Sektor zwölf
Sionn schob den Wäschewagen in den Lanzenstoß und warf sich dahinter auf den Boden. Der Impuls durchschlug die aufgestapelten Tücher, ließ den Metallrahmen aufglühen und riss ein Loch in die Wand neben der Tür. Heißer Kalkstaub fiel ihr in den Kragen. Sie kroch weiter, während der Soldat seine Waffe aus dem verkeilten Gestell zog und sein Begleiter am anderen Ende des Korridors den Alarmhebel herunterriss. Das Pfeifen setzte unmittelbar über ihr ein.
Unter ihren nackten Füßen waren die Fliesen feucht und glatt. Wasser lief aus einer gesprungenen Leitung an der Decke, tropfte auf die Rückenlehne eines Behandlungsstuhls und sammelte sich unter dessen Fußgestell. Sionn drückte sich dahinter, legte die Hand auf den Boden und suchte zwischen den beiden kräftigen Sigilla-Spuren der Wachen nach dem schwachen Muster, das sie beim Eintreten wahrgenommen hatte. Es lag hinter der letzten Tür. Ein lebender Körper, fast vollständig vom Feld der Sperre überlagert.
Der nähere Soldat trat um den Wagen herum. Sein Visier stand offen; unter einem grauen Schnurrbart hielt er die Lippen fest zusammengepresst. Er richtete die Lanze auf den schmalen Raum neben dem Stuhl und wartete, bis sein Begleiter von der anderen Seite herankam. Sionn sah dessen Stiefel zuerst, dann die Hand, die nach ihrem Kragen griff. Sie schlug den Arm weg und duckte sich unter der Lehne hindurch. Der Mann bekam trotzdem den Kittel zu fassen. Stoff spannte sich über ihren verletzten Rücken, und die bereits verklebten Risse brannten wieder auf.
Sie drehte sich in seinem Griff, bevor er sie ganz aufrichten konnte, und legte ihm die Hand gegen den Brustpanzer. Der violette Puls war schwächer, als sie beabsichtigt hatte. Er warf den Mann nur einen Schritt zurück. Sein Schlag traf sie seitlich am Kopf und schleuderte sie gegen das Fußgestell. Sionn sah für einen Moment den Boden dicht vor ihren Augen, ohne zu begreifen, weshalb sie dort lag. Dann kniete er über ihr und drückte seinen Unterarm gegen ihren Hals.
„Tarr, nimm ihre Hände“, sagte er, während er sein Gewicht verlagerte.
Die Lanze verschwand aus Sionns Blickfeld. Sie hörte den anderen Mann näherkommen und bekam die rechte Hand zwischen ihren Körper und den Panzer über sich. Ihre Finger fanden die Kante der Brustplatte. Sie schob sie darunter, krümmte den Rücken und ließ den Funken durch den Arm fahren. Violettes Licht brach zwischen den beiden Körpern hervor. Der Soldat wurde von ihr heruntergerissen und prallte rückwärts in das schmale Regal an der Wand. Die Verankerungen gaben nach. Metallböden und gefüllte Behälter stürzten auf ihn, während Sionn sich auf die Seite rollte und hustend nach Luft rang.
Tarr trat ihr gegen die Rippen, bevor sie hochkam. Sie rutschte über die Fliesen, stieß mit der Schulter gegen den Behandlungsstuhl und griff nach dessen Armlehne. Der Soldat fasste in ihr Haar und zog ihren Kopf zurück. Sein Atem strich warm über ihre Stirn. Sionn konnte die kleinen, eingetrockneten Wassertropfen an seinem Schnurrbart sehen, als er ihr den Kopf gegen die Sitzkante schlagen wollte.
Sie klammerte sich an seinen Waffenarm. Die Lanzenspitze lag schräg zwischen ihnen, zu weit außen, um sie zu erreichen. Tarr versuchte den Schaft zurückzuziehen. Sionn hielt dagegen, beide Hände darumgeschlossen, die Füße gegen das Gestell gestemmt. Das Metall vibrierte zwischen ihren Handflächen. Für einen Augenblick spürte sie jede Kerbe darin, jeden Widerstand, bis der Funke heiß durch ihre Finger fuhr und sie den Schaft mit einem einzigen Ruck herumriss.
Die Spitze traf Tarr unter dem Kiefer.
Sein Griff in ihren Haaren löste sich. Sionn spürte das Gewicht seines Körpers auf der Waffe und drückte instinktiv weiter, weil sie ihn von sich herunterhaben wollte. Erst als er auf die Seite fiel, ließ sie los. Er lag neben ihr, eine Hand am Schaft, den Blick auf den Behandlungsstuhl gerichtet. Blut lief über die hellen Fliesen und erreichte ihre Zehen. Sionn zog die Füße zurück, presste den Handballen gegen ihren schmerzenden Hals und versuchte aufzustehen.
Unter dem umgestürzten Regal bewegte sich der andere Soldat. Er schob einen Behälter von seiner Brust und rief Tarrs Namen. Sionn ging an ihm vorbei. Bei jedem Atemzug stach es in ihrer Seite, doch das schwache Muster hinter der letzten Tür war noch da. Sie hielt sich daran fest, während das Alarmpfeifen durch den Korridor schnitt und über ihr Schritte auf einer Treppe lauter wurden.
