Nia und die Schimmerer
Nia verbringt einen Abend außerhalb Esperanzas bei einer Gruppe Schimmerer, deren Verhalten sie inzwischen gut genug kennt, um sofort zu merken, dass etwas nicht stimmt. Eines der Tiere ist schwer geschwächt, und während die Gruppe bei ihm bleibt, erlebt Nia zum ersten Mal, wie Eos mit Tod und Verlust umgeht.Nia und die Schimmerer
Kurzbeschreibung:
Nia mochte die Stunden kurz nach Sonnenuntergang am liebsten. Dann wurde es über den Moreno Flats langsam kühler, der Wind strich ruhiger durch die Klingerbäume und die Geräusche der Siedlung verloren sich hinter ihr, sobald sie weit genug hinausging. Esperanza lag von hier aus nur noch als heller Fleck zwischen den dunklen Formen der Landschaft. Man konnte die Lampen am Gemeinschaftshaus sehen und manchmal das kurze Aufblitzen eines Arbeitslichts am Shuttle, doch die Stimmen der anderen erreichten diesen Teil des kleinen Wasserlaufs kaum noch.
Sie kam seit einigen Tagen regelmäßig hierher. Anfangs hatte sie jeden einzelnen Besuch minutiös dokumentiert und dabei Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windrichtung, Zahl der Schimmerer und deren Lichtmuster notiert. Yara hatte ihr mehrfach gesagt, sie solle auch Dinge aufschreiben, die unwichtig wirkten, weil sie erst später erkennen würden, welche Beobachtung ihnen irgendwann etwas erklärte. Nia nahm das ernst. Gleichzeitig hatte sie inzwischen verstanden, dass man Eos nicht besser kennenlernte, indem man jede Sekunde auf ein Messgerät starrte. Manche Zusammenhänge zeigten sich erst, wenn man lange genug still blieb.
An diesem Abend saß sie auf dem flachen Stein, den sie längst als ihren Platz betrachtete, und hatte das Notizbuch auf den Oberschenkeln liegen. Sechs Schimmerer hielten sich am gegenüberliegenden Ufer auf. Drei von ihnen erkannte sie inzwischen sicher wieder. Eines der größeren Tiere besaß eine kleine Kerbe am rechten Ohr, ein anderes hatte auf der Flanke eine Stelle, an der die leuchtenden Adern dünner verliefen, und ein besonders kleines Tier trug seit einigen Tagen einen hellen Streifen entlang des Rückens, der bei Erregung fast weiß wurde.
Heute waren die Lichtmuster ungewöhnlich ruhig.
Nia beobachtete das eine Weile, ohne sofort etwas aufzuschreiben. Die Tiere bewegten sich kaum vom Fleck. Keines suchte zwischen den Staubfächern nach Nahrung, keines ging zum Wasser. Selbst das junge Tier, das sonst häufig zwischen den anderen hin und her lief, stand still und hatte den Kopf gesenkt.
Erst als sich eines der Tiere ein Stück zur Seite bewegte, sah Nia den siebten Schimmerer.
Er lag im Samtmoos.
Sein Körper war größer als der des Jungtiers und schmaler als bei den älteren Tieren. Die Beine lagen seitlich im feuchten Bewuchs, der Kopf ruhte flach auf dem Boden. Unter der halbtransparenten Haut glommen die Adern nur schwach und ohne den klaren Rhythmus, den Nia inzwischen von gesunden Schimmerern kannte.
Sie schob das Notizbuch langsam von den Knien.
Für einen Augenblick überlegte sie aufzustehen, doch Yaras Stimme tauchte sofort in ihrem Kopf auf. Abstand halten. Erst beobachten. Keine Hilfe anbieten, solange niemand wusste, was Hilfe auf diesem Planeten überhaupt bedeutete.
Nia hasste diese Regel gerade.
Sie blieb sitzen und sah zu.
Der Schimmerer mit der Kerbe am Ohr stand dicht bei dem liegenden Tier. Immer wieder senkte er den Kopf und berührte dessen Hals mit der Nase. Danach verharrte er mehrere Sekunden und hob den Kopf wieder an. Zwei weitere Tiere standen so nah, dass sich ihre Flanken beinahe berührten. Ihre Lichtadern wechselten langsam von Blau zu einem blassen Violett, während einzelne Impulse über Brust und Hals liefen und von den anderen aufgenommen wurden.
