Taree gehört zu den Wesen, bei denen ich manchmal vergesse, wie ungewöhnlich sie auf Menschen wirken muss, die zum ersten Mal einem Lhyra begegnen. Für mich ist sie einfach Taree. Groß, mondweiß, mit den schwarzen Spitzen an den Ohren und diesen klaren blauen Augen, die einen ansehen können, als hätten sie längst verstanden, was man selbst noch nicht einmal ausgesprochen hat.
Lhyren bewegen sich anders als gewöhnliche Reittiere. Ihre Körper sind lang und kräftig gebaut, ihre breiten Pfoten setzen erstaunlich leise auf, und unter dem Fell verlaufen feine Lichtadern, die meistens kaum zu erkennen sind. Erst wenn etwas ihre Aufmerksamkeit weckt oder Unruhe in der Luft liegt, beginnt dieses Licht deutlicher unter der Haut zu schimmern. Bei Taree wirkt es dann manchmal, als würde ein kühler Schein durch ihr helles Fell wandern.
Sie lässt sich von mir führen, doch ich habe nie das Gefühl gehabt, sie würde mir gehören. Dafür besitzt sie viel zu viel eigenen Willen. Wenn ihr etwas nicht gefällt, weiß ich es meistens lange bevor ich verstanden habe, weshalb. Und wenn sie meint, dass ich mich gerade ziemlich dumm anstelle, reicht eine Bewegung ihres Kopfes oder ein kräftiger Schubs mit der Schnauze, um mir ihre Meinung mitzuteilen.
Kirél ist anders. Schon wenn die anderen Lhyren ruhig stehen, sieht man ihr oft an, dass sie eigentlich längst weiter möchte. Ihr rötliches Fell und die warm glimmenden Linien darunter passen beinahe zu gut zu Tiko, der ebenfalls selten versteht, weshalb man noch warten sollte, wenn man doch längst losgehen könnte. Ich habe die beiden oft beobachtet und manchmal das Gefühl, dass keiner von ihnen genau weiß, wer eigentlich wen ungeduldiger macht.
Gerade deshalb mag ich es, Taree und Kirél nebeneinander zu sehen. Die eine wirkt wie stilles, kaltes Morgenlicht, die andere wie Glut, die unter Asche weiterlebt. Beide sind Lhyren, und trotzdem könnte niemand sie miteinander verwechseln.
Vielleicht ist das überhaupt das Schönste an ihnen. Sie sind keine Tiere, die einfach tragen, wohin man sie lenkt. Sie beobachten uns, reagieren auf uns und entscheiden selbst, wem sie vertrauen. Eine Bindung zu einem Lhyra entsteht nicht durch einen Sattel oder einen Zügel, und sie lässt sich schon gar nicht erzwingen.
Man verdient sie sich.
Und wenn ein Lhyra irgendwann von selbst den Kopf senkt, damit man die Stirn an seinen Hals legen kann, dann weiß man, dass dieses Vertrauen mehr wert ist als jedes Kommando.

