Die große Uhr der Aether-Post ging seit drei Minuten rückwärts, als Pia den Brief aus dem Strom fliegender Sendungen fing.
Sie stand auf dem Laufsteg über der westlichen Sortierhalle und hatte eigentlich nur eine beschlagnahmte Frachtakte abholen wollen. Unter ihr ratterten Transportbänder, Messingarme verteilten Briefe auf Dutzende Schächte, und durch die gläsernen Rohrleitungen schossen Kapseln in alle Teile von Arkopolis.
Dann hatte es im Hauptverteiler geknallt.
Eine Rohrpostkapsel war aufgeplatzt, Papier wirbelte durch die Halle, und das Tintenfass am Schalter neben ihnen schwebte plötzlich in der Luft. Pia erwischte den blauen Umschlag, bevor er zwischen die Zahnräder des Sortierwerks geraten konnte.
„Der ist an dich adressiert.“
Rowan trat neben sie. Das Papier schimmerte im Takt der Aether-Leitungen, obwohl keine Glyphe darauf zu erkennen war. Über dem dunkelroten Wachssiegel stand sein vollständiger Name.
Ermittler Rowan Hale, persönlich.
Pia drehte den Umschlag um und betrachtete den Poststempel. Ihre Augen wurden hinter den runden Brillengläsern schmal.
„Der wurde morgen um sechzehn Uhr zwölf aufgegeben.“
Rowan nahm ihr den Brief ab. „Dann arbeitet die Post inzwischen schneller, als ihr Ruf vermuten lässt.“
„Die Uhr läuft rückwärts, ein Tintenfass schwebt über dem Boden, und du machst Witze.“
„Ich versuche, den Überblick zu behalten.“
Das Siegel trug das Zeichen seiner Dienststelle. Selbst der feine Kratzer im unteren Rand stimmte mit seinem eigenen Stempel überein. Rowan brach es auf und zog ein einzelnes Blatt heraus.
Die Nachricht bestand aus wenigen Zeilen.
Wenn die Glocke zum dritten Mal schlägt, öffne die Wartungsklappe unter der großen Uhr. Entferne den Messingstift aus dem mittleren Relais. Lass Pia anschließend den blauen Hebel ziehen.
Wirf diesen Brief danach in Schacht sieben.
Vertrau ihr wegen des Tintenfasses.
Rowan
Pia las über seine Schulter. „Das ist deine Handschrift.“
„Wie ist das möglich?“
„Du hast dir morgen einen Brief geschickt.“
Rowan betrachtete die großen Schwünge seiner Unterschrift. Die letzte Linie zog er gewöhnlich etwas zu weit nach rechts, besonders wenn er in Eile schrieb. Auch dieser Fehler war vorhanden.
Unter ihnen verlangsamten sich die Sortierbänder. Einer der mechanischen Arme blieb mitten in der Bewegung stehen, während die übrigen ihre Sendungen weiter auf dasselbe Band warfen. Briefe, Pakete und Rohrkapseln türmten sich übereinander.
Aus dem Inneren der großen Uhr erklang ein tiefer Glockenschlag.
Pia hob den Blick. „Das war der erste.“
Am Fuß des Uhrwerks sprang eine Wartungsklappe auf. Dahinter liefen drei Aether-Relais heiß, ihre blauen Entladungen krochen bereits über die Messinggehäuse. Der diensthabende Techniker stand auf der anderen Seite der Halle und versuchte vergeblich, gegen den Strom fliegender Briefe anzukommen.
Rowan faltete die Nachricht zusammen und schob sie zurück in den Umschlag. „Was hat das Tintenfass damit zu tun?“
Pia zeigte auf das Gefäß, das noch immer neben ihnen in der Luft hing. Ein einzelner schwarzer Tropfen hatte sich aus der Öffnung gelöst. Er stieg langsam nach oben.
„Die Zeit läuft hier stellenweise rückwärts. Vermutlich zieht das mittlere Relais Energie aus der chronometrischen Steuerung der Poststempel. Wenn wir einfach den Hauptstrom abschalten, entlädt sich alles auf einmal.“
Der zweite Glockenschlag ließ den Laufsteg erzittern.
An der großen Uhr begannen sich die Zeiger schneller rückwärts zu drehen. Gleichzeitig öffneten sich sämtliche Klappen der Sortiermaschine. Hunderte Briefe schossen in die Halle, prallten gegen Rohre und flatterten durch das Licht der Aetherlampen.
