Der Preis der Wärme
Tomás hatte auf seinem Pad bereits die ersten Leitungen eingezeichnet. Vom Quellbecken sollten sie am Hang entlangführen, mit ausreichend Gefälle für den Rücklauf und breiten Auflagen auf dem festen Gestein. Während er die letzte Messung speicherte, stellte er sich vor, wie warmes Wasser durch die Unterkünfte floss und die Menschen morgens ihre Kleidung anzogen, ohne dabei zu frieren. Neben ihm hielt Robert die Sonde über das milchig-blaue Becken. Er hatte sich breit hingestellt, damit Tomás zwischen seinen Beinen hindurch das Kabel aufwickeln konnte, und beobachtete den schmalen Zugang hinter ihnen.
Das Wasser sank, während sie noch darüberstanden. Ein heller Streifen kam an der Beckenwand zum Vorschein, wurde breiter, und aus der Öffnung unter dem Felsvorsprung drang ein hohles Schlucken. Robert zog die Sonde heraus und trat zurück. Über ihnen rieselte feiner Sand aus einer Spalte, in der das Sonnenlicht bisher nur feuchte Ablagerungen gezeigt hatte. Tomás sah zum Hang hinauf und schob das Pad in seine Brusttasche. Als er nach dem Gerätekoffer griff, packte Robert ihn bereits an der Schulter und drängte ihn zum Ausgang.
Sie kamen bis zur ersten Biegung, bevor unter ihren Füßen ein Schlag durch das Gestein lief. Die rechte Beckenwand platzte auseinander, und eine Fontäne aus trübem Wasser schleuderte handgroße Steine gegen den gegenüberliegenden Hang. Robert riss Tomás unter einen Überhang. Hinter ihnen brach die schmale Felsstufe weg, über die sie hergekommen waren; ihre rote Wegmarkierung verschwand zusammen mit dem Untergrund in einer aufsteigenden Dampfwolke. Tomás schlug mit der Hüfte gegen den Stein und hielt den Koffer trotzdem fest. Erst als er wieder Luft bekam, merkte er, dass er sich daran klammerte.
Aus der Spalte über ihren Köpfen drang ein hoher, vibrierender Laut. Tomás spürte ihn in den Zähnen, bevor sich der erste Gleiter aus der Öffnung zwängte. Seine durchscheinenden Flügel entfalteten sich im engen Raum und schlugen gegen Roberts Rücken. Weitere Tiere drängten nach, stießen aneinander und prallten gegen die beiden Männer, die zwischen ihrem Unterschlupf und dem freien Himmel standen. Für Sekunden bestand Tomás’ Sicht aus zuckenden Membranen, durch die er Roberts Gesicht verzerrt erkennen konnte. Dann traf ihn ein Flügelgelenk am Mund, und er schmeckte Blut.
Robert versuchte, sich seitwärts aus der Flugbahn zu drücken, doch hinter seiner Schulter lag der Fels. Ein Gleiter geriet zwischen seinen Hals und den Gewehrriemen. Das Tier schlug so heftig um sich, dass die Waffe hochgerissen wurde und der Gurt Robert unter dem Kiefer würgte. Er bekam zwei Finger darunter, während ein Flügel immer wieder über seine Augen peitschte. Tomás stellte den Koffer auf die schmale Standfläche und griff nach dem Tier. Unter seinen Händen fühlte es sich warm und erschreckend kräftig an; als er zog, spannte sich der Riemen noch stärker.
„Du ziehst mir die Kehle zu“, brachte Robert hervor und stemmte den Hinterkopf gegen die Wand. Tomás ließ sofort nach, suchte mit der Hand die Schnalle und bekam einen Schlag gegen die Schläfe, der ihn auf ein Knie zwang. Durch das Pfeifen hörte er Robert nach Luft ringen. Er zog sein Messer, schob die Klinge außen unter den gespannten Gurt und schnitt, bis die Fasern nachgaben. Das Gewehr fiel zwischen ihre Stiefel, aber der Gleiter blieb an Roberts Jacke hängen und arbeitete sich mit hektischen Bewegungen zu seinem Gesicht hinauf.
Tomás packte den Körper mit beiden Händen und riss ihn los. Dabei zerbrach etwas an einem Flügel, und eine harte Spitze fuhr durch seinen Handschuh. Er schrie auf, verlor den Halt und schlug das Tier gegen den Fels, als es sich erneut gegen seine Brust warf. Beim zweiten Schlag gab der Körper nach. Tomás spürte die Veränderung zwischen seinen Fingern und schleuderte ihn von sich. Robert hatte inzwischen das Gewehr aufgehoben und trieb mit dem Kolben einen weiteren Gleiter zurück, der am Boden zwischen ihnen flatterte. Sein rechtes Auge war von Blut verklebt.
