Der Anleger liegt seit fast dreißig Jahren still.
Regen glänzt auf den alten Metallplatten, und unter uns verschwinden die Lichter von Arkopolis im Nebel. Von der Überdachung hängen drei Gaslampen. Nur eine davon brennt. Ihre Flamme zuckt bei jedem Windstoß und wirft Rowans Schatten über das verriegelte Wartehäuschen.
Er steht neben mir und betrachtet seine Taschenuhr.
„Zwölf Minuten nach Mitternacht“, sagt er. „Genau um diese Zeit wurde der Floater bei allen drei Sichtungen beobachtet.“
„Du klingst, als würdest du tatsächlich damit rechnen, dass er kommt.“
Rowan klappt die Uhr zu und steckt sie ein. „Ich habe gelernt, ungewöhnliche Berichte ernst zu nehmen, sobald mehrere Menschen unabhängig voneinander denselben Unsinn erzählen.“
Seine Akte enthält sechs Namen. Menschen, die im Laufe von fast vier Jahrzehnten verschwanden und zuletzt in der Nähe dieses Anlegers gesehen wurden. Bei zweien fand man später eine alte Fahrkarte in der Wohnung. Auf beiden stand eine Linie, die es in keinem Streckenverzeichnis von Arkopolis gibt.
Null.
Ein fernes Summen dringt durch den Nebel.
Rowan richtet sich auf. Ich trete an den Rand des Anlegers und sehe zunächst nur Dunkelheit. Dann erscheint ein warmes Licht zwischen den Türmen. Es nähert sich lautlos, obwohl sich an seiner Unterseite mehrere schimmernde Tragringe drehen.
Der alte Passagier-Floater gleitet aus dem Nebel.
Sein schwarzer Messingrumpf ist vom Alter stumpf geworden. Hinter den beschlagenen Fenstern brennen Lampen, und auf den Sitzen zeichnen sich die Umrisse zahlreicher Fahrgäste ab. Keiner von ihnen bewegt sich.
Der Floater hält genau vor uns.
Auf seiner Front leuchtet eine einzelne goldene Null.
Mit einem leisen Zischen öffnet sich die Tür. Warmes Licht fällt über den nassen Anleger, doch niemand steigt aus. Im Inneren wartet nur ein schmaler Gang zwischen dunklen Holzbänken.
Rowan legt eine Hand an meinen Rücken, bevor ich vorgehen kann. „Wir sehen uns um und bleiben in der Nähe der Tür. Falls sie sich schließt, steigen wir sofort wieder aus.“
„Das klingt vernünftig.“
„Bei dir macht mir vor allem Sorgen, wie schnell du vernünftigen Plänen zustimmst.“
Ich werfe ihm einen Blick zu und betrete den Floater.
Die Luft im Inneren riecht nach Kohle, feuchter Wolle und altem Papier. Die Fahrgäste sitzen mit gesenkten Köpfen auf den Bänken. Eine Frau trägt ein Kleid, dessen Schnitt seit Jahrzehnten aus der Mode ist. Gegenüber von ihr hält ein Mann einen abgewetzten Koffer auf den Knien. Weiter hinten sitzt ein Junge in einer viel zu großen Jacke.
Niemand sieht zu uns auf.
Rowan folgt mir und betrachtet die leblosen Gesichter. „Sie passen zu den Beschreibungen in der Akte.“
An der Wand neben ihm hängt ein metallener Fahrkartengeber. Sein Gehäuse beginnt zu rattern. Zahnräder drehen sich, obwohl niemand den Mechanismus berührt hat. Zwei kleine Karten gleiten aus einem Schlitz.
Ich ziehe sie heraus.
Auf der ersten steht der Name Marius Hett, verschwunden vor siebenundzwanzig Jahren. Die zweite gehört Clara Venn, die laut Rowans Unterlagen seit neun Jahren vermisst wird.
Das Gerät arbeitet weiter.
Eine Fahrkarte nach der anderen fällt zu Boden. Jeder Name gehört zu einem Menschen, der nie zurückgekehrt ist.
Dann verstummt der Mechanismus.
Für einen Moment höre ich nur den Regen gegen die Fenster schlagen.
Mit einem letzten Klicken erscheint eine weitere Karte.
Rowan nimmt sie heraus. Sein Gesicht verändert sich, als er die Schrift liest.
Ich greife danach.
ELLIE ASHCROFT
Darunter steht:
EINSTIEG: HEUTE
AUSSTIEG: UNBEKANNT
Hinter uns schlägt die Tür zu.
Rowan fährt herum und packt den Griff. Er lässt sich keinen Fingerbreit bewegen. Gleichzeitig setzt sich der Floater in Bewegung und gleitet vom Anleger fort.
„Das mit dem sofortigen Aussteigen hat hervorragend funktioniert“, sage ich.
Rowan stemmt sich ein zweites Mal gegen die Tür. „Ich werde den nächsten vernünftigen Plan ausführlicher formulieren.“
Außerhalb der Fenster zieht Arkopolis vorbei, doch etwas stimmt mit der Stadt nicht. Die Türme werden niedriger. Brücken verschwinden, Werkstätten weichen alten Backsteinhäusern, und an Stellen, die ich seit Jahren als dicht bebaute Viertel kenne, ragen plötzlich nackte Gerüste in den Himmel.