Rowan erreichte die Wartungsklappe mit wenigen Schritten. Im Inneren lagen drei Relais übereinander. Das mittlere pulsierte so hell, dass die Zahnräder dahinter nur noch als schwarze Schatten zu erkennen waren.
Zwischen zwei Kontakten steckte ein kleiner Messingstift.
„Wenn ich den herausziehe, öffnet sich der Stromkreis.“
Pia war ihm gefolgt und hielt sich mit einer Hand am Geländer fest. „Genau deshalb musst du warten. Der Brief nennt den dritten Glockenschlag.“
Das Metall unter ihnen vibrierte. Vom Sortiertisch löste sich das Tintenfass und flog quer durch die Halle. Rowan duckte sich, doch Pia streckte den Arm aus und fing es mit beiden Händen auf.
Sie sah ihn über den Rand ihrer Brille hinweg an. „Vertrau mir wegen des Tintenfasses.“
Der dritte Glockenschlag dröhnte durch das Postamt.
Rowan zog den Messingstift heraus.
Ein blauer Lichtbogen schoss aus dem Relais und fuhr an der Wand empor. Die Uhr blieb stehen. Für einen Herzschlag verstummten selbst die Transportbänder.
„Jetzt!“
Pia griff nach dem blauen Hebel neben der Wartungsklappe und warf ihn mit ihrem ganzen Gewicht nach unten. Tief unter ihnen rastete eine Sperre ein. Die gespeicherte Aether-Energie jagte durch die Rohrleitungen, brachte jede gläserne Röhre zum Leuchten und entwich schließlich in einem einzigen gewaltigen Stoß durch die Dachableiter.
Die Uhr setzte sich wieder in Bewegung.
Diesmal vorwärts.
Briefe und Papierbögen sanken langsam zu Boden. Das Tintenfass blieb sicher in Pias Händen, und irgendwo im hinteren Teil der Halle begann ein Sortierarm, vollkommen ungerührt die aufgestauten Sendungen neu zu verteilen.
Rowan betrachtete den Umschlag. „Schacht sieben.“
Sie fanden ihn hinter der großen Uhr. Es war ein alter Rückführschacht, der laut Metallschild seit zwölf Jahren außer Betrieb war. Trotzdem glomm in seinem Inneren dasselbe blaue Licht wie auf dem Brief.
Rowan schob den Umschlag hinein.
Für einen Moment blieb er auf der Messingschiene liegen. Dann flackerte die Luft, und der Brief verschwand.
Am folgenden Nachmittag saßen Rowan und Pia erneut in der Aether-Post. Der Leiter des Amtes hatte sie zur Rekonstruktion des Zwischenfalls einbestellt und bestand darauf, jedes Beweisstück exakt nachzustellen.
Dazu gehörte auch der verschwundene Brief.
Rowan saß am Schreibtisch und betrachtete das leere Blatt vor sich. Neben seiner Hand stand das gerettete Tintenfass. Pia lehnte am Tisch und diktierte ihm die Nachricht aus dem Gedächtnis.
Als er unterschrieben hatte, kontrollierte sie jede Zeile.
„Der letzte Strich ist zu kurz.“
Rowan verlängerte ihn und versiegelte den Umschlag mit seinem Dienststempel. Der Postbeamte setzte daneben die Uhrzeit.
Sechzehn Uhr zwölf.
Hinter der großen Uhr begann Schacht sieben blau zu leuchten.
Rowan hielt den fertigen Brief noch einen Moment fest. „Wenn ich ihn dort hineinwerfe, landet er gestern bei uns.“
Pia schob ihre Brille zurecht. „Genau dort muss er hin. Wir wissen schließlich bereits, dass er angekommen ist.“
Der Umschlag glitt in den Schacht und verschwand im Aetherlicht.
Am nächsten Morgen lag der Untersuchungsbericht auf Rowans Schreibtisch. Die Postleitung erklärte den Vorfall darin zu einer seltenen chronometrischen Rückkopplung, deren Wiederholung nach menschlichem Ermessen ausgeschlossen sei.
Pia hatte am Rand eine handschriftliche Bemerkung ergänzt:
Bei der Aether-Post gilt selbst das nur bis gestern.

