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Der Schlüssel zum Fundbüro

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Der Schlüssel zum Fundbüro

Die Aether-Post bringt mir an diesem Morgen ein Paket, das angeblich seit siebenundvierzig Jahren unterwegs ist.

Der Bote hält es zwischen zwei Fingern, als könne sich der zerknitterte braune Karton jeden Moment in Staub auflösen. Mehrere Lagen Schnur umspannen das Paket, dazwischen kleben vergilbte Marken aus Gegenden, von denen ich noch nie gehört habe. Manche tragen Stempel des Hermetic College, andere zeigen fremde Wappen oder nur eine Reihe silberner Punkte.

Auf der obersten Marke steht mein Name.

Zumindest ungefähr.

AN DIE HEXE MIT DEM DRACHEN
ARKOPOLIS

„Und darunter steht Ihre Anschrift“, sagt der Bote.

Ich drehe das Paket um. Dort hat jemand mit anderer Tinte ergänzt:

DORT, WO ES GERADE BRENNT

„Das ist keine Anschrift.“

Der Bote zuckt mit den Schultern. „Die Sendung hat Sie gefunden.“

Sera sitzt auf einer Kiste neben mir und schnuppert an einer der Schnüre. Durch unsere Verbindung spüre ich seine Neugier bereits anwachsen. Sie ist warm, kribbelnd und viel zu zielgerichtet, um etwas Gutes zu bedeuten.

„Wer hat es aufgegeben?“, frage ich.

Der Bote sieht auf seinen Beleg. „Unbekannt.“

„Woher kommt es?“

„Unbekannt.“

„Warum war es siebenundvierzig Jahre unterwegs?“

Er hält mir den Beleg und einen Stift hin. „Vermutlich konnte es Sie vorher nicht finden.“

Damit ist die Angelegenheit für ihn erledigt. Nachdem ich unterschrieben habe, geht er davon und lässt mich mit einem Paket zurück, das länger nach mir gesucht hat, als ich lebe.

Sera springt von der Kiste. Seine Vorderpfoten landen auf meinem Unterarm, während er versucht, die Schnur mit den Zähnen zu erreichen.

„Wir könnten es zuerst untersuchen.“

Seine Krallen drücken sich fester in meinen Ärmel.

„Oder du zerlegst es sofort.“

Er entscheidet sich für die zweite Möglichkeit.

Bevor ich ihn zurückhalten kann, hat er eine der Schnüre durchgebissen. Das Paket knackt leise. Mehrere Marken lösen sich vom Karton, schweben einen Moment durch die Luft und kleben anschließend an Seras Schnauze.

Er schnaubt empört.

Ich ziehe ihm eine Marke nach der anderen von den Schuppen. „Das geschieht dir recht.“

Im Paket liegt ein Schlüssel.

Er ist fast so lang wie meine Hand und besteht aus dunklem Messing. Sein Bart trägt keine gewöhnlichen Zacken. Stattdessen formen feine Metallbögen ein verschlungenes Muster, das an übereinanderliegende Türrahmen erinnert. Der runde Griff ist mit kleinen Symbolen bedeckt, deren Linien sich unter meinen Fingern verschieben.

Neben dem Schlüssel liegt ein zusammengefalteter Zettel.

Ich öffne ihn vorsichtig.

BITTE DIESES MAL ZURÜCKBRINGEN.

Weitere Erklärungen gibt es nicht.

Sera schiebt seine Schnauze unter meinen Arm und liest mit. Zumindest tut er so, als könnte er es.

„Das klingt, als hätte jemand schlechte Erfahrungen mit dem Verleihen gemacht.“

Er berührt den Schlüssel mit einer Kralle. Ein leises Klicken erklingt, obwohl sich kein bewegliches Teil daran befindet.

Ich hebe ihn aus der Schachtel. Das Metall ist überraschend warm. Unter der Oberfläche spüre ich eine schwache magische Spannung, die sich kaum von dem Gefühl unterscheidet, das kurz vor einer Inkantation in meinen Fingern entsteht. Der Schlüssel wartet auf etwas.

Sera springt auf den Tisch und betrachtet ihn aus nächster Nähe.

„Wir bringen ihn zum College“, sage ich. „Dort kann Ophelia herausfinden, was er öffnet.“

Sein Blick wandert zu den Schränken an der gegenüberliegenden Wand.

„Das ist zwecklos. Ich kenne jeden Schlüssel in dieser Werkstatt.“

Sera sieht mich an.

„Fast jeden.“

Ich probiere ihn trotzdem aus.

Er passt weder in die Werkzeugschränke noch in die großen Truhen. Am Vorratsschrank lässt er sich nicht einmal in das Schloss schieben. Auch an der alten Kassette, deren Schlüssel Zarah vor Monaten verlegt hat, zeigt er keine Reaktion.

