Das Licht unter dem Mantel
Ash hatte das Schloss bereits offen, als Khayra seine Hand festhielt. Durch die Bretterwand hinter ihnen drang das Scharren einer Schuhsohle. Er ließ den Dietrich im Mechanismus stecken und lauschte, während neben seinem Gesicht ein Tropfen von der Decke fiel. Auf der anderen Seite wurde etwas Schweres abgestellt. Dann verstummten die Schritte, und Ash wusste, dass dort jemand ebenfalls lauschte.
Sie waren durch einen alten Wartungszugang unterhalb der Grube gekommen. Hinter der Tür lag ein Lager, in dem früher Segeltuch und Dämmstoff aufbewahrt worden waren. Khayra kannte den Raum von früheren Besorgungen; einige der Bahnen würden sich noch verwenden lassen, um die feuchten Schlafplätze im Schattenhort abzudecken. Ash hatte die leeren Halterungen draußen gesehen und die Staubschicht auf dem Schloss. Dass jemand das Gebäude inzwischen für andere Geschäfte nutzte, begriff er erst, als von innen der Riegel zurückgeschoben wurde.
Der Mann in der Tür hielt eine kurze Eisenstange neben dem Oberschenkel. Unter seinem offenen Mantel saß eine Lederschürze, in deren Taschen Metallteile steckten. Sein Blick wanderte von Ashs Dietrich zu Khayras Gesicht und blieb dort hängen. Hinter ihm stand ein zweiter Mann zwischen aufgerollten Stoffbahnen. Er stellte seinen Becher auf eine Kiste und ging langsam zu dem Durchgang, durch den sie hereingekommen waren.
Ash zog den Dietrich aus dem Schloss und erklärte, sie hätten nach übrig gebliebenem Stoff gesucht. Dabei schob er sich ein Stück vor Khayra. Der Mann mit der Stange sah an ihm vorbei. Ein goldener Lichtschein fiel aus ihrem Ärmel auf die nassen Bretter; ihre Hand lag noch immer um Ashs Handgelenk, und an der Stelle, wo der Stoff zurückgerutscht war, zeichneten sich die feinen Risse deutlich ab.
„Zeig das noch einmal“, sagte der Mann und streckte die Hand nach ihr aus.
Khayra zog den Arm unter den Mantel. Ash hörte, wie der zweite Mann hinter ihnen die äußere Tür schloss. Im selben Moment bekam der erste den Rand ihrer Kapuze zu fassen und riss sie zurück. Ihr silberblondes Haar fiel über die Schultern. Das Leuchten an ihren Schläfen erhellte sein Gesicht, und Ash sah das langsame Begreifen darin.
„Harl“, sagte er, ohne den Blick von ihr zu nehmen. „Hol die Riemen.“
Ash rammte ihm die offene Tür gegen den Arm. Die Eisenstange schlug auf den Boden, doch der Mann hielt Khayras Mantel fest und zog sie gegen sich. Ash griff nach einem schweren Messinggewicht auf der Kiste neben ihm. Er schlug dem Mann damit ins Gesicht, spürte den Aufprall bis in den Ellenbogen und sah Blut über dessen Mund laufen. Der Griff lockerte sich gerade weit genug, dass Khayra zurückweichen konnte.
Sie kam nur einen Schritt weit. Ihre Hand fuhr an die eigene Wange, und ihre Knie gaben nach. Ash kannte den Ausdruck inzwischen: das plötzliche Zusammenziehen um ihre Augen, die Spannung im Mund, wenn ein fremder Schmerz sie erreichte. Vor ihr hielt sich der Mann das blutende Gesicht. Zwischen ihren Fingern wurde das goldene Licht heller.
Harl packte Ash von hinten und schleuderte ihn gegen die Kisten. Das Messinggewicht fiel ihm aus der Hand. Noch bevor er sich aufrichten konnte, traf ihn eine Faust am Mund und drückte seinen Kopf gegen die Bretter. Er schmeckte Blut, bekam den Unterarm vor sein Gesicht und sah zwischen seinen Fingern hindurch, wie Khayra nach dem umgestürzten Hocker griff.
Sie schlug Harl seitlich gegen das Knie. Der Mann brüllte auf und drehte sich zu ihr, worauf Ash ihn mit beiden Händen in die losen Stoffrollen stieß. Eine kippte aus der Halterung, riss die nächste mit und begrub Harls Beine unter schwerem Gewebe. Khayra ließ den zerbrochenen Hocker fallen. Sie hielt sich an der Wand, das Gesicht verzogen, und Ash begriff, dass auch dieser Schlag bei ihr angekommen war.