Der Floater fährt durch ein Arkopolis vergangener Jahrzehnte.
Ich gehe zwischen den Sitzreihen hindurch. Die Fahrgäste reagieren noch immer nicht auf uns. Erst als ich neben dem Jungen stehen bleibe, hebt er langsam den Kopf.
Seine Augen wirken müde, doch er ist lebendig.
„Fährt die Linie endlich zurück?“, fragt er.
Ich knie mich neben ihn. „Wie lange bist du schon hier?“
Er betrachtet die vorbeiziehenden Lichter. „Ich weiß es nicht. Draußen sieht es jedes Mal anders aus.“
Rowan hat inzwischen den vorderen Teil des Floaters untersucht. Er kommt zurück und hält einen kleinen Messinghebel in der Hand. „Der Führerstand ist leer. Sämtliche Steuerungen bewegen sich allein, und der Nothalt war offenbar nur zur Beruhigung der Fahrgäste eingebaut.“
Der Junge zeigt auf meine Fahrkarte. „Wenn dein Name daraufsteht, sucht die Linie nach deinem Halt.“
„Woher weiß sie, wohin ich will?“
„Das weiß sie nicht. Sie fährt dorthin, wo man verloren gegangen ist.“
Ein kaltes Ziehen läuft über meinen Rücken.
Die Lampen flackern. Am Ende des Ganges öffnet sich eine schmale Tür, hinter der ein großes Räderwerk arbeitet. In seinem Zentrum dreht sich eine Messingscheibe. Unzählige Namen sind in ihre Oberfläche geritzt.
Meiner beginnt gerade aufzuleuchten.
Ich trete näher und spüre die Magie, die durch die Maschine fließt. Sie ist alt, unruhig und voller fremder Erinnerungen. Die Linie sucht nach verlorenen Menschen. Über die Jahre hat sie ihre Aufgabe verdreht. Inzwischen sammelt sie jeden ein, den sie für verloren hält, und fährt mit ihm durch die Vergangenheit, ohne je einen passenden Ausstieg zu finden.
Meine Finger schließen sich um die Fahrkarte.
„Sie hat mich ausgewählt, weil ich eingestiegen bin.“
Rowan stellt sich neben mich. „Dann überzeugen wir sie davon, dass du dein Ziel bereits erreicht hast.“
Er nimmt einen der alten Entwerter von der Wand und öffnet das Gehäuse. Im Inneren bewegen sich mehrere kleine Stifte über eine Walze. Ich lege meine Fahrkarte darunter und sammle die Magie in meiner Hand.
Stimme, Geste und Absicht.
Ich denke an den verlassenen Anleger. An den Regen auf dem Metall und die einzelne flackernde Lampe. Vor allem denke ich daran, dass Rowan neben mir steht und ich genau weiß, wohin ich zurückwill.
Goldenes Licht läuft über meine Finger und dringt in den Entwerter.
Der Mechanismus schlägt zu.
Auf meiner Fahrkarte erscheint ein neues Wort:
RÜCKFAHRT
Das Räderwerk kreischt. Der Floater neigt sich zur Seite, und draußen verschwimmt Arkopolis zu einem Strom aus Licht. Die Fahrgäste heben nacheinander die Köpfe. Zum ersten Mal sehe ich Hoffnung in ihren Gesichtern.
Der Junge greift nach meiner Hand.
„Nimmst du uns mit?“
Ich halte ihn fest, während der Floater immer schneller wird. „Wir steigen alle aus.“
Als die Bremsen endlich heulen, liegt wieder der stillgelegte Anleger vor den Fenstern. Der Regen fällt noch genauso wie bei unserer Abfahrt.
Die Tür öffnet sich.
Rowan hilft dem Jungen auf die Plattform. Hinter ihm verlassen weitere Menschen den Floater. Einige wirken verwirrt, andere schauen auf ein Arkopolis, das sie kaum wiedererkennen. Für sie sind Jahre vergangen, während sie selbst nur wenige Stunden gealtert sind.
Ich steige als Letzte aus.
Kaum berühren meine Stiefel den Anleger, schließt sich die Tür. Linie Null löst sich vom Dock und gleitet rückwärts in den Nebel. Das goldene Licht ihrer Fenster wird kleiner, bis nur noch die leuchtende Null zu sehen ist.
Dann verschwindet auch sie.
Rowan steht neben mir und blickt auf die Menschen, die sich unter dem alten Dach versammeln. „Das wird ein komplizierter Bericht.“
Ich öffne meine Hand.
Meine Fahrkarte ist noch da.
Das Wort Rückfahrt ist verschwunden. Unter meinem Namen steht jetzt eine neue Zeile:
NÄCHSTER HALT: NOCH NICHT
Ich falte die Karte zusammen und stecke sie ein.
Rowan hat die Nachricht ebenfalls gelesen. „Falls dieser Floater noch einmal erscheint, bleiben wir auf dem Anleger.“
„Das wäre vernünftig.“
Er sieht mich an und seufzt.
„Genau diese Antwort macht mir wieder Sorgen.“

