Das Rätsel von Kamien

Der Kristall auf dem Arbeitstisch flackerte dreimal, bevor sich das Licht über seine Oberfläche erhob. Zuerst erschien nur ein grüner Schimmer. Dann weitete er sich zu einem Ozean, der über den Tischrand hinauszufließen schien.

Ellie beugte sich näher heran.

Smaragdgrüne Meere bedeckten beinahe den gesamten Planeten. Gewaltige Korallenatolle schwebten über dem Wasser, verbunden durch filigrane Brücken und organisch geformte Bauwerke aus Glas, Metall und schimmernden Schalen. Wasserfälle stürzten aus den Atollen und lösten sich lange vor der Meeresoberfläche in leuchtenden Nebel auf.

Drei Monde standen über der fremden Welt.

„Kamien“, sagte Ellie leise.

Sera saß neben dem Kristall und betrachtete seine Heimat. Das grüne Licht spiegelte sich in seinen Augen.

Die Atolle des Hauses Vyreth liegen jenseits dieses Meeres. Bei günstigen Strömungen kann man ihre Leuchtfelder bis zur südlichen Gezeitenzone sehen.

Ellie drehte den Kristall vorsichtig. Weitere Bilder erschienen: amphibische Bewohner mit meerblauer und türkisfarbener Haut, Kiemenstrukturen und feinen Schwimmhäuten. Ihre Kleidung folgte fließenden Formen, während goldene und bronzene Elemente zwischen Glas, Muscheln und lebendem Korallenmaterial schimmerten.

Selbst die Technik sah aus, als wäre sie gewachsen.

„Und ihr lebt dort einfach zwischen all diesen Wasserwesen?“

Sera hob den Kopf.

Die Bewohner Kamiens empfinden uns vermutlich als weniger ungewöhnlich als die Menschen von Arkopolis. Sie starren erheblich seltener.

„Dafür schicken sie euch durch Portale, um verlorene Seeds zu suchen.“

Jede Zivilisation besitzt unangenehme Gewohnheiten.

Ellie musste lächeln. Dann berührte sie eine der kleinen Glyphen am Rand des Kristalls. Die Landschaft verschwand, und zwei Drachengestalten erhoben sich über dem Tisch.

Vulkaris erschien zuerst. Kupferrote Schuppen, ein schwerer Körper und mächtige Flügel verliehen ihm selbst als Projektion eine bedrohliche Präsenz. Sein Kopf war breit, seine Panzerung wirkte wie für den Kampf geschaffen.

Daneben entstand Althara.

Sie war ebenso groß, doch ihre Gestalt folgte vollkommen anderen Linien. Dunkles Petrolgrün ging in leuchtendes Türkis und Smaragd über. Goldene Ornamente zogen sich über ihren Körper, während ihr langer Hals und die weit ausladenden Flügel ihr eine beinahe königliche Würde verliehen.

Ellie betrachtete beide lange.

„Wie können Althara und Vulkaris derselben Welt entstammen und so verschieden aussehen?“

Sera schwieg. Durch die Bindung spürte Ellie, dass er nach einer Antwort suchte und keine fand.

Auf Kamien gelten beide als Drachen. Mehr kann ich dir darüber nicht sagen.

„Weil du es nicht weißt oder weil du es mir nicht sagen darfst?“

Seine Schwanzspitze bewegte sich langsam über den Tisch.

Ich weiß es nicht.

Ellie sah zurück auf die Projektionen. Seit Seras Ankunft hatte sie vieles über Kamien erfahren: über Vyreth und Orcal, den Crown-Seed und den gewaltigen Aether-Ring Korona. Jede Antwort hatte neue Fragen hervorgebracht.

Eine davon war so grundlegend, dass sie bisher niemand gestellt hatte.

„Warum gibt es auf Kamien überhaupt Drachen?“

Sera faltete die Flügel enger an den Körper.

Darauf kenne ich ebenfalls keine Antwort.

Ellie zog ihr Notizbuch heran. Unter die bisherigen Aufzeichnungen über Kamien schrieb sie zwei neue Fragen. Danach betrachtete sie Altharas fremdartige Gestalt und fügte eine dritte hinzu.

Sera lehnte sich über die Seite.

Du wirst danach suchen.

„Natürlich werde ich das. Irgendjemand muss schließlich herausfinden, was eure Archive verschweigen.“

Die beiden Projektionen standen einander noch immer gegenüber. Vulkaris wirkte wie Feuer und Krieg, Althara wie eine Königin aus den Tiefen eines fremden Ozeans.

Irgendwo zwischen ihnen lag die Antwort.

Ellie wusste nur noch nicht, wohin sie dafür gehen musste.


Ein Geheimnis aus Band 3
Warum gibt es auf Kamien überhaupt Drachen? Und weshalb unterscheidet sich Althara so deutlich von Vulkaris? Ellie wird die Antwort auf ihrer Suche finden. Der Autor kennt sie bereits – und verrät noch nichts.