Drachenfunken Bonus – Der Drache auf Ellies Schulter
By admin / August 24, 2026 / Keine Kommentare

Der Drache auf Ellies Schulter
Ellie hatte für den Einkauf zwanzig Minuten eingeplant. Zarah hatte gelacht, als sie das hörte, und vorsichtshalber den restlichen Vormittag freigehalten.
Schon am Eingang zum Westmarkt blieben die ersten Menschen stehen. Ein Lastenträger vergaß, seine Schubkarre weiterzuschieben. Zwei Frauen wechselten hastig die Straßenseite, während ein Zeitungsverkäufer Ellie und Sera so aufmerksam betrachtete, als habe er gerade die Schlagzeile für seine nächste Ausgabe gefunden.
Sera saß auf Ellies Schulter und ließ den Blick über die Marktstände wandern. Die Glasüberdachung warf warmes Licht auf seine blauen Schuppen, und die bronzenen Platten an seiner Brust glänzten bei jeder Bewegung. Er wirkte vollkommen zufrieden mit der Aufmerksamkeit.
Ellie weniger.
„Wenn du weiter so finster schaust, halten sie dich am Ende für gefährlicher als ihn“, bemerkte Zarah. Sie ging neben Ellie her und trug einen leeren Korb über dem Arm. „Versuch wenigstens, niemanden anzuknurren.“
„Das war er.“
„Dann könntet ihr beide daran arbeiten.“
Vor einem Gewürzstand zog eine Mutter ihre Kinder an sich. Der jüngere Junge versteckte sich hinter ihrem Rock, spähte aber sofort wieder hervor. Seine Schwester blieb mitten auf dem Weg stehen und betrachtete Sera mit offenem Staunen.
„Kann er Feuer spucken?“, fragte sie.
Die Mutter wurde blass. Ellie spürte, wie sich ringsum weitere Köpfe drehten.
„Er kann sich benehmen“, antwortete sie. „Meistens.“
Sera legte den Kopf schief. Aus seiner Kehle kam ein leises Gurren, das eher neugierig als bedrohlich klang. Das Mädchen lächelte vorsichtig und hob eine Hand, doch Ellie stoppte sie mit einer sanften Bewegung.
„Er entscheidet selbst, wen er an sich heranlässt. Frag ihn vorher und lass ihm genug Platz.“
Das Kind nahm die Hand zurück und stellte die Frage tatsächlich an Sera. Er musterte sie einige Herzschläge lang, beugte sich dann vor und stupste mit der Schnauze gegen ihre Fingerspitzen.
Ein hörbares Aufatmen ging durch die Umstehenden.
Der Zeitungsverkäufer schrieb etwas auf einen Zettel.
„Wenn morgen dort steht, dass du Kinder an einen Drachen verfütterst, kaufe ich sämtliche Ausgaben und stopfe sie ihm in den Hals“, murmelte Zarah.
„Dem Verkäufer oder Sera?“
„Das entscheide ich nach der Überschrift.“
Sie kamen kaum zehn Schritte weiter, bevor ein älterer Herr Ellie den Weg versperrte. Er trug einen steifen Mantel, einen blank polierten Gehstock und den Ausdruck eines Mannes, der von der Stadtverwaltung eine Erklärung für jedes ungewöhnliche Ereignis erwartete.
„Wem gehört dieses Tier?“
Ellie blieb stehen. Sera hob den Kopf und sah den Mann an.
„Er gehört niemandem. Er begleitet mich.“
„Dann sind Sie verantwortlich, falls er jemanden angreift.“
„Falls Sie ihn weiterhin Tier nennen, würde ich meine Möglichkeiten gern offenhalten.“
Zarah legte Ellie eine Hand an den Rücken und schob sie weiter, bevor aus dem Gespräch eine offizielle Beschwerde wurde. Hinter ihnen begann der Mann bereits, dem Zeitungsverkäufer seine Sicht der Dinge zu schildern.
Am Obststand erwartete sie das nächste Problem.
Sera hatte die Trauben entdeckt.
Seine Krallen spannten sich auf Ellies Schulter an, während sein Blick an einer großen Holzkiste voller roter und grüner Früchte hing. Der Händler bemerkte es ebenfalls. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit zog er die Kiste näher an sich.
„Der Drache bleibt dort.“
„Er sitzt dort“, sagte Ellie. „Das ist normalerweise ein recht zuverlässiger Hinweis darauf, dass er dortbleibt.“
Sera öffnete die Flügel einen Spalt.
Der Händler schob die Kiste hinter seinen Stand.
Ellie griff nach einem kleinen Beutel mit Münzen. „Was kostet ein Pfund?“
Der genannte Preis hätte für drei Pfund und einen neuen Korb gereicht. Zarah stieß ein trockenes Lachen aus und beugte sich über die Auslage.
„Vor einer Woche hast du dieselben Trauben für die Hälfte verkauft.“
„Vor einer Woche wollten sie auch keine Drachen fressen.“
Ellie sah zu Sera. Er saß noch immer ruhig auf ihrer Schulter, doch seine Augen folgten jeder Bewegung der Kiste.
„Er frisst keine Drachen“, erklärte sie. „Nur Trauben.“
Der Händler schwieg einen Moment. Dann holte er die Kiste wieder hervor, zählte eine kleine Portion ab und hielt sie Ellie hin. Sera streckte den Hals danach aus, wartete aber, bis sie ihm eine einzelne Frucht zuwarf. Er fing sie geschickt aus der Luft und kaute mit einem zufriedenen Knacken.
Die Kinder jubelten. Mehrere Erwachsene rückten näher. Plötzlich wollte jeder sehen, wie der kleine Drache Trauben fing.
Der Händler blickte auf die Menschenmenge, anschließend auf seine volle Kiste und nannte einen deutlich vernünftigeren Preis.
Als Ellie und Zarah den Markt schließlich verließen, war der Korb halb voll, der Geldbeutel beinahe leer und Sera satt. Hinter ihnen erzählte der Zeitungsverkäufer bereits jedem, der zuhörte, der Drache habe sich nur durch Ellies Zauberkraft beherrschen lassen.
In den folgenden Wochen gewöhnte sich Arkopolis langsam an ihn. Einige Geschäfte stellten Wasserschalen bereit, obwohl Sera sie konsequent ignorierte. Ein Café brachte ein Schild mit der Aufschrift DRACHEN NUR IN BEGLEITUNG an. Kinder sammelten heruntergefallene Schuppen, und die Händler am Westmarkt hielten jeden Morgen eine kleine Kiste mit überreifen Trauben zurück.
Ellie lernte dabei vor allem eines: Mit einem Drachen auf der Schulter blieb man niemals unbeobachtet.
Sera schien genau das zu gefallen.
