Rowan und die hundert Messingtauben
Die erste Taube landete auf Rowans Schulter, bevor Neris begriff, dass ihr Zauber das falsche Ziel gefunden hatte.
Sie standen in einer der größten Botentaubenwerkstätten von Arkopolis. Reihen aus kupfernen Sitzstangen zogen sich bis unter die gläserne Hallendecke, dazwischen verliefen schmale Startschienen und verzweigte Rohrleitungen. Auf den Werkbänken warteten mechanische Vögel mit geöffneten Brustplatten auf neue Federn, Zahnräder oder Empfängerspeicher.
Die beschädigte Taube, wegen der sie gekommen waren, saß vor Neris auf einem Prüfständer. Ihr linker Flügel war eingeklappt, aus dem Bauch hing ein dünner Draht, und in ihrem Schnabel steckte noch immer ein zerknitterter Brief.
Rowan hatte sie am Morgen auf seinem Fenstersims gefunden. Die Empfängerplakette war leer, der Absender unbekannt, und bei jedem Versuch, den Brief zu entnehmen, hatte die Taube nach seinen Fingern gehackt.
Für Neris sollte es eine einfache Übung werden. Magische Spuren lesen, die verlorene Empfängerkennung sichtbar machen und anschließend Rowan den Fund überlassen.
Sie zeichnete die gelernte Glyphe über die Brustplatte der Taube und konzentrierte sich auf die schwache Aetherspur im Inneren. Golden-grünes Licht glitt zwischen ihren Fingern hindurch, folgte den feinen Leitungen und sammelte sich um den leeren Speicher.
Die Spur reagierte sofort.
Das Licht sprang von der Taube auf Rowan über.
„War das vorgesehen?“, fragte er.
Neris wollte gerade antworten, als irgendwo hinter ihnen ein Relais einrastete.
Dann öffneten sich sämtliche Käfige.
Dutzende Köpfe aus Blech und Kupfer drehten sich gleichzeitig in Rowans Richtung. Kleine Linsen stellten scharf, Flügel klappten auf, und aus dem Inneren der Werkstatt erklang ein anschwellendes Surren.
Die erste Taube schoss von ihrer Stange.
Sie landete auf Rowans Schulter und hielt ihm einen Umschlag vor das Gesicht. Eine zweite setzte sich auf seinen Unterarm. Die dritte brachte ein kleines Paket, verfehlte bei der Landung seinen Ellenbogen und prallte gegen seine Weste.
„Neris.“
„Bitte beweg dich nicht.“
„Es fliegen gerade hundert Metallvögel auf mich zu.“
„Dann beweg dich sehr vorsichtig nicht.“
Der Schwarm erhob sich.
Messingflügel schlugen durch die Halle, Briefe wirbelten von den Sortiertischen, und kleine Pakete schwangen unter den Bäuchen der Tauben. Rowan hob beide Arme, um sein Gesicht zu schützen. Eine Taube setzte sich auf seinen Kopf, zwei weitere stritten um den Platz auf seiner rechten Schulter.
Jeder Vogel trug eine Sendung.
Einige hielten Umschläge im Schnabel. Andere hatten schmale Formulare unter den Flügel geklemmt. Mehrere führten winzige Stempelkissen mit sich und versuchten, Rowans Hand zu erreichen.
Neris stürzte zur Empfängersteuerung. Das Gerät nahm eine ganze Wand ein und bestand aus Schaltern, Lochkarten, drehbaren Messingscheiben und einem großen Hebel, über dem ein rotes Kontrolllicht blinkte.
Auf der mittleren Scheibe erschien Rowans Kennung.
„Der Zauber hat die leere Empfängerspur an deine Dienstmarke gebunden!“
Rowan versuchte, eine Taube von seinem Arm zu schütteln. Der Vogel klammerte sich fester an seinen Ärmel und drückte ihm ein Formular gegen die Brust.
„Dann löse sie wieder.“
„Daran arbeite ich.“
Neris zog den Rückstellhebel.
Er bewegte sich keinen Fingerbreit.
Die Steuerung hatte bereits jede Botentaube der Werkstatt auf den neuen Empfänger geprägt. Solange noch eine Zustellung ausstand, blockierte die Anlage jede Änderung.
Rowan stand inzwischen mitten im Schwarm. Tauben landeten auf seinen Schultern, seinen Armen und dem Geländer hinter ihm. Eine drängte ihm ein Paket unter das Kinn, während eine andere versuchte, seine Unterschrift zu bekommen.
„Unterschreib nichts!“, rief Neris.
„Das hatte ich nicht vor.“
„Jede bestätigte Lieferung verstärkt die Kennung.“
Eine besonders hartnäckige Taube tippte mit dem Schnabel auf das Formular und anschließend auf Rowans Hand.
