Regen strich über die hohen Fenster des Hermetic College und verwandelte die Lichter von Arkopolis in verschwommene goldene Flecken. Madame Violetta Finch saß allein im alten Lesesaal, umgeben von Büchern, die seit Jahrzehnten niemand mehr geöffnet hatte. Vor ihr lag ein schmales Blatt Pergament, auf dem nur drei Worte standen.
Sie hatte die Zeile bereits siebenmal gelesen. Beim achten Mal bewegte sich der lebende Codex auf seinem Pult.
„Die Betonung liegt auf der zweiten Silbe“, erklärte er. Seine goldenen Augen verengten sich. „Falls du beabsichtigst, den Zauber tatsächlich auszuführen. Für eine bloße Verstümmelung der alten Sprache war dein letzter Versuch vollkommen ausreichend.“
Violetta legte die Feder beiseite und betrachtete das mürrische Gesicht zwischen den Seiten. „Seit zwei Stunden behauptest du, diese Formel sei unvollständig. Zugleich weigerst du dich, mir das fehlende Wort zu nennen. Unterrichten scheint mir anders zu funktionieren.“
Der Codex blätterte geräuschvoll durch sich selbst. Mehrere Seiten schlugen so heftig um, dass Staub aus dem Einband quoll.
„Wissen muss verdient werden. Außerdem hast du Seite vierhundertachtzehn vor neun Jahren mit Pflaumenlikör befleckt.“
„Es war Holunder.“
„Das macht den Vorfall kaum besser.“
Violetta zog das Pergament näher heran. Die drei Wörter beschrieben keine fertige Wirkung. Sie gaben eine Richtung vor: Erinnerung, Stimme und Rückkehr. Ohne das vierte Wort fehlte der Magie ihr Ziel.
Sie hob die rechte Hand und formte die erste Geste. Ihre Finger zeichneten einen ruhigen Bogen durch die Luft, während sie die Inkantation erneut sprach. Diesmal ließ sie zwischen der zweiten und dritten Silbe einen winzigen Zwischenraum.
Goldenes Licht quoll aus dem Pergament.
Der Codex riss die Augen auf. „Du hast die Lücke absichtlich offengelassen.“
„Natürlich. Wenn das Wort fehlt, soll die Magie selbst danach suchen.“
„Das ist sprachwissenschaftlich unverantwortlich.“
Die leuchtenden Zeichen lösten sich vom Blatt und zogen durch den Lesesaal. Sie glitten über die Buchrücken, prüften verblasste Titel und krochen in Ritzen zwischen den Regalen. Eines verschwand unter Violettas Handschuh. Ein anderes umrundete die Lampe und setzte beinahe ihre Feder in Brand.
Dann antworteten die Bücher.
Überall im Saal begannen Seiten zu rascheln. Hunderte Stimmen flüsterten Bruchstücke alter Formeln, während vergessene Wörter wie goldene Funken aus den Regalen stiegen. Sie sammelten sich über dem Tisch, ordneten sich neu und bildeten schließlich eine einzige schwebende Silbe.
Violetta sprach sie aus.
Für einen Atemzug wurde der Raum vollkommen still. Danach öffnete sich mitten über dem Tisch ein leuchtender Kreis. Darin erschien das Bild einer jungen Hexe, die vor Jahrhunderten genau an diesem Platz gesessen hatte. Ihre Lippen bewegten sich, und ihre klare Stimme vollendete die Inkantation, die sie einst auf dem Pergament hinterlassen hatte.
Das Bild verblasste. Die goldenen Zeichen sanken zurück auf das Blatt und ergänzten dort das fehlende Wort.
Violetta lächelte zufrieden. „Offenbar hat meine unverantwortliche Methode funktioniert.“
Der Codex schwieg ungewöhnlich lange. Schließlich blätterte er mit betonter Gelassenheit eine Seite um.
„Das Ergebnis ist vertretbar“, räumte er ein. „Deine Handhaltung war allerdings abscheulich.“
Violetta griff nach dem Holunderlikör und stellte das Glas demonstrativ neben Seite vierhundertachtzehn.
Der Codex klappte sich augenblicklich zu.

