Die Kaffeeblockade von Arkopolis
Zarah wollte eigentlich nur eine Kiste mit Dichtungsringen aus dem Zolllager holen. Eine halbe Stunde später standen sie in Halle sieben vor einer Wand aus Kaffeesäcken, die beinahe bis unter die eisernen Laufstege reichte.
Ellie trat näher und sog den Duft ein. Unter dem Staub und der feuchten Jute lag ein warmes, kräftiges Aroma, das sie seit Monaten kaum noch gerochen hatte.
„Das erklärt einiges“, sagte sie.
Sera saß auf ihrer Schulter und betrachtete die aufgedruckten Zollzeichen.
Laut Kennzeichnung handelt es sich um geröstetes Isoliergranulat. Weshalb isolieren Menschen ihre Maschinen mit essbaren Samen?
„Tun sie nicht. Das ist Kaffee.“
Zarah zog einen Frachtzettel aus der Halterung am nächsten Stapel. Die Tinte war stellenweise verlaufen, doch die Klassifizierung ließ sich noch lesen: INDUSTRIELLER FÜLLSTOFF – NICHT ZUM VERZEHR.
„Die Ladung liegt seit neun Monaten hier“, stellte sie fest. „Während draußen jede Tasse so viel kostet wie ein halber Arbeitstag.“
Hinter ihnen räusperte sich jemand. Der Zollbeamte trug einen schwarzen Gehrock, einen steifen Kragen und eine Akte, die so dick war, als enthielte sie sämtliche Gründe, weshalb in Arkopolis etwas nicht erlaubt war.
„Der Inhalt dieser Halle unterliegt einer amtlichen Sperre“, erklärte er. „Die Ware wurde als technisches Granulat eingeführt und besitzt keine Freigabe als Lebensmittel.“
Zarah hielt ihm das Blatt entgegen. „Weil jemand beim Frachtcode aus einer Eins ein großes I gemacht hat. K-17 ist Kolonialkaffee. K-I7 ist Isoliermaterial.“
Der Beamte betrachtete die Stelle, ohne die Akte zu öffnen. „Eine mögliche Ähnlichkeit der Zeichen stellt keinen Verwaltungsfehler dar. Für eine Umklassifizierung müsste die Ware zunächst geprüft werden.“
„Dann prüfen Sie sie.“
„Dafür müsste ein Sack ordnungsgemäß geöffnet werden. Das Öffnen ist während einer Sperre untersagt.“
Ellie sah zu Zarah. Zarah sah zurück. Zwischen ihnen brauchte es keine Absprache.
„Wie lange dauert es, eine solche Sperre aufzuheben?“, fragte Ellie.
Der Mann zog nun doch die Akte auf. „Nach Eingang eines vollständig ausgefüllten Antrags gewöhnlich sechs bis acht Monate.“
Sera verlagerte sein Gewicht auf Ellies Schulter.
Die Menschen außerhalb dieser Halle trinken Ersatzkaffee aus Wurzeln. Hier lagern mehrere Tonnen des gewünschten Stoffes. Eure Verwaltung erscheint mir feindseliger als Haus Orcal.
Ellie musste husten, um ihr Lachen zu verbergen.
In diesem Moment gab der oberste Sack des Stapels ein leises Knirschen von sich. Zarah hob den Kopf. Die Ladung war zu hoch geschichtet, mehrere untere Säcke hatten Feuchtigkeit gezogen, und einer der Holzkeile unter der Palette begann sich aus seiner Halterung zu schieben.
„Alle zurück!“
Der Stapel neigte sich.
Zarah sprang an die Seite und stemmte beide Hände gegen einen abrutschenden Sack. Ellie riss den Arm hoch, zeichnete eine Glyphe in die Luft und fing einen zweiten mitten im Fall. Grünes Licht spannte sich um die schwere Last, während ihre Stiefel über den Boden rutschten.
Der Zollbeamte wich zurück, hielt jedoch weiterhin seine Akte fest.
Dann platzte einer der Säcke auf.
Kaffeebohnen ergossen sich über den Boden, prasselten gegen Kisten und sprangen zwischen den Stiefeln davon. Sera stieß sich von Ellies Schulter ab und flatterte durch den Bohnenregen. Zarah drückte den letzten schwankenden Sack zurück auf den Stapel, während Ellie den schwebenden langsam zu Boden sinken ließ.
Als wieder Ruhe einkehrte, reichte der Kaffee dem Beamten bis über die Schuhsohlen.
Zarah atmete schwer und deutete auf den aufgerissenen Sack. „Beschädigte Einfuhrware muss unverzüglich geprüft werden. Vorschrift zweiundvierzig, Absatz sechs.“
Der Mann blickte erst auf sie, dann auf die Bohnen. Schließlich öffnete er seine Akte und suchte mehrere Seiten lang nach einer Möglichkeit, ihr zu widersprechen.
Er fand keine.
Die Untersuchung dauerte elf Minuten. Danach wurde aus dem angeblichen Isoliergranulat wieder Kaffee. Weitere zwei Stunden später entsiegelte der Zoll sämtliche Lieferungen, die unter demselben falschen Code eingelagert worden waren.
Es waren siebenundvierzig Tonnen.
In den folgenden Wochen fiel der Kaffeepreis in Arkopolis schneller als ein Schraubenschlüssel von einem Dockkran. Kantinen, Werkstätten und kleine Cafés kauften ganze Säcke. Selbst im Hermetic College standen plötzlich Kannen auf den Tischen, und niemand fragte mehr, ob eine zweite Tasse noch bezahlbar war.
Der Zollbeamte erhielt später eine Belobigung für die erfolgreiche Aufdeckung eines langjährigen Klassifizierungsfehlers.
Zarah rahmte den entsprechenden Zeitungsausschnitt ein und hängte ihn über ihre Werkbank.
Sera probierte genau eine Kaffeebohne. Danach verlangte er wieder Trauben.

