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BONUS

Das Glasauge

Extraction Bouns

Drott zog die Ecke des Wiegetuchs hoch und merkte, dass jemand die andere festhielt. Ein Lederhandschuh lag zwischen seinen Münzstapeln. Aus einer Naht tropfte Regenwasser auf das Gewebe und breitete sich bis unter die Waagschale aus. Er stellte die Schale beiseite, bevor ihr Fuß nass wurde, und hob den Blick mit dem Lächeln, das er für solche Besuche bereithielt.

Drei Soldaten standen vor seinem Tisch. Der mittlere hatte den Helm abgenommen; an seinem Haaransatz klebte ein Streifen aufgeweichtes Leder. Drott kannte ihn vom Sehen. Er hatte ihm schon einmal Brennstoff besorgt, zu einem Preis, bei dem sich jedes weitere Gespräch erübrigt hatte. Also schob er zwei Münzen aus dem Tageserlös über das Tuch und fragte, ob die Patrouille etwas zum Aufwärmen brauche.

Der Mann ließ das Geld liegen. Einer seiner Begleiter ging um den Tisch herum und stellte sich zwischen Drott und die gestapelten Warenkisten. Der andere blieb am Zugang zum Stand stehen, wo sein nasser Umhang die Sicht auf den Tauschplatz versperrte.

„Wir suchen Ash“, sagte der Mann ohne Helm. „Du hast seine Münzen gewechselt.“

Drott rieb mit dem Daumen über einen Fleck auf dem Tuch. Er erinnerte sich an die aufgerissenen Hände des Jungen und an das frische Leuchten der Oboli. Fünf Standardeinheiten hatte er ihm heruntergehandelt und sich dabei noch eingeredet, das Risiko sei bezahlt. Jetzt lagen zwei seiner eigenen Münzen vor einem Soldaten, der sie nicht einmal ansah.

„Der kommt gelegentlich vorbei“, antwortete er. „Wie viele andere auch. Ich frage meine Kunden nicht, wo sie schlafen.“

Der Soldat hinter ihm legte eine Hand auf seine Schulter. Drott versuchte aufzustehen, doch der Druck hielt ihn auf dem Hocker. Er sah zum Nachbarstand hinüber. Dort füllte ein Händler geröstetes Korn in einen Beutel und wischte mit dem Unterarm eine freie Stelle auf seiner Verkaufsfläche. Sein Blick streifte Drott, blieb kurz an der Hand auf dessen Schulter hängen und kehrte zum Beutel zurück.

Der Mann ohne Helm nahm die kleine Steinplatte, auf der Drott seine Münzen prüfte, und stellte sie unter den Tisch. Anschließend schob er die Waage zur Seite. Er tat es sorgfältig genug, dass keiner der Münzstapel umfiel. Drott bot ihm den gesamten Tageserlös an. Als der Mann weiter Platz schaffte, nannte er auch den Beutel unter der Sitzfläche.

Eine Hand griff in seinen Kragen und zog ihn vom Hocker. Seine Knie stießen gegen die Tischkante, dann lag seine Brust auf dem Holz. Er bekam gerade noch einen Unterarm unter sich, bevor der Soldat sein Handgelenk wegzog. Das Wiegetuch roch nach feuchtem Leder und den Händen all der Menschen, die heute ihre letzten Münzen daraufgelegt hatten.

Drott versuchte, den Kopf zu drehen. Finger drückten gegen seine Schläfe und hielten ihn fest, während der Mann ohne Helm sich über ihn beugte. Er spürte die Berührung am Glasauge und begann sofort zu erklären, dass er es selbst herausnehmen könne. Seine Stimme wurde hoch. Er wiederholte das Angebot, obwohl längst niemand mehr darauf wartete.

Der grobe Griff verletzte den Lidrand. Ein scharfer Schmerz lief bis in seine Stirn, und er schlug mit dem Knie gegen das Tischbein. Dann ließ der Druck kurz nach. Sein Glasauge landete in der leeren Waagschale und drehte sich darin, bis die bemalte Iris nach oben zeigte. Drott starrte mit seinem verbliebenen Auge darauf. Er hatte es jeden Abend gereinigt und morgens eingesetzt; selbst in den Nächten, in denen er hungrig schlafen gegangen war, hatte es seinen festen Platz neben der Decke gehabt.