Nia kannte mittlerweile einige dieser Muster. Alarm war schnell und unruhig, ein hektisches Flackern, das innerhalb weniger Augenblicke durch die gesamte Gruppe laufen konnte. Entspannung zeigte sich langsamer. Bei Neugier wechselten bestimmte Bereiche des Halses und der Flanken besonders auffällig ihre Helligkeit. Was sie jetzt sah, konnte sie keiner ihrer bisherigen Beobachtungen eindeutig zuordnen.
Sie hätte gern gewusst, was es bedeutete.
Gleichzeitig wollte sie dem Ganzen keinen menschlichen Namen geben, nur weil es verlockend war. Vielleicht war das Verhalten reine Biologie. Vielleicht reagierten die Tiere auf Gerüche, Körpertemperatur oder irgendeinen chemischen Stoff, den Nia nicht wahrnehmen konnte. Menschen waren gut darin, überall Geschichten zu sehen, besonders dort, wo sie sich selbst erkennen wollten.
Der liegende Schimmerer hob plötzlich den Kopf.
Die Bewegung kam langsam und kostete ihn sichtbar Kraft. Seine Vorderbeine schoben sich unter den Körper, während das Licht entlang der Schulter für einen Moment heller wurde. Nia richtete sich unwillkürlich auf. Das Tier schaffte es tatsächlich, die Brust vom Boden zu heben, hielt sich mehrere Sekunden und versuchte anschließend, eines der Hinterbeine unter den Körper zu ziehen.
Dann gab das Vorderbein nach.
Der Schimmerer sank zurück ins Samtmoos.
Nia verzog das Gesicht und legte die Hand auf den Stein neben sich. Es war schwer, einfach sitzen zu bleiben, wenn ein lebendes Wesen vor ihr zusammenbrach. Auf der Erde hätte sie wenigstens gewusst, was man versuchen konnte. Hier konnte ein falscher Griff reichen, um Schaden anzurichten. Vielleicht war die Haut empfindlich. Vielleicht übertrugen Menschen Mikroorganismen, die für einen Schimmerer gefährlicher waren als seine Krankheit. Vielleicht war er verletzt, vielleicht vergiftet, vielleicht einfach alt.
Sie wusste es nicht.
Genau das machte Eos so faszinierend und manchmal unerträglich.
Der Schimmerer neben dem kranken Tier kam näher und legte für einen Moment den Kopf an dessen Schulter. Die übrigen Tiere reagierten beinahe gleichzeitig. Über ihre Körper liefen lange, gedämpfte Lichtimpulse, die sich in der Dunkelheit deutlich abhoben. Nia kannte die Kommunikation der Tiere inzwischen gut genug, um zu erkennen, dass hier Informationen weitergegeben wurden, doch der Inhalt blieb ihr verschlossen.
Das schwache Tier öffnete das Maul und gab einen hohen Laut von sich. Er war so leise, dass Nia ihn beinahe überhört hätte. Einer der anderen Schimmerer antwortete aus wenigen Metern Entfernung, danach ein zweiter. Die Gruppe blieb dicht zusammen.
Nia griff nach ihrem Notizbuch, hielt den Stift jedoch nur in der Hand.
Sie bekam keinen vernünftigen Satz hin.
Stattdessen saß sie da und dachte an die Hope.
Dort war Sterben immer mit Lärm verbunden gewesen. Menschen hatten geschrien, Türen waren zugeschlagen, Waffen hatten in engen Gängen einen Krach gemacht, der einem noch lange danach in den Ohren blieb. Selbst wenn jemand leise gestorben war, hatte ringsum das Schiff gearbeitet, geknackt, gedröhnt und weitergemacht. Tod auf der Hope fühlte sich brutal an, weil alles sofort weiterlief.
Hier geschah fast nichts.
Das Wasser bewegte sich zwischen den Steinen. Weiter hinten klangen die Blätter der Klinger im Wind. Lichtstaub schwebte zwischen den Pflanzen und zog langsam über den Boden. Der Schimmerer atmete immer flacher, während die anderen bei ihm blieben.
Nia merkte, dass sie die Zähne aufeinanderpresste, und zwang sich, den Kiefer zu lockern.
Der Brustkorb des Tieres hob sich ein weiteres Mal. Danach dauerte es lange, bis die nächste Bewegung kam. Die Adern unter der Haut wurden schwächer. Erst verschwanden die feinen Linien an den Hinterbeinen, anschließend verlor das Licht entlang des Bauchs an Intensität.
Der Schimmerer mit der Kerbe berührte ihn noch einmal.
Diesmal kam keine Reaktion.
Nia sah weiter hin, obwohl sie längst wusste, was passiert war.