Mit jedem erfolglosen Versuch wird Sera ungeduldiger. Er läuft neben mir her, stellt sich auf die Hinterbeine und beobachtet genau, was ich tue. Als ich mich schließlich wieder dem Tisch zuwende, stößt er ein leises Grollen aus.

„Dann versuch du es.“

Ich halte ihm den Schlüssel hin.

Sera nimmt ihn vorsichtig zwischen die Zähne. Sein Kopf sinkt unter dem Gewicht ein wenig ab, doch er trägt ihn mit sichtbarem Stolz durch die Werkstatt. An den Schränken läuft er vorbei. Ebenso an den Kisten und der Tür zum Flur. Erst vor einer breiten, vollkommen leeren Wand bleibt er stehen.

Er legt den Schlüssel auf den Boden und sieht zu mir auf.

„Dort gibt es kein Schloss.“

Sein Schwanz schlägt einmal gegen meine Stiefel.

Ich trete neben ihn. Die Wand besteht aus dunklen Metallplatten, durchzogen von Nieten und schmalen Rohrleitungen. Ich bin schon unzählige Male an ihr vorbeigegangen. Dahinter liegt kein Raum. Dort dürfte überhaupt kein Platz für einen Raum sein.

Als ich den Schlüssel aufhebe, erscheint ein Schlüsselloch im Metall.

Es entsteht direkt vor meinen Augen. Zuerst bildet sich nur eine dunkle Vertiefung. Danach wachsen feine Messinglinien aus der Wand und formen eine ovale Schlossplatte. Von ihr breitet sich eine schmale Fuge nach oben aus. Sie läuft über das Metall, schlägt einen Bogen und kehrt zum Boden zurück.

Wenige Atemzüge später zeichnet sich eine Tür in der Wand ab.

Sera rückt näher an mein Bein.

Seine Neugier ist noch immer da, doch zwischen ihr liegt nun ein Hauch von Vorsicht. Auch er hat verstanden, dass diese Tür vor einem Moment noch nicht existiert hat.

Ich sollte Ophelia holen.

Der Gedanke ist vernünftig, verantwortungsvoll und vollkommen nutzlos, weil der Schlüssel bereits in meiner Hand liegt und das Schloss darauf wartet.

„Wir sehen nur kurz nach“, sage ich.

Sera blinzelt.

„Du bleibst bei mir.“

Er setzt sich neben meinen Fuß.

„Das war ernst gemeint.“

Ich schiebe den Schlüssel ins Schloss. Er gleitet hinein, als wäre er genau dafür gefertigt worden. Sobald ich ihn drehe, laufen die fremden Symbole auf seinem Griff auseinander. Im Inneren der Wand erwacht ein kompliziertes Räderwerk. Zahnräder greifen ineinander, Riegel gleiten zurück, und irgendwo in großer Entfernung schlägt eine Glocke.

Der Griff lässt sich bewegen.

Ich öffne die Tür nur einen schmalen Spalt.

Kühles blaues Licht fällt über den Boden. Es riecht nach altem Papier, Metall, Staub und einem Hauch Lavendel. Aus der Dunkelheit dringt ein leises Rascheln, als würden tausend Seiten gleichzeitig umgeblättert.

Ich lasse den Schlüssel im Schloss und beuge mich vorsichtig vor.

Hinter der Tür erkenne ich hohe Regale. Sie steigen so weit empor, dass ihre oberen Enden im bläulichen Dämmerlicht verschwinden. Schmale Laufstege verbinden sie miteinander. Überall stehen Kisten, Schubladenschränke und Vitrinen. Einzelne Gegenstände schweben durch die Luft und ziehen langsam zwischen den Regalen hindurch.

Ein Handschuh gleitet an meinem Blickfeld vorbei.

Danach folgt ein Regenschirm, der sich von selbst öffnet und wieder schließt.

Sera schiebt seinen Kopf neben meinen Stiefel. Er späht durch den unteren Teil des Türspalts und bewegt sich dabei so vorsichtig, dass ich beinahe stolz auf ihn bin.

Dann fliegt ein kleiner glänzender Gegenstand dicht hinter der Tür vorbei.

Sera ist verschwunden, bevor ich reagieren kann.

Er drückt sich durch den Spalt und jagt dem Ding hinterher.

„Sera!“

Ich öffne die Tür weiter und schlüpfe hindurch. Als ich mich umdrehe, sehe ich den Schlüssel noch auf der anderen Seite im Schloss stecken. Die Tür beginnt sich bereits zu bewegen.

