Rorik bemerkte den Hinterhalt, als Gideon die Tür hinter ihnen schloss.
Vor ihnen erhob sich ein kreisförmiges Messgestell aus poliertem Messing. Gelenkarme ruhten zwischen Samtvorhängen, Maßbänder hingen von der Decke, und an den Wänden standen Reihen kopfloser Schneiderpuppen in makellosen Gehröcken.
Rorik blieb auf der Türschwelle stehen. „Du hast gesagt, wir holen etwas ab.“
„Das werden wir auch.“
Gideon ging zu einem kleinen Tisch, auf dem eine Teekanne und zwei Tassen bereitstanden. Er schenkte sich ein, als hätte er einen ausgesprochen angenehmen Nachmittag geplant.
„Was genau holen wir ab?“
„Deinen Anzug.“
Rorik griff nach dem Türgriff. Das Schloss rastete bereits mit einem höflichen Klicken ein.
Aus dem Messgestell ertönte ein heller Ton. Eine kleine Linse fuhr aus der oberen Strebe, richtete sich auf Rorik und wanderte langsam von seinen Stiefeln bis zu seinem Kopf. Während der Untersuchung blinkten mehrere Kontrolllampen. Zwei davon wechselten auf Rot.
Eine Messingstimme erklang aus dem Sockel.
„Bekleidungszustand: unzureichend. Passform: unbekannt. Stoffpflege: bedenklich. Anzahl körpernaher Metallgegenstände: siebenundzwanzig.“
Rorik sah an sich hinunter. „Siebenundzwanzig?“
Gideon nahm einen Schluck Tee. „Sie zählt vermutlich die Schnallen mit.“
Die ersten Schneiderarme klappten aus dem Gestell.
Rorik wich zurück, doch ein Maßband schoss vor und legte sich um seine Taille. Ein zweites wickelte sich um seinen Brustkorb, während ein drittes versuchte, die Länge seines rechten Arms zu bestimmen. Er packte danach und riss es fort.
Das Gestell gab einen missbilligenden Ton von sich.
„Kunde verweigert Vermessung. Korrekturmodus wird aktiviert.“
„Gideon.“
„Bleib ruhig. Die Maschine reagiert empfindlich auf Widerstand.“
Rorik betrachtete die mechanischen Arme, die sich nun gleichzeitig auf ihn ausrichteten. „Das hättest du erwähnen können, bevor du mich eingeschlossen hast.“
Der erste Arm griff nach seinem Gürtel.
Rorik schlug ihn zur Seite. Ein zweiter erwischte das Ende seines Halstuchs und zog es mit einer geschickten Bewegung aus seinem Kragen. Zwei weitere Arme näherten sich von hinten, öffneten seine Weste und prüften den Stoff zwischen kleinen metallenen Fingern.
„Materialverschleiß: zweiundachtzig Prozent“, meldete die Maschine. „Salzablagerungen erkannt. Mehrere unbekannte Flecken. Bekleidungsstück wird ausgesondert.“
„Du sonderst überhaupt nichts aus!“
Rorik bekam seine Weste zu fassen, bevor der Arm sie fortziehen konnte. Für einige Sekunden entstand ein kräftiges Tauziehen zwischen Mann und Maschine. Das Messgestell gewann, faltete die Weste zusammen und warf sie in einen Korb mit der Aufschrift für unbrauchbare Stoffe.
Gideon beobachtete den Vorgang über den Rand seiner Tasse hinweg. „Sie arbeitet sehr ordentlich.“
„Wenn du noch einmal so etwas sagst, stecke ich dich in das Gestell.“
„Mein Anzug passt bereits.“
Eine Bodenplatte drehte sich unter Roriks Stiefeln und schob ihn in die Mitte des Apparats. Messingstreben fuhren um ihn herum hoch. Ein Maßband spannte sich quer über seine Hüfte, während ein mechanischer Arm seine Schulter ausrichtete.
Rorik versuchte, unter der Strebe hindurchzutauchen.
Das Gestell drehte ihn zurück.
Ein langer burgunderroter Gehrock glitt auf einer Schiene aus der Wand. Der Stoff war schwer, die Knöpfe bestanden aus dunklem Messing, und feine Stickereien zogen sich über Kragen und Ärmel. Zwei Schneiderarme hielten ihn hinter Rorik bereit.
