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Eine Nacht ohne Bilder

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Eine Nacht ohne Bilder

Roven zog die rechte Hand zurück, als die Gehilfin den Ledergurt darüberlegen wollte. Die Narben waren an den Knöcheln noch empfindlich, und zwei Finger ließen sich seit dem Unfall kaum beugen. Sie wartete, bis er ihr gezeigt hatte, wo der Druck erträglich war, und schloss die Schnalle ein Loch weiter. Anschließend strich sie ihm das Haar aus der Stirn. Ihre Hände rochen nach der Lösung, mit der sie eben den Stuhl abgewischt hatte.

Den Vertrag hatte er im Vorraum unterschrieben. Nach Abzug der Gebühren würde genug bleiben, um seine Kammer behalten zu dürfen. Seit dem Unfall bekam er nur noch die Arbeiten, die sich mit einer brauchbaren Hand erledigen ließen, und selbst davon war wenig übrig. Der Vermieter hatte ihm bis zum nächsten Morgen Zeit gegeben. Roven hatte den Termin so spät genommen, dass er anschließend direkt nach Hause gehen konnte. Er hoffte, zum ersten Mal seit Monaten durchzuschlafen.

Die Archivarin prüfte die Angaben auf seinem Blatt und stellte die Skala am Seitenarm auf R4. Eine zusätzliche Kühlleitung wurde angeschlossen; Wasser rauschte durch das Gehäuse hinter der Kopfstütze. Roven begann unwillkürlich, die Rohrverbindungen mit den Augen zu verfolgen. An einer Verschraubung hing ein Tropfen. Er sah zu, wie er größer wurde, bis die Gehilfin seinen Kopf gerade rückte und den Stirngurt schloss.

„Bleiben Sie bei dem Tag, den Sie angegeben haben“, sagte die Archivarin. „Die Besichtigung genügt. Sie müssen ihn nicht noch einmal erzählen.“

Roven nickte, soweit das Leder es zuließ. Bei der Vorprüfung hatte er ausführlich gesprochen und anschließend über einer Schüssel gehangen, während die Archivarin die sensorische Dichte seiner Erinnerung bewertete. Sie hatte zweimal nach Barek gefragt, seinem Kollegen. Vor allem hatte sie wissen wollen, wann Roven begriffen hatte, dass Barek wieder zu ihm zurückkam.

Die Kupferplatte senkte sich auf seinen Kopf. Ihre Unterkante drückte dicht über den Augenbrauen gegen die Haut, und ein feines Kribbeln breitete sich bis hinter seine Ohren aus. Er bewegte die Zunge im Mund, weil er plötzlich den Eindruck hatte, zwischen seinen Backenzähnen stecke etwas. Dann setzte das Summen ein. Mit jedem Atemzug wurde es deutlicher, bis Roven es im Kiefer spürte und seine eigene Stimme kaum noch hörte, als er fragte, ob das so bleiben würde.

Vor ihm lag auf einmal das geöffnete Gehäuse des alten Verteilers. Er roch das heiße Schmiermittel und wusste, dass Barek hinter ihm stand, noch bevor dessen Ärmel in sein Blickfeld kam. An dem Stoff fehlte der unterste Knopf. Roven hatte ihn an diesem Abend darauf hingewiesen, weil die lose Manschette ständig in die offene Führung geriet. Jetzt sah er das kleine Stück Faden wieder, das aus dem Knopfloch hing.

Er konnte zugleich das Leder unter seinen Unterarmen fühlen. Ein Teil von ihm lag im Mnemonicum, während seine rechte Hand nach dem Absperrrad griff und sich ohne Widerstand darum schloss. Alle Finger gehorchten. Die Haut spannte sich über den Knöcheln, unverletzt, und dieser beiläufige Griff traf ihn so unvermittelt, dass ihm Tränen in die Ohren liefen.

Der Druck kam zurück in die Leitung, obwohl sie freigegeben und geöffnet vor ihnen lag. Eine Halterung riss aus der Wand. Roven wurde gegen das Wartungsgitter geschleudert, dessen Rahmen auf seinen Knöchel kippte. Er hörte Barek fluchen und sah durch den ersten weißen Schwall hindurch die offene Tür. Sein Kollege hatte sie erreicht. Dort konnte er atmen, dort lag der Weg hinaus.

Roven zog an seinem Bein, bekam es nicht frei und griff nach dem Absperrrad. Das Metall verbrannte ihm die Hand, bevor er begriff, wie heiß es geworden war. Er ließ trotzdem nicht los. Zwischen den Schwaden sah er Barek im Türrahmen stehen, eine Hand vor dem Gesicht. Dann kam der Mann zurück, seitlich gegen den Dampf geduckt, und setzte ein Brecheisen unter das verzogene Gitter.

