Wie Magie spricht
Der kreisförmige Lehrsaal lag tief im ältesten Teil des Hermetic College. Messingstreben gliederten die hohen Wände, zwischen denen schmale Regale voller Runenplatten und versiegelter Schriften standen. In den Boden war eine große Glyphe eingelassen. Ihre Linien wirkten im Licht der Hängelampen beinahe schwarz.
Lady Ophelia Hart stand am Rand des Kreises. Ihre Haltung war aufrecht, die Hände ruhten locker vor dem Körper. Neben ihr wartete Magistra Elowen Braithe mit jener stillen Gelassenheit, die selbst erfahrene Hexen dazu brachte, ihre Gesten ein zweites Mal zu überdenken.
Madame Violetta Finch hatte ihren Codex auf einem Lesepult abgelegt.
Das Buch war damit nicht einverstanden.
„Ein lebender Codex wird nicht abgelegt“, erklärte es mit tiefer, leicht beleidigter Stimme. Das Gesicht auf seinem Einband verzog den Mund, während die Schließen an den Seiten ungeduldig klapperten. „Er wird konsultiert, zitiert oder unter angemessener Würdigung seiner jahrhundertelangen Dienste präsentiert.“
Violetta zog ihre violetten Handschuhe glatt. „Du wurdest vor wenigen Augenblicken feierlich auf einem Pult platziert.“
„Mit dem Rücken zur Hauptglyphe.“
„Du besitzt Augen auf dem Einband.“
„Das berechtigt niemanden zu nachlässiger Ausrichtung.“
Ophelia wartete, bis der Codex sein Pult eigenständig gedreht hatte. Danach hob sie eine Hand.
„Eine Inkantation beginnt mit der Stimme“, sagte sie. „Das gesprochene Wort gibt der Magie ihren Rhythmus. Lautstärke allein besitzt dabei kaum Bedeutung. Entscheidend sind Betonung, Atem und die innere Sicherheit, mit der eine Hexe die Form ausspricht.“
Sie streckte zwei Finger aus und führte eine kleine, ruhige Bewegung durch die Luft.
„Sîlfa quies.“
Ein blasses Licht erschien über ihrer Hand. Es hatte die Größe einer Münze und schwebte vollkommen ruhig zwischen ihren Fingern. Keine Glyphe leuchtete auf, kein Wind bewegte sich durch den Saal.
Violetta trat näher und betrachtete den Lichtpunkt. „Ein kleiner, vertrauter Zauber braucht nur wenig Raum. Die Magie kennt die Bewegung, weil die Hexe sie oft genug geformt hat.“
Der Codex schlug sich selbst auf. Mehrere Seiten blätterten so schnell um, dass ein trockener Luftzug über das Pult strich.
„Korrektur“, verkündete er. „Magie kennt überhaupt nichts. Sie reagiert auf eine hinreichend klare Verbindung aus phonetischer Struktur, gelenkter Bewegung und mentaler Zielsetzung.“
Elowens Mundwinkel hob sich kaum sichtbar. „Der Codex möchte sagen, dass Gewohnheit keine der drei Grundlagen ersetzt.“
„Das habe ich präziser formuliert.“
„Und erheblich länger.“
Das Buch klappte einige Seiten beleidigt zurück.
Ophelia bewegte ihre Finger zur Seite. Der Lichtpunkt folgte der Geste. Als sie die Hand schloss, erlosch er.
„Die Bewegung weist der Wirkung den Weg“, erklärte sie. „Selbst eine korrekt ausgesprochene Formel bleibt unvollständig, wenn die Geste kein Ziel vorgibt. Bei einem Licht kann das lediglich der gewünschte Ort sein. Bei einer Druckwelle entscheiden Winkel und Verlauf darüber, was getroffen wird.“
Sie wiederholte die Inkantation. Dieses Mal ließ sie die Hand während der letzten Silbe sinken.
Das Licht entstand erneut, erschien jedoch dicht über dem Boden.
„Dasselbe Wort“, sagte Elowen, während sie in den Kreis trat. „Dieselbe Stimme. Die veränderte Bewegung führt zu einem anderen Ort.“
Sie hob eine Hand und hielt sie über Ophelias Licht. Die blauen Augen der Magistra richteten sich darauf, doch ihre Finger bewegten sich nicht.
Der Lichtpunkt flackerte und verlor seine Form.
„Die Absicht fehlt“, sagte Elowen. „Eine Hexe kann jedes Wort beherrschen und jede Geste fehlerfrei ausführen. Solange sie kein klares Ergebnis vor Augen hat, findet die Magie keinen Halt.“
Ihr Blick blieb auf dem schwachen Leuchten gerichtet. Nach wenigen Atemzügen wurde daraus ein gleichmäßiger, heller Schein.
Elowen hatte keinen weiteren Spruch gesprochen. Sie gab dem vorhandenen Zauber lediglich die Klarheit zurück, die sie ihm zuvor entzogen hatte.
Violetta lächelte anerkennend. „Stimme, Geste und Absicht. Keine der drei Kräfte steht für sich allein. Erst ihr Zusammenspiel macht aus einer alten Lautfolge einen Zauber.“
Der Codex räusperte sich so laut, dass das Geräusch von den Wänden widerhallte.
„Die Bezeichnung Lautfolge unterschlägt die etymologische Entwicklung aus mindestens sieben magischen Schulen und vier bislang ungeklärten Sprachstufen.“
Violetta beugte sich zu ihm. „Du möchtest darauf hinaus, dass die alte Inkantationssprache keine vollständig überlieferte Grammatik besitzt.“
„Ich möchte darauf hinaus, dass Jahrhunderte unzulänglicher Archivarbeit ein sprachwissenschaftliches Verbrechen darstellen.“
„Dann sind wir uns ausnahmsweise einig.“
Ophelia ging in die Mitte der Bodenglyphe. „Viele Formeln stammen aus verschiedenen Epochen. Deshalb klingen sie nicht immer, als gehörten sie derselben Sprache an. Einige Hexen kürzen vertraute Formen ab oder verändern einzelne Bestandteile.“
„Eine bedenkliche Gewohnheit“, warf der Codex ein.