Der Dampf erreichte ihren Unterstand und brachte eine Hitze mit, die Tomás durch die Hose an den Knien spürte. Am Boden floss Wasser zwischen seinen Stiefeln hindurch. Robert deutete auf eine schräg aufsteigende Felsrippe am anderen Ende des Überhangs, oberhalb derer ein Stück Himmel sichtbar blieb. Tomás stieß den Gerätekoffer vor sich her und kroch hinter ihm her. Nach wenigen Metern klemmte der Koffer zwischen zwei Steinen. Er zog einmal daran, sah das Wasser über seine Finger laufen und ließ ihn stehen.
Die Felsrippe endete an einer brusthohen Stufe. Robert schob das Gewehr hinauf, zog sich hinterher und drehte sich sofort um. Tomás setzte einen Stiefel in eine Vertiefung und griff nach seiner ausgestreckten Hand. Als er sich hochdrückte, brach die dünne Steinkante unter seiner Sohle ab. Sein Kinn schlug auf den oberen Rand, die Zähne trafen schmerzhaft aufeinander, und er rutschte zurück. Robert erwischte den Schultergurt seines Rucksacks. Für einen Augenblick hing Tomás mit dem Oberkörper gegen die Wand gepresst, während unter ihm heißes Wasser über die Stelle schoss, auf der er eben noch gestanden hatte.
Der Rucksack zog ihm die Arme nach hinten. Er konnte die Hände kaum heben, und der beschädigte Handschuh wurde innen glitschig. Robert lag flach auf dem Bauch, beide Hände im Gurt, die Stiefel gegen einen Vorsprung gestemmt. Sein Gesicht war so nah, dass Tomás das Zittern an seinem Mund sah. „Du musst deinen Fuß höher bekommen“, sagte er mit gepresster Stimme. „Ich halte dich, aber hochziehen kann ich dich so nicht.“ Tomás tastete mit dem Stiefel über den Fels, fand für einen Moment Widerstand und verlor ihn wieder, als ein heißer Schwall seine Wade traf.
Der Schmerz nahm ihm jede Rücksicht auf seine verletzte Hand. Er rammte die Finger in einen Spalt, schob den Fuß höher und drückte sich hoch, während Robert rückwärts über den Stein robbte. Der Rucksackgurt riss an einer Naht, hielt jedoch lange genug, dass Tomás einen Ellenbogen über die Kante bekam. Gemeinsam zerrten sie seinen Körper hinauf. Kaum lag er oben, zog Robert ihn weiter, bis beide den ansteigenden Hang auf Händen und Knien hinaufkonnten. Unter ihnen verschwand der Überhang im Dampf, aus dem noch immer einzelne Gleiter ins Tageslicht taumelten.
Sie blieben erst hinter einer breiten Felsplatte stehen. Tomás musste sich vornüberbeugen und spuckte Blut zwischen seine Stiefel, während Robert über Funk ihren Standort durchgab. Dann setzte er sich zu ihm und schnitt den nassen Hosenstoff an seiner Wade auf. Die Haut darunter war rot und begann sich an zwei Stellen zu heben. Als Robert mit der Hand an den Stoff kam, stieß Tomás ihn so heftig weg, dass beide erschraken. Er entschuldigte sich sofort und hielt anschließend den Oberschenkel mit beiden Händen fest, während Robert vorsichtiger weiterarbeitete.
Von dort aus konnten sie das Quellbecken wieder sehen. Zwischen den abziehenden Dampffahnen lag neues, helles Gestein, und das Wasser rann bereits über eine andere Kante bergab. Ein Gleiter versuchte am unteren Hang abzuheben, kam nur wenige Meter weit und fiel zurück zwischen die Steine. Tomás sah hin, bis Robert ihn am Arm berührte. Die Hilfe aus Esperanza war unterwegs, doch sie mussten ihr entgegengehen. Als Tomás aufstand, schoss der Schmerz durch sein Bein; er legte den Arm um Roberts Schultern und brauchte mehrere Anläufe, um einen Rhythmus zu finden, den er aushielt.
Später saß er im Behandlungsraum und betrachtete die gespeicherte Skizze auf seinem Pad. Die Leitungen verliefen noch immer ordentlich über den Hang, durch Stellen, die es inzwischen nicht mehr gab. Leah stand neben ihm und fragte, ob sie beim nächsten Versuch etwas anders machen könnten. Tomás dachte an die geprüften Tritte und an Robert, der beim ersten Anzeichen den Rückzug angeordnet hatte. Dann legte er das Pad mit dem Bildschirm nach unten auf den Tisch. „Wir können vorsichtiger werden“, sagte er. „Aber wir müssen begreifen, dass Eos uns auch dann umbringen kann, wenn wir uns keinen einzigen Fehler verzeihen.“ Als Yara ihm einen Becher hinstellte, musste Leah ihn halten, weil seine Finger sich nicht mehr darum schließen ließen.