Er zog sie zur Treppe am hinteren Ende des Raums. Auf halber Höhe blieb sie stehen, weil ihre Beine zitterten. Unten fluchte Harl zwischen den Stoffbahnen. Der andere Mann hob seine Stange auf, und Ash legte Khayras Arm um seinen Nacken, um sie die letzten Stufen hinaufzubringen. Sie half mit, zog sich am Geländer weiter und stieß schließlich selbst die Dachluke auf.
Regen schlug ihnen ins Gesicht. Ash kletterte hinaus, drehte sich um und half ihr auf die Ziegel. Dann warf er die Luke zu und klemmte einen losen Querbalken unter den Griff. Der erste Stoß von unten hob das Holz an. Er trat darauf, bis Khayra sicher stand, nahm ihre Hand und führte sie über den schmalen First zum Nachbarhaus.
Der Abstand zwischen den Dächern betrug kaum anderthalb Meter. Ash wäre darübergesprungen, ohne langsamer zu werden. Khayra blieb an der Kante stehen. Unter ihnen endete die Gasse in einem offenen Ablauf, in dem schmutziges Wasser gegen ein Gitter drückte. Ihr Blick glitt hinunter, und ihre Finger schlossen sich so fest um seine, dass er die aufgerissene Haut an seinen Knöcheln spürte.
Hinter ihnen brach der Balken. Ash drehte sich zu ihr und legte die freie Hand an ihre Schulter. „Du musst bis zu der Rinne kommen. Ich gehe zuerst und halte dich fest.“ Er wartete, bis sie ihn ansah. „Schau zu mir, sobald ich drüben bin.“
Er sprang, landete auf der Dachschräge und rutschte ein Stück zurück. Die Rinne gab unter seinem Absatz nach, hielt aber, als er sich gegen einen gemauerten Schornstein stemmte. Khayra stand noch immer auf der anderen Seite. Hinter ihr erschien Harls Kopf über der Luke. Ash streckte beide Arme aus, und sie sprang.
Ihre Finger trafen seine Handgelenke. Er packte zu, zog sie gegen sich und bekam ihre Schulter hart gegen das Kinn. Gemeinsam rutschten sie über die Ziegel, bis sein Rücken gegen den Schornstein schlug. Für einen Moment blieb Khayra auf ihm liegen und rang nach Luft. Dann richtete sie sich auf, bevor er sie darum bitten konnte, und folgte ihm geduckt über das Dach.
Ash führte sie durch eine Lücke zwischen zwei Werkhallen und hinunter hinter einen stillgelegten Abzug. Dort warteten sie, eng zwischen Mauer und Blech gedrückt. Die Männer riefen einander über die Dächer hinweg zu. Einmal fiel Laternenlicht auf den Schornstein über ihnen, blieb dort stehen und wanderte weiter. Khayra presste das Gesicht an Ashs Schulter, während er ihren Mantel um die leuchtenden Hände zog.
Erst lange nachdem die Stimmen verschwunden waren, wagte er sich aus dem Versteck. Sie kehrten auf einem Umweg in die unteren Gänge zurück und blieben in einer trockenen Mauernische sitzen. Khayras Haar klebte an ihren Wangen. Unter dem nassen Stoff zitterte sie noch immer, und Ash wusste nicht, wie viel davon Kälte war.
„Ich spüre seinen Mund“, sagte sie schließlich. „Den Mann an der Tür. Ich weiß, wo du ihn getroffen hast.“
Ash sah auf seine Hände. An einem Knöchel hing ein schmaler Hautfetzen, den er vorsichtig anlegte. Er wollte ihr sagen, dass der Mann es verdient hatte, doch das würde nichts an dem ändern, was sie fühlte. Also zog er ein Stück sauberen Stoff aus der Innentasche und drückte es gegen die Wunde.
Khayra streckte die Hand danach aus. Ash sah die Anstrengung in ihrem Gesicht und schob ihr stattdessen das freie Ende des Streifens zwischen die Finger. Sie hielt es, während er den Verband um die Hand wickelte. Anschließend half sie ihm beim Knoten. Ihre Finger arbeiteten langsam, und er wartete jedes Mal, wenn sie innehielt.
Als sie fertig waren, ließ sie die Hand in seiner liegen. Ash rückte näher, damit sie beide unter den noch halbwegs trockenen Teil seines Mantels passten. Die Stoffbahnen waren oben geblieben. Für ihre Besorgung hatten sie nichts vorzuweisen, und der Rückweg zum Schattenhort würde länger dauern, weil sie erneut die Richtung wechseln mussten. Khayra legte den Kopf an seine Schulter. Er hielt ihre Finger zwischen seinen Händen, ohne darauf zu warten, dass sein eigener Schmerz nachließ.

