Der Schrank stand im ältesten Lehrmittelarchiv des Hermetic College, hinter zwei Kisten voller zerbrochener Kreidehalter und einem ausgestopften Raben, dessen Blick selbst Lady Ophelia Hart unangenehm kritisch vorkam.
Niemand wusste, wann die Tür zuletzt geöffnet worden war. Auf der vergilbten Karteikarte stand lediglich:
SCHRANK 7 – DIDAKTISCHE HILFSMITTEL – VORLÄUFIG GESPERRT
Das Wort vorläufig war dreimal unterstrichen.
Ophelia hielt die kleine Messinglampe näher an das Schloss. Aus dem Inneren kam ein leises Klopfen.
Dreimal kurz. Zweimal lang. Danach wieder dreimal kurz.
„Falls Sie eine Ratte sind“, sagte Ophelia, „bewundere ich Ihre Beharrlichkeit.“
Das Klopfen verstummte.
„Unangemessene Ansprache“, erklärte eine kratzige Stimme hinter der Tür.
Ophelia hob eine Augenbraue.
„Außerdem halten Sie die Lampe zu hoch. Das Licht fällt Ihnen direkt ins Gesicht und verschlechtert Ihre Sicht auf das Schloss.“
Sie stellte die Lampe auf einer Kiste ab.
„Zufrieden?“
„Nein.“
Ophelia öffnete den Schrank.
Im Inneren lehnte ein langer, dunkler Holzstock zwischen zusammengerollten Lehrtafeln. Sein Griff bestand aus einem knorrigen Wurzelstück, in das jemand ein schmales Gesicht geschnitzt hatte. Zwei Messinglinsen bildeten die Augen. Unter einer hölzernen Nase saß ein kleiner beweglicher Mund, dessen Unterkiefer bei jedem Wort leise klapperte.
„Endlich“, sagte der Stock. „Ein Mensch mit Schlüsseln. Ihre Haltung ist allerdings mangelhaft.“
Ophelia sah ihn an.
Der Stock sah zurück.
„Sie ziehen die rechte Schulter hoch“, fuhr er fort. „Das verkürzt den Gestenbogen und führt bei Kreisinkantationen zu unsauberen Übergängen.“
„Ich habe keine Inkantation ausgeführt.“
„Das macht Ihre Haltung kaum besser.“
Ophelia griff nach dem Stock. In dem Moment, in dem ihre Finger das Holz berührten, liefen goldene Linien über seine Oberfläche. Die Messingaugen klappten auf, und mehrere leuchtende Hände erschienen in der Luft. Eine zeigte auf Ophelias Schulter, eine zweite auf ihr Handgelenk, eine dritte auf ihre Finger.
„Zu fest“, stellte der Stock fest. „Ein Zauberstab ist kein Werkzeuggriff.“
„Sie sind ein Stock.“
„Diese Bezeichnung ist fachlich beleidigend.“
Ophelia zog ihn aus dem Schrank. Staub rieselte auf den Boden. Hinter ihm kamen drei Gläser zum Vorschein, auf denen in verblasster Schrift NICHT SCHÜTTELN stand. Eines der Gläser schüttelte sich von selbst.
Ophelia schloss die Schranktür mit dem Fuß.
„Name und Funktion.“
Der geschnitzte Mund verzog sich.
„Didaktischer Korrekturstab, siebte Ausführung. Angefertigt zur Überwachung von Handhaltung, Betonung, Gestenfolge, Absichtsklarheit und magischer Disziplin. Ich habe viertausendneunhundertzwölf Schüler, achtunddreißig Lehrkräfte und einen Bischof unterrichtet.“
„Was geschah mit dem Bischof?“
„Er wechselte die Religion.“
Ophelia trug den Stock zum großen Arbeitstisch. Dort lag ein altes Übungsbuch, dessen Einband von Mäusen, Feuchtigkeit und mehreren Generationen nervöser Schüler gezeichnet war. Sie schlug es auf und überflog die erste Seite.
„Ein einfacher Schwebezauber“, sagte sie. „Das dürfte selbst für ein veraltetes Lehrmittel zu bewältigen sein.“
„Veraltet?“
„Sie standen mindestens hundert Jahre in einem Schrank.“
„Weil das College nach meinem Fortgang seine Anforderungen gesenkt hat.“
Ophelia legte zwei Finger an den Buchrücken, sammelte ihre Absicht und begann die vorgeschriebene Geste.
Der Stock schlug ihr gegen das Handgelenk.
„Der Winkel.“
Ophelia hielt inne.
„Sie haben mich geschlagen.“
„Korrigiert.“
Sie setzte erneut an. Diesmal führte sie die Hand etwas höher.
„Zu hoch.“
„Sie sagten, der Winkel sei falsch.“
„Er war auch falsch.“
Ophelia atmete langsam durch die Nase ein. Danach sprach sie die erste Silbe der Inkantation.
„Betonung.“
Sie begann von vorn.
„Zu weich.“
Ein dritter Versuch.
„Zu hart.“
Beim vierten Versuch schwebte das Übungsbuch tatsächlich vom Tisch. Für einen Augenblick hing es ruhig vor Ophelia.
Dann rief der Stock: „Hand öffnen!“
Ophelia öffnete die Hand.
Das Buch schoss zur Decke.
