Plattform 4 kündigte Ärger gewöhnlich durch ein Zittern der Bohlen an. Manchmal folgte ein metallisches Knacken, manchmal eine kleine Explosion, und wenn der Tag besonders schlecht lief, bekam Araxa Besuch von einem Hafeninspektor.
An diesem Morgen begann es mit einem tiefen Laut unter Ellies Stiefeln.
Er zog durch das Holz, vibrierte in den Verstrebungen und ließ die Schraubenschlüssel an Araxas Gürtel leise gegeneinanderschlagen. Ellie blieb stehen und sah hinunter. Zwischen den feuchten Bohlen quoll gelblicher Dampf hervor.
„Bitte sag mir, dass unter uns nur eine Leitung arbeitet.“
Araxa nahm die Pfeife aus dem Mund und lauschte. Ihr Gesicht blieb unbewegt, doch ihre Augen wanderten zu dem alten Druckventil am Rand der Plattform. Der Zeiger zitterte weit hinter dem roten Bereich.
„Eine Leitung klingt anders“, erklärte sie. „Und sie hat gewöhnlich weniger Hunger.“
Das erste Brett sprang aus seiner Verankerung.
Eine Moor-Brüllkröte schob den breiten Kopf durch die Öffnung, stemmte sich mit den Vorderbeinen auf die Plattform und zog den Rest ihres schweren Körpers nach. Ihre Haut glänzte in dunklem Grün und Kupfer, als hätte jemand ein Stück Sumpf mit Messing überzogen. Sie blinzelte Ellie an, öffnete das Maul und stieß einen Ruf aus, der ihr bis in die Rippen fuhr.
Noch bevor das Echo zwischen den Rohren verklungen war, antwortete es unter der gesamten Plattform.
Araxa griff nach einem Lederriemen. „Das Ventil verliert Schwefeldampf. Für sie klingt das wie die Essensglocke.“
Zwei weitere Bohlen hoben sich. Eine zweite Kröte kroch zwischen den Streben hervor, eine dritte folgte ihr mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Das kleinste Tier sprang auf eine Kiste und begann, mit sichtlicher Begeisterung an einem gelben Belag zu lecken.
Ellie wich zurück, als die größte Kröte auf das defekte Ventil zuhielt. „Warum hält man so etwas unter einer bewohnten Plattform?“
„Weil sie den Schwefelschlamm aus den Abflussrinnen fressen und jedes Leck früher bemerken als ein Mechaniker.“ Araxa warf ihr den Riemen zu. „Normalerweise bleiben sie dabei unten.“
Ellie fing das Leder, während die große Kröte den Kopf senkte und schneller wurde. Das Tier wog vermutlich mehr als sie und besaß die Zielstrebigkeit einer Rangiermaschine. Ellie sprang zur Seite, ließ den Riemen über dessen Rücken gleiten und zog ihn hinter den Vorderbeinen fest.
Die Kröte bemerkte den Widerstand.
Ihr Körper spannte sich, die Hinterbeine drückten gegen die nassen Bohlen, und im nächsten Augenblick riss sie Ellie quer über die Plattform. Ihre Stiefel fanden kaum Halt. Das Seil schnitt in ihre Handflächen, während Kisten, Werkzeuge und ein erschrockener Hafenarbeiter aus ihrem Weg sprangen.
Araxa stieg auf eine niedrige Transportkiste, weil sich eine weitere Kröte zwischen sie und das Ventil geschoben hatte. Das Tier blähte seinen Kehlsack auf, bis er beinahe so groß war wie sein Körper. Gelbliche Linien leuchteten unter der gespannten Haut.
„Wenn die brüllt, platzen uns die Lampengläser“, rief Araxa über das Dröhnen der Leitungen hinweg. „Zieh deine nach links. Sie folgt dem stärksten Schwefelgeruch.“
Ellie stemmte beide Beine gegen eine Querstrebe und zog. Die Kröte schwenkte herum, rutschte über das nasse Holz und riss dabei zwei leere Fässer um. Ihr Maul stand offen, ihre Augen glänzten vor Begeisterung. Für sie war das Ganze offenbar ein ausgesprochen gelungener Vormittag.
„Deine Vorstellung von Hafenarbeit wird jedes Mal schlimmer!“
Araxa zog einen Schraubenschlüssel aus ihrem Gürtel. „Du bist freiwillig auf meine Plattform gekommen.“
Mit einem Satz brachte sie sich neben das Ventil. Der aufgeblähte Kehlsack der Kröte bebte bereits. Araxa schlug den Schlüssel auf das Handrad, löste die festgefressene Sperre und warf ihr gesamtes Gewicht dagegen. Metall kreischte. Das Rad bewegte sich einen Fingerbreit, blieb hängen und gab dann plötzlich nach.
Der gelbe Dampf versiegte.
Die Brüllkröte schloss das Maul, bevor der Ruf herauskam. Ihr Kehlsack sank langsam zusammen. Auch die anderen Tiere hielten inne. Die große Kröte am Seil schnupperte über die Bohlen, schüttelte den Kopf und setzte sich mit solcher Wucht auf das Hinterteil, dass Ellie beinahe nach vorn stürzte.
Für einige Sekunden herrschte vollkommene Stille.
Dann begann die kleinste Kröte, den verbliebenen Schwefelbelag rund um das Ventil aufzulecken. Die übrigen folgten ihr. Breite Zungen glitten über Holz und Metall, bis von der gelben Kruste kaum noch etwas übrig war.
Araxa setzte sich auf die Transportkiste und steckte die Pfeife wieder zwischen die Zähne. „Gründlicher als jede Hafenreinigung.“
Ellie lockerte vorsichtig den Riemen. Die große Kröte ließ es geschehen, blinzelte zufrieden und schob sich anschließend durch die Öffnung unter den Bohlen. Eine nach der anderen verschwanden die Tiere hinter ihr. Zuletzt blickte die kleinste noch einmal zu Ellie zurück, bevor auch sie in der Tiefe verschwand.
Unter Plattform 4 setzte ein leises, zufriedenes Glucksen ein.
Ellie betrachtete die aufgerissenen Bohlen, die umgestürzten Fässer und die Schleifspur, die ihre Stiefel hinterlassen hatten. „Und mit diesen Dingern wolltest du wirklich jemanden füttern?“
Araxa blies eine dünne Rauchfahne in Richtung der Rohre. „Nur Leute, die Schwefel auf meine Planken erbrechen.“
Seit diesem Tag wusste Ellie, dass Araxa ihre Drohungen sorgfältiger auswählte, als es zunächst den Anschein hatte.