Der Soldat nahm einen Obolus aus einem schmalen Etui. Drott erkannte den Rang an der Prägung, noch bevor das Leuchten über die Finger des Mannes lief. Ein R2. Er hätte ihn normalerweise ans Ohr gehalten und geprüft, wie lange der Ton nachklang. Jetzt schob er verzweifelt die Schulter hoch, um sein Gesicht zu schützen.

Sie drückten ihn wieder flach auf den Tisch.

Als das Metall in seine leere Augenhöhle gepresst wurde, schrie er gegen das Wiegetuch. Die Münzen neben seinem Mund sprangen auseinander, weil seine Hände an der Tischkante rissen. Er bekam die Füße unter den Körper und stemmte sich hoch, doch der Mann hinter ihm verlagerte nur sein Gewicht. Drotts Rippen gaben gegen das Holz nach. Draußen fragte jemand nach einem kleineren Beutel Korn.

Unter dem verletzten Lid breitete sich eine Wärme aus, die immer tiefer zog. Drott konnte sie bis hinter den Kiefer spüren. Der Soldat nahm den Finger vom Obolus, und für einen Augenblick ließ das Brennen nach. Drott sog Luft ein, zitternd und viel zu hastig, während Speichel aus seinem Mund auf das Tuch lief.

„Wo können wir ihn finden?“

Drott sagte, dass er es nicht wisse. Diesmal meinte er es. Er hatte Ash seit Tagen nicht gesehen und wusste nichts über dessen Versteck. Der Finger des Soldaten kehrte an die Münze zurück. Drott sah das Glasauge in der Waagschale verschwimmen und hörte sich anfangen, von seiner Wechselstube zu reden.

Ash kam dorthin, wenn er Auskünfte brauchte. Das sagte Drott zuerst, dann beschrieb er die Gasse und den Zugang vom Tauschplatz. Er hätte nach dem ersten Satz aufhören können, doch der Finger blieb an seinem Gesicht. Also erklärte er weiter. Der Junge benutzte häufig die Dächer. Neben der Wechselstube verlief ein Rohr, an dem er hinunterkam. Man hörte ihn kaum, selbst wenn es trocken war.

Der Druck ließ nach. Drott weinte vor Erleichterung und schämte sich im selben Atemzug dafür. Er hatte ihnen einen Ort gegeben, an dem sie warten konnten. Er sah Ash bereits vom Rohr springen und sich die Hände an der Hose abwischen, bevor er näherkam. Das Bild war so deutlich, dass Drott die Lippen zusammenpresste.

Der Soldat fragte nach dem hinteren Ausgang.

Drott beschrieb ihn. Er erklärte auch, welche Tür klemmte und warum man sich vom Dach aus nicht auf sie verlassen konnte. Sobald er ins Stocken geriet, bewegte sich die Hand vor seinem Gesicht, und er suchte hastig nach einem weiteren Detail. Er wusste noch immer, was er tat. Während er sprach, hoffte er verzweifelt, Ash möge längst einen anderen Wechsler gefunden haben.

Schließlich nahmen sie den Obolus heraus. Drott blieb auf dem Tisch liegen und wartete auf die nächste Frage. Der Mann wischte die Münze am trockenen Rand des Wiegetuchs ab und steckte sie zurück in sein Etui. Erst danach löste sich die Hand aus Drotts Kragen.

Er brauchte beide Arme, um sich wieder auf den Hocker zu schieben. Einer der Soldaten stellte die Steinplatte auf den Tisch zurück. Die beiden angebotenen Münzen verschwanden in einer Handschuhtasche. Dann gingen die Männer durch den schmalen Zugang hinaus, und Drott konnte den Tauschplatz wieder sehen.

Eine Weile hielt er sich ein Stück Stoff gegen das Gesicht. Sein Glasauge lag noch in der Waagschale. Er nahm es heraus und schloss die Finger darum, während am Nachbarstand der nächste Beutel Korn gefüllt wurde. Jemand lachte über einen Preis und ging weiter.

Vor Drotts Tisch blieb ein Kunde stehen. Er sah auf das blutige Tuch, dann auf die Münzen und fragte vorsichtig, ob noch gewechselt werde. Drott wollte ihm sagen, dass er für heute schließe. Stattdessen erklärte er, welche Ware er noch hatte und wie viel Brennstoff sich damit kaufen ließ. Als der Kunde bereits zurückwich, sprach er weiter. Er wusste, dass er aufhören durfte, aber sein Blick suchte noch immer nach der Hand, die ihm erlauben würde zu schweigen.

Das Glasauge

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