Das letzte sichtbare Leuchten blieb am Hals. Ein blasser blauer Punkt pulsierte dort noch zweimal, wurde kleiner und erlosch schließlich vollständig.
Etwas zog sich in Nias Brust zusammen.
Sie hatte das Tier nie zuvor bewusst gesehen. Wahrscheinlich hätte sie es an einem anderen Tag nicht einmal von den übrigen unterscheiden können. Trotzdem liefen ihr Tränen über die Wangen.
Sie wischte sie weg und ließ die Hand danach einfach auf ihrem Knie liegen.
Die Schimmerer gingen nicht fort.
Sie standen weiterhin um den Körper herum. Einer näherte sich langsam, berührte das tote Tier an der Flanke und trat wieder zurück. Danach kam ein zweiter. Das junge Tier blieb lange vor dem Kopf stehen und senkte schließlich ebenfalls die Nase.
Nia beobachtete jede Bewegung.
Sie wusste nicht, ob sie gerade Trauer sah. Das Wort war zu groß für etwas, das sie nicht verstand. Dennoch konnte sie nicht glauben, dass dieses Verhalten bedeutungslos war.
Fast zehn Minuten später bewegte sich die Gruppe.
Der erste Schimmerer ging einige Schritte Richtung Wald, blieb dort stehen und sah zurück. Zwei Tiere folgten ihm. Dann das nächste. Das junge Tier war eines der letzten.
Nur der Schimmerer mit der Kerbe blieb noch bei dem toten Körper.
Er stand dort lange genug, dass Nia irgendwann aufhörte, die Zeit zu beachten. Schließlich hob er den Kopf und sah über den Wasserlauf zu ihr.
Nia kannte diesen Blick inzwischen. Schimmerer beobachteten Menschen gern aus der Entfernung. Sie wirkten dabei aufmerksam, manchmal beinahe neugierig, und Nia hatte längst gelernt, sich möglichst wenig zu bewegen.
Diesmal blieb sie einfach sitzen.
Das Licht im Körper des Tieres pulsierte einmal langsam von der Brust bis zum Hals.
Nia hob die Hand nicht. Sie versuchte auch nicht zu antworten.
Sie sah ihn nur an.
Nach einigen Sekunden drehte sich der Schimmerer um und verschwand zwischen den Klingerbäumen.
Der Körper im Samtmoos blieb zurück.
Erst jetzt bewegte sich Nia vom Stein. Sie ging einige Schritte am Ufer entlang, blieb jedoch auf ihrer Seite des Wasserlaufs. Näher wollte sie nicht heran.
Lichtstaub sammelte sich bereits über dem toten Tier.
Die winzigen Organismen schwebten zunächst einzeln über der Haut, wurden langsam dichter und bildeten schließlich einen schwachen blauen Schleier. Yara hatte ihr erklärt, dass Lichtstaub auf Wärme, Kohlendioxid und organische Zersetzung reagierte. Der Vorgang war vollkommen natürlich.
Nia wusste das.
Trotzdem war der Anblick schwer auszuhalten.
Vor wenigen Minuten hatte Licht noch aus dem Tier selbst geleuchtet. Nun kam es von außen zurück.
Sie setzte sich wieder auf ihren Stein und öffnete endlich das Notizbuch.
Diesmal schrieb sie lange.
Sie hielt die Dauer der Atemveränderung fest, die Reihenfolge, in der die Lichtadern erloschen waren, das Verhalten der Gruppe und die Berührungen der einzelnen Tiere. Sie beschrieb die langsamen Lichtimpulse und vermerkte ausdrücklich, dass sie deren Bedeutung nicht kannte.
Dann blieb der Stift stehen.
Unter den wissenschaftlichen Aufzeichnungen ließ sie etwas Platz und schrieb schließlich noch einen letzten Absatz.
Heute ist ein Schimmerer gestorben. Die anderen blieben bei ihm, bis sein Licht vollständig verschwunden war. Ich weiß nicht, was sie dabei empfunden haben, und vielleicht werde ich es nie erfahren. Aber sie hätten gehen können. Sie sind geblieben.
Nia las den Satz zweimal.
Danach schloss sie das Buch.
Als sie nach Esperanza zurückging, zog sich ihre Spur durch das Samtmoos und verblasste einige Sekunden hinter jedem Schritt. Sie drehte sich kurz vor der Siedlung noch einmal um.
Von dem toten Schimmerer konnte sie nichts mehr erkennen.
Nur der Lichtstaub leuchtete zwischen den Bäumen.