Im Stuhl riss Roven an den Gurten. Die Erinnerung lief weiter, während sein Körper sich dagegen wehrte. Barek hob den Rahmen gerade weit genug an, dass er das Bein herausziehen konnte. Sie stolperten gemeinsam zur Tür. Kurz davor brach ein zweiter Anschluss auf, und Barek bekam den Dampf über Rücken und Hals. Roven hörte den Laut wieder, den er seit Monaten beim Einschlafen fürchtete, und presste den Hinterkopf so fest gegen die Stütze, dass ihm der Nacken schmerzte.

Er wollte noch immer, dass dieser Teil verschwand. Doch die Maschine führte ihn weiter bis in den Waschraum, wo Barek später auf dem Boden gelegen hatte. Jemand hatte die Fenster geöffnet. Kalte Luft strich über Rovens nasses Hemd, während er neben seinem Kollegen saß und dessen Hand hielt. Barek hatte versucht, etwas zu sagen. Roven war näher gerückt und hatte ihm versprochen, bei ihm zu bleiben.

„Den Teil lassen Sie mir“, sagte er. Die Worte kamen schwer durch seinen angespannten Kiefer. „Bitte. Das dort soll bleiben.“

Die Archivarin trat an den Seitenarm. Roven sah ihren Ärmel am Rand seines Blickfelds und versuchte, den Kopf zu ihr zu drehen. Das Leder scheuerte ihm die Stirn auf. Sie veränderte eine Einstellung, worauf das Summen tiefer wurde und die Muskeln in seinen Beinen sich so heftig zusammenzogen, dass seine Absätze gegen die Fußstütze schlugen. Die Gehilfin legte ihm eine Hand auf die Schulter und hielt ihn dort, bis er wieder Luft bekam.

Im Waschraum bewegte Barek den Daumen über Rovens Finger. Diese kleine Berührung hatte ihm damals gezeigt, dass der andere noch wusste, wer bei ihm saß. Roven konzentrierte sich darauf, während die Fliesen hinter Bareks Kopf ihre Fugen verloren. Er versuchte, wenigstens den Druck der Hand zu behalten. Doch bald wusste er nur noch, dass ihre Hände verbunden gewesen waren, und musste nach dem Gefühl suchen, obwohl er es gerade eben noch gespürt hatte.

Barek öffnete den Mund. Roven kannte die Bewegung, konnte sie aber mit keinem Laut mehr verbinden. Er wusste, dass er darauf geantwortet hatte. Etwas Wichtiges, etwas, das der Mann hatte hören müssen. Als er den Satz wiederholen wollte, brachte er nur ein heiseres Bitten hervor, ohne noch sagen zu können, was man ihm lassen sollte. Über ihm zog goldheller Dampf durch eine Glasröhre. Er folgte ihm mit den Augen, bis die Leitung hinter der Wand verschwand.

Die Platte wurde hochgeschwenkt. Roven saß unter der kalten Lampe und schmeckte Blut, das ihm aus der Nase über die Oberlippe lief. Er erinnerte sich an Barek aus der Werkhalle, an gemeinsame Pausen und daran, wie gründlich der Mann seine Werkzeuge gereinigt hatte. Auch dass Barek tot war, wusste er noch. Doch zwischen dem geöffneten Verteiler und den Wochen mit seiner verbundenen Hand fand er keinen einzigen Moment mehr, in den er zurückkehren konnte.

Die Gehilfin löste zuerst den Stirngurt und anschließend die Fesseln an seinen Händen. Als sie sich zu seinen Knöcheln beugte, fragte die Archivarin nach seinem Namen und seiner Anschrift. Er beantwortete beides. Sie setzte einen Vermerk auf das Blatt und ließ ihn unterschreiben, dass die vereinbarte Entnahme erfolgt war. Roven musste sich den Stift zwischen die linken Finger legen lassen.

Am Auszahlungsschalter zählte eine Frau die Münzen auf ein Tuch. Er schob sie in seinen Beutel und steckte die Quittung dazu. Seine Kammer gehörte ihm damit für einen weiteren Monat. Draußen regnete es, und bis nach Hause war es weit; trotzdem blieb er vor der offenen Eingangstür stehen und konnte sich nicht dazu bringen, die Stufen hinunterzugehen.

Sobald er die Augen schloss, lag die Kupferplatte wieder auf seinem Kopf. Er spürte den Stirngurt und wusste genau, welche Bewegung der Archivarin das Summen verändert hatte. In der kommenden Nacht würde er auf seiner Matratze liegen und darauf warten, dass der Druck nachließ. Er würde den Mund öffnen und sich daran erinnern, wie leicht seine Bitte im Geräusch der Maschine untergegangen war.

Roven ging zum Schalter zurück. Die Frau hatte bereits das nächste Auszahlungstuch ausgebreitet. Er wartete, bis sie aufsah, und hielt die verletzte rechte Hand mit der linken fest, damit sie das Zittern nicht bemerkte.

„Lässt sich das von eben auch herausnehmen?“, fragte er. „Die Erinnerung an den Stuhl.“

Die Frau zog ein neues Formular aus dem Fach unter ihrer Arbeitsfläche und legte es vor ihn. Roven musste seine Münzen beiseiteschieben, damit das Papier Platz hatte.

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