Ich greife nach der Kante, doch sie entzieht sich meinen Fingern. Das Licht aus der Werkstatt schrumpft zu einem schmalen Streifen und verschwindet. Mit einem tiefen Klicken fällt die Tür ins Schloss.

Vor mir erstreckt sich eine Halle, die unmöglich in Arkopolis liegen kann.

Regale wachsen in alle Richtungen. Manche stehen auf dem Boden, andere hängen kopfüber von einer Decke, die ich kaum erkenne. Leitern bewegen sich selbstständig an ihnen entlang. In der Luft schweben Schlüssel, Bücher, Schmuckstücke, Werkzeuge und Hunderte einzelner Socken. Dazwischen ziehen kleine Messingschilder ihre Bahnen, als suchten sie noch nach den Gegenständen, zu denen sie gehören.

Von Sera fehlt jede Spur.

„Natürlich“, murmele ich. „Nur kurz nachsehen.“

Meine Stimme trägt weit durch die Halle. Kurz darauf antwortet mir ein mehrstimmiges Flüstern aus den Regalen.

„Kurz … kurz … nachsehen …“

Ich drehe mich einmal um mich selbst. An der Stelle, an der die Tür gewesen ist, steht jetzt ein schmales Regal voller Handschuhe. Einer davon winkt mir zu.

„Sera?“

Diesmal antwortet ein entferntes Poltern. Danach erklingt ein empörtes Fauchen.

Ich folge dem Geräusch und betrete den ersten Gang. An jedem Gegenstand hängt ein kleines Etikett. Die meisten tragen Namen und Daten. Auf manchen steht zusätzlich, wo sie verloren wurden.

EIN LINKER STIEFEL
BESITZER UNBEKANNT
GEFUNDEN AUF EINEM RECHTEN FUSS

Daneben liegt eine goldene Taschenuhr.

VERLOREN VON HERRN WELLINGTON
ACHT MINUTEN BEVOR ER SIE VERLOREN HAT

Ich gehe schneller.

Der Gang führt tiefer in das Archiv. Die Regale verschieben sich hinter mir, und mehr als einmal muss ich mich zwischen schwebenden Kisten hindurchducken. Eine davon öffnet sich im Vorbeifliegen. Drei Dutzend Knöpfe strömen heraus, umkreisen meinen Kopf und verschwinden wieder in der Kiste.

„Sera!“

Ein blaugrüner Schatten huscht am Ende des Ganges vorbei.

Ich laufe hinterher und erreiche eine weite Kreuzung. Dort stehen vier Regale auf drehbaren Plattformen. Über ihnen schwebt ein riesiger Zeiger, der sich ununterbrochen im Kreis bewegt.

Sera sitzt in der Mitte und hält einen kleinen mechanischen Vogel zwischen den Vorderpfoten. Das Tier schlägt mit den Flügeln und versucht, ihm in die Nase zu zwicken.

„Lass ihn los.“

Sera sieht zu mir auf. Seine Unschuld erreicht mich mit einer solchen Wucht, dass ich fast darüber stolpere.

„Er gehört dir nicht.“

Der mechanische Vogel hackt nach seiner Kralle. Sera lässt ihn erschrocken frei. Das Tier fliegt davon und verschwindet in einem der Regale.

Ich gehe zu ihm und hebe ihn hoch. „Wir müssen hier raus.“

Er klettert auf meine Schulter und legt den Schwanz um meinen Nacken. Seine Erleichterung mischt sich mit meiner. Wenigstens hat er verstanden, dass dieser Ort mehr ist als ein besonders großer Spielplatz.

Als ich mich umdrehe, hat sich der Gang verändert.

Wo eben noch die Regale standen, befindet sich nun ein langer Tresen. Dahinter sitzt niemand. Auf der abgewetzten Holzplatte liegt ein aufgeschlagenes Buch, daneben wartet eine Feder in einem Tintenfass.

Ich trete näher.

Die Feder richtet sich auf und schreibt von selbst.

WAS HABEN SIE VERLOREN?

„Den Ausgang.“

Die Feder bewegt sich erneut.

DER AUSGANG IST KEIN GEGENSTAND.

„Dann habe ich eine Tür verloren.“

Sie hält kurz inne.

BESCHREIBUNG?

„Groß. Dunkel. Aus Metall.“

Die Feder tippt ungeduldig auf das Papier.

„Mit einem Messingschloss“, ergänze ich. „Auf der anderen Seite steckt ein Schlüssel.“

Das Buch schlägt mehrere Seiten um. Die Feder fährt über eine endlose Liste, bleibt stehen und zieht einen Strich unter einen Eintrag.