Er sah sie an. „Du kannst warten.“
Die Taube tippte erneut.
Neris legte beide Hände auf die Empfängerscheibe. Golden-grünes Licht floss über das Metall und tastete nach der Kennung, doch der gespeicherte Name saß bereits tief in den mechanischen Registern. Als sie versuchte, ihn herauszuziehen, flammte das Kontrolllicht heller auf.
Weitere Käfige öffneten sich.
Rowan sah zu ihr hinüber. „Wie viele Tauben sind hier eigentlich?“
„Offenbar mehr als hundert.“
„Das hilft mir sehr.“
Neris zwang sich, den Schwarm auszublenden. Die Zuordnung ließ sich erst löschen, wenn sämtliche Lieferungen abgeschlossen waren. Dafür brauchten die Tauben einen Empfänger, der ihre Formulare annahm.
Ihr Blick fiel auf die Prüfstation neben der Steuerung.
Dort saß eine unfertige Botentaube ohne Flügel. In ihrer offenen Brust lag ein vollständig leerer Empfängerspeicher, der für die Kalibrierung neuer Sendungen verwendet wurde.
Neris zog die leere Speicherplatte heraus und klemmte sie in die Halterung der Steuerung. Danach legte sie eine Hand auf die Platte und griff mit der anderen erneut nach dem Hebel.
„Rowan, wenn ich die Kennung löse, suchen sie für einen Moment nach einem neuen Ziel.“
„Wie lange ist ein Moment?“
„Das finde ich gleich heraus.“
Sie sammelte den Zauber zwischen ihren Fingern. Dieses Mal folgte sie der Empfängerspur rückwärts, durch die Steuerung, über die Startschienen und bis zu jeder einzelnen Taube. Das Licht zog sich wie ein Netz durch die Werkstatt.
Rowans Kennung erschien darin als heller Knoten.
Neris packte den Hebel fester und riss ihn nach unten.
Die Maschine setzte sich mit einem dumpfen Schlag in Bewegung. Zahnräder drehten sich, Lochkarten sprangen aus ihren Führungen, und das magische Netz spannte sich um Rowan.
„Jetzt!“
Er zog die Dienstmarke aus seiner Westentasche und warf sie zu ihr.
Neris fing sie auf, presste sie gegen die leere Speicherplatte und löste die Verbindung. Das Licht schoss durch ihre Hände, wanderte aus der Marke in den Speicher und ließ die gesamte Steuerung golden aufleuchten.
Der Schwarm hielt inne.
Über hundert mechanische Köpfe drehten sich gleichzeitig zur Prüfstation.
„Oh“, sagte Neris.
Die Tauben verließen Rowan.
Der gesamte Schwarm stürzte sich auf die leere Speicherplatte. Briefe, Formulare und Pakete flogen durch die Halle, während die Vögel um den Prüfstand kreisten und nacheinander ihre Lieferungen in die Sammelbehälter warfen.
Rowan blieb mit ausgebreiteten Armen zurück. Seine Haare standen in alle Richtungen, auf seiner Weste waren kleine Kratzspuren zu sehen, und ein einzelner Umschlag hing noch an seinem Kragen.
Neris schob den Hebel in die Ausgangsposition. Das Kontrolllicht erlosch.
Nach und nach kehrten die Tauben auf ihre Stangen zurück. Die letzte setzte sich über der Steuerung auf ein Rohr, faltete ihre Kupferflügel zusammen und begann, völlig unschuldig ihre Brustplatte zu putzen.
Neris nahm Rowans Dienstmarke von der Speicherplatte und reichte sie ihm.
„Die Kennung ist gelöscht.“
Rowan betrachtete die ruhige Werkstatt. „Das war deine einfache Übung?“
„Der erste Teil war einfach.“
„Welcher Teil?“
„Der, bevor alle Käfige aufgingen.“
Am Ausgang holte sie eine kleine Botentaube ein. Der Vogel trug ein Formular mit der Aufstellung sämtlicher außerplanmäßig gestarteter Zustellungen. Unten befand sich ein freies Feld für die Bestätigung des Empfängers.
Die Taube landete auf Rowans Schulter und hielt ihm das Blatt hin.
Er ging weiter.
Sie folgte ihm bis zu seinem Büro, saß während seiner gesamten Besprechung auf dem Fensterbrett und klopfte jedes Mal gegen die Scheibe, sobald er sie ansah.
Am nächsten Morgen unterschrieb Rowan.
Die Taube stempelte das Formular, verbeugte sich knapp und flog davon.
Neris bewahrte eine Kopie der Rechnung später zwischen ihren Unterrichtsunterlagen auf. Oben schrieb sie mit roter Tinte:
Empfängerzauber erfolgreich. Zielauswahl ausbaufähig.