„Eine notwendige Entwicklung“, entgegnete Elowen ruhig. „Sprache bleibt lebendig, wenn sie verwendet wird. Die Magie folgt keinem Wörterbuch. Bewegung, Vorstellung und Ziel müssen zusammenpassen.“
Der Codex blätterte missbilligend, fand jedoch offenbar keinen Einwand, den er für stark genug hielt.
Ophelia hob beide Hände. Feine violette Linien erschienen zwischen ihren Fingern und zogen sich durch die Luft. Ihre Bewegungen waren langsam und präzise. Jeder Bogen schloss an den vorherigen an, bis eine vollständige Glyphe vor ihr schwebte.
„Größere Wirkungen benötigen mehr als die vertrauten kleinen Formen“, erklärte sie. „Die Glyphe hält ihre Struktur zusammen. Eine offene Linie, ein falscher Winkel oder ein verlorener Fokus können den Zauber schwächen.“
Elowen trat ihr gegenüber und führte blauweißes Licht in die äußeren Linien. Die Glyphe wuchs, ohne ihre Form zu verlieren. Violetta öffnete den Codex, der sich dieses Mal bereitwillig vom Pult erhob.
Goldene Schriftzeichen strömten aus seinen Seiten. Sie kreisten um das violette Geflecht und verbanden sich mit Elowens Licht. Das Zentrum der Glyphe begann zu leuchten.
Ophelia sprach die Inkantation erst, als sämtliche Linien geschlossen waren.
„Silâe cordem. Flâri sancta.“
Ein durchsichtiger Schutzkokon breitete sich um die drei Hexen aus. Sein Rand flimmerte im Licht der Lampen. Die Kraft darin war deutlich spürbar, obwohl im Saal kaum ein Geräusch entstand.
Violetta hob prüfend einen Finger und tippte gegen das Feld. Ein goldener Ring lief über seine Oberfläche.
„Die Stimme hat den Rhythmus gesetzt“, sagte sie. „Ophelias Geste gab dem Feld seine Form. Unsere gemeinsame Absicht bestimmt, was es schützen soll.“
Elowen betrachtete die gleichmäßig leuchtenden Linien. „Und unsere Konzentration hält es stabil. Je größer das Feld wird und je mehr Kraft darauf einwirkt, desto stärker belastet es die Hexe.“
Der Codex schwebte ein wenig höher. „Ergänzung gemäß den Sicherheitsbestimmungen für gemeinschaftlich erzeugte Schutzfelder: Sämtliche Beteiligten müssen vor Beginn der Beschwörung über Ziel, Umfang und vorgesehene Dauer informiert werden.“
„Wir waren informiert“, sagte Ophelia.
„Ich wurde nicht gefragt.“
„Du hast die Inkantation während der Vorbereitung dreimal korrigiert.“
„Das stellt keine rechtsgültige Zustimmung dar.“
Violetta lachte leise, während sie eine der goldenen Schriftlinien aus der Luft zog. Der Codex schnappte nach ihren Fingern, verfehlte sie jedoch. Dabei geriet sein Strom aus Zeichen aus dem Takt.
Die Glyphe schwankte.
Ophelia reagierte sofort. Eine kleine Veränderung ihrer Handstellung fing die äußere Linie auf. Elowen verstärkte den ruhenden Kern, und Violetta brachte die goldene Schrift mit einer kreisenden Bewegung zurück an ihren Platz.
Nach wenigen Augenblicken stand das Schutzfeld wieder vollkommen ruhig.
„Deshalb“, sagte Ophelia und sah den Codex an, „genügt es nicht, die richtigen Worte zu kennen.“
Das Buch schloss seinen Mund.
Violetta hob überrascht die Augenbrauen. „Ich glaube, du hast ihn überzeugt.“
„Ich dokumentiere lediglich eine vorübergehende Abweichung“, erklärte der Codex nach kurzem Schweigen. „Die Unterbrechung ging eindeutig von einer unbefugten Berührung meiner Schrift aus.“
„Natürlich“, sagte Elowen. „Dann dokumentiere bitte ebenfalls, dass drei Hexen den Zauber aufgefangen haben, bevor du deinen Satz beenden konntest.“
Die Seiten des Codex flatterten. Eine Feder erschien über ihm und begann hastig zu schreiben.
Ophelia löste die Glyphe mit einer kontrollierten Bewegung auf. Violette, blaue und goldene Linien zogen sich zum Mittelpunkt zurück, bis nur noch ein einzelner Lichtfunke über dem Boden schwebte.
„Magie spricht durch die Hexe“, sagte sie. „Die Worte geben ihr eine Stimme. Die Geste zeigt ihr den Weg. Die Absicht sagt ihr, was am Ende geschehen soll.“
Der kleine Funke sank in die Glyphe und erlosch.
Der Codex klappte geräuschvoll zu.
„Die Ausführung war akzeptabel“, verkündete er.
Violetta nahm ihn unter den Arm. „Von dir ist das beinahe ein Lob.“
„Diese Interpretation widerspricht dem Protokoll.“
Elowen öffnete die Tür des Lehrsaals. „Dann hast du auf dem Weg ausreichend Zeit, das Protokoll vorzulesen.“
Der Codex begann bereits mit dem ersten Absatz, bevor die drei Hexen den Raum verlassen hatten.