Die Zellentür besaß ein mechanisches Schloss und eine Sigilla-Sperre. Sionn griff nach der Klinke. Ein harter Schlag fuhr durch ihre Hand bis in die Schulter, und sie musste sich mit dem unverletzten Arm an der Wand abfangen. Die Glyphen im Rahmen glühten jetzt gleichmäßig. Hinter dem kleinen Sichtfenster bewegte sich ein Schatten, dann erschien ein Gesicht im Halbdunkel.
Lange dunkle Haare fielen an den Wangen des Mädchens herab. Es stand still und sah Sionn an. Unter der blassen Haut lag ein diffuser goldener Schimmer, schwach genug, dass er im wechselnden Licht der Sperre beinahe verschwand.
„Enna“, sagte Sionn. Der Name kam rau aus ihrem Hals, und das Mädchen hob die Hand an die Scheibe.
Sionn konnte dort nicht bleiben. Sie riss sich vom Fenster los und lief zu Tarr zurück. An seinem Gürtel hing ein Schlüsselbund. Ihre Finger glitten zweimal an dem Verschluss ab, bevor sie ihn öffnen konnte. Der Soldat unter dem Regal sah, was sie tat, und versuchte, sich weiter herauszuschieben. Eine der Metallstreben drückte auf sein Bein. Er fluchte und stieß mit der Schulter dagegen, während Sionn bereits wieder an der Zellentür kniete.
Der zweite Schlüssel passte. Er drehte sich schwer, der Riegel fuhr zurück, doch die Tür blieb unter der leuchtenden Sperre geschlossen. Sionn behielt den Schlüssel in der Linken und legte die rechte Hand neben das Scharnier. Der erste Kontakt ließ ihre Finger verkrampfen. Sie zwang sie auseinander und drückte die Handfläche fester auf die glühenden Linien. Das Vibrieren lief über ihre Zähne bis in den Schädel. Hinter ihr schlug jemand gegen die äußere Sektortür.
Durch das Sichtfenster sah sie Enna noch immer stehen. Sionn brachte die Aufforderung zurückzugehen kaum heraus, aber das Mädchen verstand sie und wich zur Pritsche. Dann stemmte Sionn die zweite Hand gegen den Rahmen. Ihre eigenen Glyphen leuchteten so hell, dass die Fliesen um ihre Füße violett wurden. In der Sperre entstand ein feiner Riss. Sie hielt den Druck, obwohl sich ihr Blick verdunkelte, bis das Feld mit einem scharfen Knall auseinanderbrach.
Die Tür schlug nach innen auf. Sionn stolperte hinterher und fing sich an der Wand. Enna saß auf der Pritsche, die Hände neben den Oberschenkeln auf der dünnen Auflage. An ihrem Handgelenk hing eine kleine Metallmarke. Sionn erkannte die Art der Befestigung sofort; sie hatte solche Marken in Akten beschrieben gesehen, mit Angaben zum Material und zur Beständigkeit der Prägung. Jetzt lag eine davon auf lebender Haut.
„Kannst du laufen?“, fragte sie und hielt ihr die Hand hin. „Wir müssen sofort hier raus.“
Enna stand auf. Sie betrachtete Sionns ausgestreckte Finger, die aufgeplatzten Stellen zwischen den Glyphen und das fremde Blut, das bis an den Ärmel reichte. Dann nahm sie ihre Hand. Sionn zog sie in den Korridor, blieb jedoch so abrupt stehen, dass Enna gegen ihren Rücken stieß. An der äußeren Tür schob sich bereits eine Lanzenspitze durch den Spalt. Der eingeklemmte Soldat hob den Kopf und rief den Männern zu, wo sie waren.
Neben der Zelle lag ein schmaler Versorgungsausgang. Sionn zerrte daran, fand ihn verschlossen und schob den Schlüssel ins Schloss, den sie noch immer in der Hand hielt. Er klemmte. Hinter ihr schlug Metall gegen Metall. Enna drückte mit der Schulter gegen das Türblatt, nahm den Druck vom Riegel, und diesmal ließ sich der Schlüssel drehen. Sionn zog ihn heraus, stieß die Tür auf und schob Enna hindurch.
Sie erreichten die Treppe, während hinter ihnen die Sektortür aufgerissen wurde. Sionn schlug den Versorgungsausgang zu, verriegelte ihn und legte beide Hände gegen das Schloss. Der Funke ließ die Zahnräder im Gehäuse knirschen. Als sie nachgaben, musste sie die Stirn gegen die Tür lehnen, um auf den Beinen zu bleiben. Von der anderen Seite traf ein Stoß das Metall. Enna fasste sie am Ellenbogen und zog sie zur ersten Stufe.
Beim Aufstieg brauchte Sionn das Geländer. Enna blieb neben ihr, passte ihren Schritt an und sah bei jedem Absatz zurück. Erst weiter oben, wo kalte Regenluft durch einen Mauerspalt hereindrückte, fragte sie, wohin sie gingen. Sionn hob den Kopf. Das Dröhnen der Glocke lag bereits im Stein unter ihren Füßen.
„Zu deiner Mutter“, sagte sie. „Sie muss dich sehen.“
Ennas Griff wurde fester. Sionn schob den Schlüssel in ihre Tasche und stieg mit ihr weiter.