Dort blieb es jedoch nicht allein. Aus den Regalen lösten sich weitere Bände. Erst drei, dann zehn, schließlich fast vierzig. Sie kreisten durch das Archiv, klappten auf und blätterten so schnell, dass die Seiten rauschten wie ein Vogelschwarm.
Leuchtende Hände erschienen überall. Eine korrigierte Ophelias Ellbogen. Zwei zeigten auf die fliegenden Bücher. Eine vierte wies vorwurfsvoll auf den ausgestopften Raben.
„Wessen Präparationsarbeit ist das?“, fragte der Stock.
„Das spielt gerade keine Rolle.“
„Die linke Flügelstellung ist anatomisch fragwürdig.“
Ein dickes Kräuterlexikon raste zwischen ihnen hindurch und riss Ophelia eine Haarsträhne aus der sorgfältigen Frisur. Sie duckte sich, packte den Stock mit beiden Händen und stemmte sein unteres Ende auf den Boden.
„Beenden Sie den Zauber.“
„Sie haben ihn ausgeführt.“
„Unter Ihrer Anleitung.“
„Dann sollten Sie dankbar für die praktische Erfahrung sein.“
Die Bücher zogen nun engere Kreise. Ein Atlas prallte gegen eine Glasglocke, ein Band über Fluchumkehr verlor seinen Einband, und das sich selbst schüttelnde Glas hüpfte langsam zur Tischkante.
Ophelia schloss die Augen.
Sie ignorierte das Rauschen, die fliegenden Seiten und die Stimme des Stocks, der inzwischen die Zeichensetzung auf einem hundert Jahre alten Inventarblatt beanstandete. Ihre Finger lockerten sich um das Holz. Dann führte sie eine kleine, beinahe beiläufige Geste aus und sprach die Inkantation mit ruhiger Stimme.
Die Bücher hielten inne.
Eines nach dem anderen glitt zurück in die Regale. Das Kräuterlexikon landete auf dem Tisch. Der Atlas setzte sich selbst wieder zusammen, allerdings in falscher Reihenfolge. Das Glas blieb einen Fingerbreit vor der Kante stehen.
Stille kehrte ein.
Der Korrekturstock räusperte sich.
„Der Abschluss war akzeptabel.“
Ophelia öffnete die Augen.
„Akzeptabel?“
„Ihre linke Hand war ohne Aufgabe.“
„Sie hielt Sie davon ab, mir erneut gegen das Handgelenk zu schlagen.“
„Widerstand gegen pädagogische Maßnahmen ist ein häufiges Zeichen mangelnder Reife.“
Ophelia betrachtete den Stock. Unterhalb des geschnitzten Gesichts verlief eine Reihe kleiner Kerben. Manche bildeten Namen, andere Zahlen. Eine besonders tiefe Kerbe trug die Worte:
PROFESSOR HALWICK – DREI TAGE
„Was bedeutet das?“
„So lange benötigte Professor Halwick, um einen fehlerfreien Schutzkreis auszuführen.“
„Und danach hat er Sie in den Schrank gestellt?“
Der Stock schwieg.
Ophelia strich mit dem Daumen über die Kerbe.
„Ich verstehe.“
„Sie verstehen gar nichts.“
„Professor Halwick hatte nach drei Tagen genug von Ihnen.“
„Professor Halwick war emotional ungeeignet für eine akademische Laufbahn.“
Ophelia nahm ein frisches Karteiblatt vom Tisch und schrieb einige Zeilen darauf. Der Stock versuchte, über ihre Schulter zu sehen.
„Ihr zweiter Buchstabe ist zu eng.“
Sie schrieb weiter.
„Die Zeile fällt nach rechts ab.“
Ophelia ging zum Schrank.
„Was schreiben Sie dort?“
Sie öffnete die Tür und befestigte das Blatt an der Rückwand.
Der Stock konnte es aus seiner Position nicht lesen. Seine Messingaugen drehten sich, bis die kleinen Linsen beinahe aus ihren Fassungen sprangen.
„Halten Sie mich näher.“
Ophelia blieb stehen.
„Sie haben das Blatt absichtlich außerhalb meines Sichtbereichs angebracht.“
„Möglicherweise.“
„Das ist eine unzulässige Archivierungsmethode.“
„Dann sollten Sie sie überprüfen.“
Goldene Linien liefen über das Holz. Der Korrekturstock hob sich aus Ophelias Hand und schwebte auf den Schrank zu. Sein geschnitztes Gesicht reckte sich nach vorn, während er versuchte, die Schrift zu entziffern.
„Defektes Lehrmittel“, las er empört. „Zur Entsorgung vorgesehen? Diese Klassifizierung ist sachlich falsch, sprachlich nachlässig und vollkommen...“
Ophelia stieß ihn in den Schrank und schlug die Tür zu.
Der Stock prallte von innen dagegen.
„Täuschung!“
Ophelia drehte den Schlüssel.
„Praktische Erfahrung.“
„Öffnen Sie sofort diese Tür!“
Sie legte eine einfache Schalldämpfung auf das Holz. Die Stimme wurde leiser, bis nur noch ein undeutliches Schimpfen zu hören war.
Danach nahm Ophelia die alte Karteikarte aus dem Halter und ersetzte sie durch eine neue.
LEHRMITTEL – FUNKTIONSFÄHIG – UNKOOPERATIV