„Der ziehe ich nicht an.“
Die Maschine begann sofort damit.
Ein Ärmel glitt über seinen linken Arm. Rorik riss die Schulter zurück, blieb mit der Hand im Futter hängen und drehte sich halb aus dem Gestell. Der rechte Ärmel schlug hinter ihm durch die Luft, während mehrere Greifarme versuchten, den Gehrock wieder in die vorgesehene Position zu bringen.
Ein Maßband wickelte sich erneut um seine Taille.
Rorik stemmte beide Füße gegen die Bodenplatte und packte den Stoff. „Mach diese verdammte Maschine aus!“
Gideon stellte seine Tasse auf die Untertasse. „Ich könnte nach dem Hauptschalter suchen.“
„Das wäre eine hervorragende Idee.“
„Allerdings hat sie deine Maße fast vollständig erfasst.“
Roriks Blick versprach ihm eine ausführliche Unterhaltung, sobald die mechanischen Arme ihn losließen.
Die Schneiderautomatik öffnete inzwischen seinen Waffengurt. Mehrere kleine Messer, zwei Dietriche, eine Drahtrolle und ein flacher Flachmann wurden auf einem Samtkissen abgelegt. Ein Prüfgerät tastete jedes Stück ab.
„Zusätzliche Innentaschen erforderlich“, stellte die Maschine fest.
Gideon hob interessiert die Augenbrauen. „Das klingt vernünftig.“
Der Gehrock wurde Rorik vollständig über die Schultern gezogen. Kleine Nadelarme huschten über die Nähte, passten die Länge an und verstärkten das Futter. Weitere Werkzeuge schnitten Öffnungen in die Innenseite und setzten Taschen ein, deren Anzahl mit jedem überprüften Gegenstand wuchs.
Rorik hatte aufgehört, sich zu wehren. Er beobachtete, wie ein Arm seinen Flachmann in eine genau passende Tasche schob. Ein zweiter brachte die Messer unter, ohne dass sich der Stoff darüber wölbte.
Die Maschine trat einen Schritt zurück, soweit ein fest verschraubtes Gestell dazu fähig war.
„Anprobe abgeschlossen.“
Sämtliche Arme lösten sich gleichzeitig von Rorik.
Er stand mitten auf der Bodenplatte, atmete schwer und betrachtete sich in dem hohen Spiegel vor ihm. Der burgunderrote Gehrock saß perfekt. Die Schultern wirkten breiter, der Schnitt ließ ihm volle Bewegungsfreiheit, und selbst die zusätzlichen Taschen waren von außen unsichtbar.
Rorik hob probeweise einen Arm. Kein Stoff spannte. Er zog eines der Messer, drehte es zwischen den Fingern und ließ es wieder verschwinden.
Gideon nahm seine Tasse erneut auf. „Du siehst beinahe gesellschaftsfähig aus.“
Rorik betrachtete sein Spiegelbild noch einen Moment. Dann zog er den Kragen schief und öffnete die oberen Knöpfe.
„Das Ding hat versucht, mich zu erwürgen.“
„Es hat dich vermessen.“
„Mit Gewalt.“
„Du hast dich gewehrt.“
Rorik trat aus dem Gestell. Der Gehrock bewegte sich so selbstverständlich mit ihm, als hätte er ihn seit Jahren getragen. Am Ausgang nahm er seine alte Weste aus dem Korb und klemmte sie unter den Arm.
Gideon bezahlte die Rechnung und folgte ihm auf die Straße.
Während des gesamten Empfangs behauptete Rorik, der Anzug sei unbequem, übertrieben und ein Angriff auf seine persönliche Freiheit. Trotzdem trug er ihn bis zum Ende des Abends. Als später jemand nach dem Namen seines Schneiders fragte, erzählte er ausführlich von einer gnadenlosen Messingmaschine, siebenundzwanzig Metallgegenständen und einem beinahe tödlichen Maßband.
Den Gehrock brachte er anschließend in seine Kabine.
Seine alte Weste hing am nächsten Morgen über der Rückenlehne eines Stuhls.

