jeder Posten einen eigenen Alarmgeber. EVA kann uns aus einer Datenmenge eine brauchbare Lage berechnen, in der ich mich stundenlang verlieren würde. Die Entscheidung, ob jemand hinausgeht oder alle zurück ins Shuttle müssen, bleibt bei uns. Robert braucht dafür weder ihre Zustimmung noch eine Wortmeldung unter dem Dach.

Er legt sein Pad neben Marcs Anzeige und zeigt mir die nächsten Ablösungen. Die Namen ziehen sich bis durch die kommende Nacht und weiter in den nächsten Tag. Je zwei Menschen haben Wache, während die anderen arbeiten oder schlafen. Nach zwei Stunden werden sie abgelöst; wer übernimmt, bleibt zunächst neben seinem Vorgänger stehen und lässt sich die beobachteten Kontakte zeigen. Erst wenn die Übergabe bestätigt ist, darf der andere gehen.

„Und falls jemand seine Ablösung verpennt?“, frage ich, obwohl ich Roberts Antwort ahne. Er schaut mich kurz an und schiebt das Pad zurück in seine Tasche.

„Dann weckt ihn jemand. Der Posten bleibt besetzt, bis Ersatz da ist. Ich möchte hier niemanden finden, der seit sechs Stunden in dieselbe Dunkelheit starrt und sich dafür besonders tapfer hält.“

Für die Versammlung beziehen die beiden Wachen die äußeren Enden der überdachten Plattform. Von dort sehen sie die Zugänge, können einander erreichen und bleiben nahe genug, um unsere Stimmen zu hören. Robert übernimmt die bewegliche Sicherung zwischen ihnen. Die Arbeiten draußen sind beendet, sämtliche Werkzeuge hereingeholt und die Wege zum Shuttle frei. Heute müssen sie niemanden zusätzlich zwischen Pflanzkästen oder an der Wasserentnahme im Blick behalten.

Eine der Frauen prüft ihren Empfänger und steckt sich das Haar unter die Kapuze. Ich habe sie heute Morgen noch am Filter gesehen, mit roten Händen und einem Ärmel, aus dem Wasser tropfte. Jetzt kontrolliert sie den Waldrand. Ihre Schale steht auf einer Kiste hinter ihr, zugedeckt, damit das Essen warm bleibt. Nora hat beiden Posten den Text bereits gegeben; sobald einer etwas dazu sagen möchte, übernimmt eine Ablösung seinen Platz. Auch wer auf uns aufpasst, soll seine Stimme behalten.

Ich will gerade zu Nora gehen, als mein Armband erneut vibriert. Diesmal ist der Testmodus geschlossen. Auf der Flussseite erscheint ein Kontakt außerhalb des beleuchteten Bereichs, dessen Richtung sich langsam zur Siedlung verschiebt. EVA vergrößert den Ausschnitt, und zwischen den dunklen Ufersteinen wird eine warme Fläche sichtbar. Für eine sichere Zuordnung reicht das Bild noch nicht.

Robert bleibt neben mir stehen und hebt sein Handgelenk an den Mund. Die Wache auf der Flussseite bestätigt, dass sie die Markierung erhalten hat. Ihr Gegenüber bleibt zum Wald ausgerichtet, während Robert sich so versetzt, dass er den Zugang vom Ufer aus einsehen kann. Niemand geht hinaus, um nachzuschauen. Marc legt die Hand an die Konsole und holt das Bild der zweiten Kamera dazu.

„Der Kontakt bleibt außerhalb der inneren Warnlinie“, sagt EVA in unseren Ohrstücken. „Die Bewegungsrichtung wird aktualisiert. Am südlichen Zugang besteht freie Sicht.“

Ich sehe zum Dach hinüber. Nora bemerkt meinen Blick und hält das Gerät mit unserem Text locker vor dem Bauch. Sie wartet, während Yara neben Dario stehen bleibt und sich vergewissert, dass seine Stütze erreichbar ist. Bis zum Shuttle führt eine breite, freie Gasse zwischen den Plattformen. Wir haben sie nachmittags gemeinsam abgelaufen, auch mit Dario, damit niemand erst im Ernstfall herausfinden muss, wo er mit dem verletzten Bein hängen bleibt.

Die warme Fläche löst sich zwischen den Steinen hervor. Im zweiten Kamerabild erkenne ich einen niedrigen Körper, der sich am Wasser entlangbewegt. EVA verbindet die beiden Ansichten, korrigiert die Richtung und führt die Markierung flussabwärts weiter. Das Tier nähert sich unserem Zugang nur noch im schrägen Blickwinkel. Robert wartet, bis die Wache denselben Verlauf bestätigt, und nimmt dann die Hand vom Gewehrgriff.

„Beobachtung bleibt bestehen“, sagt er. „Wir fangen erst an, wenn es am nächsten Vorsprung vorbei ist.“

Es dauert kaum eine Minute. Ich verbringe sie mit dem Blick auf die Anzeige und spüre trotzdem jede Bewegung unter dem Dach. Jemand rückt eine Kiste zurecht, Sana stellt einen Behälter auf den Tisch, und Nora spricht leise mit Henrik. Dann zieht der Kontakt vom Zugang fort, und Robert gibt mir ein knappes Nicken. Die Wache am Fluss verfolgt ihn weiter.

Unter dem Dach steht die abgeschirmte Feuerschale zwischen den Bänken. Ich schiebe einen der beiden Löschwasserbehälter näher heran und trete eine lose Schlaufe aus dem Durchgang. Nora reicht mir ihr Gerät, ohne mich zur Eile zu drängen. Als ich es nehme, bleiben ihre Finger kurz an meinen liegen.

„Kannst du jetzt bei uns bleiben?“, fragt sie leise.

Ich sehe noch einmal zu Robert, der seinen Platz am Rand einnimmt. Hinter ihm richtet die Wache ihren Blick wieder über das Ufer. „Ja“, sage ich. „Jetzt geht es.“

Auf meinem Armband läuft die Überwachung weiter, während ich Noras Dokument öffne. Morgen werden wir wieder entscheiden müssen, wer Material bekommt und welche Arbeit warten kann. Irgendjemand wird zu erschöpft sein, um mit anzupacken, und trotzdem etwas zu essen brauchen. Diese Dinge verschwinden nicht, wenn wir das Gespräch auf einen ungefährlichen Tag verschieben. Sie werden bis dahin nur von den Leuten entschieden, die sich am schnellsten durchsetzen.

Ich hebe den Kopf und sehe in die Gesichter vor mir. Am Rand steht die Frau vom Filter, die Hände frei, den Empfänger am Ohr. Später werde ich sie ablösen und ihr die Schale bringen. Während sie schläft, wird wieder jemand draußen stehen; auch der nächste Morgen beginnt mit einer Übergabe.

EVA bestätigt leise die laufende Erfassung. Robert hat mich im Blick, bis ich zu sprechen anfange, dann wendet er den Kopf wieder zur Dunkelheit. Ich halte das Gerät etwas höher und beginne, unsere gemeinsamen Worte vorzulesen. Die Menschen vor mir hören zu, und an beiden Enden des Dachs bleibt die Wache besetzt.

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