TÜR, EIGENTÜMER UNBEKANNT
ZULETZT GESEHEN: VOR DREI MINUTEN
AUSGABE NUR GEGEN VORLAGE DES ZUGEHÖRIGEN SCHLÜSSELS

Ich starre auf die Zeilen. „Der Schlüssel steckt auf der anderen Seite.“

DANN BEFINDET ER SICH NICHT IN IHREM BESITZ.

„Er gehört trotzdem zu mir.“

Die Feder beginnt wieder zu schreiben.

DER SCHLÜSSEL GEHÖRT DEM FUNDBÜRO.

Sera beugt sich von meiner Schulter und beobachtet die Spitze.

„Ich soll ihn zurückbringen“, sage ich langsam.

Die Feder setzt einen kräftigen Punkt unter den Satz.

Jetzt verstehe ich die Nachricht im Paket. Der Schlüssel hat diese Tür schon früher geöffnet. Vielleicht unzählige Male. Jemand nimmt ihn mit nach draußen, das Fundbüro fordert ihn zurück, und irgendwann landet er wieder bei der Aether-Post. Danach sucht er sich einen neuen Empfänger, der neugierig genug ist, eine Tür zu öffnen, die es vorher nicht gab.

„Wie gebe ich einen Schlüssel zurück, den ich von hier aus nicht erreichen kann?“

Die Feder schreibt nur ein einziges Wort.

ANKLOPFEN.

Ich sehe mich um. „Woran?“

Das Buch klappt zu.

Der Tresen fährt mit einem Ruck in den Boden. An seiner Stelle steht plötzlich die verschwundene Tür.

Sera richtet sich auf meiner Schulter auf. Sein Gewicht verlagert sich, als wollte er sofort hinüberspringen, doch ich halte ihn fest. In der Tür steckt kein Schlüssel, und auch ein Griff fehlt. Das Holz ist glatt und dunkel.

Ich hebe die Hand und klopfe dreimal.

Von der anderen Seite antwortet ein leises metallisches Klicken.

Eine Stimme flüstert durch das Holz.

„Rückgabe?“

„Ja.“

„Vollständig?“

Ich werfe Sera einen Blick zu. Er hat den Kopf gesenkt. Unter einer seiner Krallen ragt eine kleine silberne Feder hervor.

„Sera.“

Er zieht die Pfote an den Körper.

„Gib sie her.“

Sein Widerstand erreicht mich als beleidigte Welle. Trotzdem öffnet er langsam die Kralle. Die Feder stammt offenbar von dem mechanischen Vogel. Ich nehme sie ihm ab und halte sie vor die Tür.

Das Holz öffnet einen schmalen Mund.

Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, was ich sehe. Dann schiebe ich die Feder zwischen die hölzernen Lippen. Sie verschwindet mit einem zufriedenen Schlucken.

„Rückgabe vollständig“, sagt die Stimme.

Die Tür schwingt auf.

Dahinter liegt die Werkstatt. Das blaue Licht fällt über den vertrauten Boden, und der Messingschlüssel steckt noch immer im Schloss. Ich trete hindurch und setze Sera ab, bevor er es sich anders überlegen kann.

Die Tür beginnt sich sofort zu schließen.

Ich ziehe den Schlüssel aus dem Schloss. Für einen Moment halte ich ihn fest. Das Metall ist warm, und die verschlungenen Linien auf seinem Griff bewegen sich erneut.

Bitte dieses Mal zurückbringen.

Ich öffne die Tür noch einmal einen Spalt und werfe den Schlüssel hindurch.

Er fällt nicht zu Boden. Eine weiße Hand in einem gestreiften Handschuh schießt aus der Dunkelheit, fängt ihn auf und hebt dankend den Daumen.

Dann schlägt die Tür zu.

Die Messinglinien verschwinden aus der Wand. Das Schloss löst sich auf, und wenige Atemzüge später ist das Metall wieder glatt. Zurück bleibt nur der alte Karton auf dem Tisch.

Sera setzt sich davor und betrachtet ihn hoffnungsvoll.

„Das Paket ist leer.“

Er steckt trotzdem den Kopf hinein.

Ich falte den Zettel zusammen und lege ihn in eine Schublade. Vielleicht will ich später beweisen können, dass dieser Ort wirklich existiert hat. Vielleicht bewahre ich ihn auch nur auf, weil es Dinge gibt, die man besser nicht der Aether-Post überlässt.

Am nächsten Morgen liegt ein schmales Paket vor meiner Tür.

Es trägt keine Marken, keinen Absender und nur eine einzige, sorgfältig geschriebene Zeile:

AN DEN DRACHEN, DER NOCH ETWAS VON UNS HAT

Ich sehe zu Sera.

Er sitzt auf meinem Bett und versucht, eine kleine silberne Schraube unter einem Flügel zu verstecken.

Der Schlüssel zum Fundbüro

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