Wie Zehenschreck zu seinem Namen kam

Zarah behauptete gern, gutes Werkzeug müsse drei Dinge können: funktionieren, lange halten und genau dort liegen, wo sie es zuletzt hingelegt hatte.

Der schwere Hammer mit dem dunklen Griff erfüllte zuverlässig zwei dieser Anforderungen.

Ellie lernte das an einem regnerischen Nachmittag in Werkstatt zwölf. Sie saß auf der Kante einer Werkbank und beobachtete Zarah bei der Reparatur eines alten Grav-Stabilisators, dessen Gehäuse vermutlich schon rostig gewesen war, als Arkopolis noch weniger Decks besaß. Sera hockte neben ihr zwischen zwei Kisten mit Kupferdichtungen und verfolgte jede Bewegung mit jener Aufmerksamkeit, die Zarah inzwischen nervöser machte als jede technische Prüfung.

Der Hammer lag auf dem Stabilisator.

Bis Zarah sich darunter beugte.

Ein dumpfer Schlag ließ Ellie zusammenzucken. Das Werkzeug war vom Gehäuse gerutscht und unmittelbar neben Zarahs linkem Stiefel gelandet.

Zarah richtete sich auf und sah hinunter.

„Schon wieder.“

Ellie grinste. „Das klang persönlich.“

„Ist es auch.“

Sie hob den Hammer auf und legte ihn diesmal weit entfernt von jeder Kante auf die Werkbank. Dort blieb er ungefähr zehn Minuten.

Dann brauchte Zarah einen anderen Schlüssel, zog eine Schublade auf und stieß mit dem Ellenbogen gegen den Griff. Der Hammer rutschte über die Platte, kippte über den Rand und traf einen Mechaniker am Nachbartisch auf den Stiefel.

Der Mann fluchte so laut, dass selbst Sera die Flügel anhob.

„War das dein großer Hammer?“, rief er.

Zarah sah bereits so aus, als wäre diese Frage eine persönliche Beleidigung. „Nein. Der Fuß stand falsch.“

Ellie lachte. „Natürlich.“

Der Mechaniker humpelte davon und murmelte etwas darüber, dass es inzwischen das zweite Mal gewesen sei. Das brachte Ellie dazu, genauer hinzusehen.

„Zweite Mal?“

Zarah arbeitete weiter.

„Zarah.“

„Was?“

„Wen hat er beim ersten Mal erwischt?“

Ein paar Sekunden lang war nur das Klappern von Werkzeug zu hören.

„Mich.“

Ellie musste von der Werkbank steigen, weil sie beim Lachen beinahe heruntergefallen wäre.

Sera verstand die Aufregung weniger. Für ihn war die Sache schnell erklärt: Der Hammer war schwer, sein Schwerpunkt lag ungünstig weit vorn, und Zarah stellte ihn offenbar wiederholt auf ungeeigneten Flächen ab.

Ellie übersetzte nur den letzten Teil.

Zarah hob langsam den Kopf. „Sag ihm, dass Werkzeug Persönlichkeit hat.“

Sera antwortete etwas, das Ellie vorsichtshalber nicht übersetzte.

Am Ende des Nachmittags war der Stabilisator wieder zusammengebaut. Zarah wollte den letzten Haltering einsetzen, nahm den Hammer und schlug ihn mit zwei sauberen Schlägen in seine Führung. Beim dritten glitt das Werkzeug seitlich aus ihrer Hand.

Ellie sah noch, wie es über den Metallboden sprang.

Dann schrie jemand.

Ein Lehrling am anderen Ende der Werkbank hüpfte auf einem Bein und hielt sich den Stiefel. Zarah schloss die Augen.

Ellie zählte an den Fingern.

„Drei.“

„Sag es nicht.“

„Drei Zehen.“

„Ellie.“

„Das Ding jagt Zehen.“

Der Lehrling setzte vorsichtig den Fuß auf und verzog das Gesicht. „Stimmt irgendwie.“

Zarah betrachtete erst ihn, dann den Hammer. Schließlich nahm sie einen Gravierstift aus der Schublade und setzte sich damit an die Werkbank.

Ellie trat neugierig näher.

Auf der kleinen Messingplatte im Griff entstanden langsam zwölf Buchstaben.

ZEHENSCHRECK

Zarah betrachtete ihr Werk und nickte zufrieden. „Jetzt hat er einen Namen.“

Sera sah vom Hammer zu ihr.

„Ein Name aufgrund wiederholter Fehlbenutzung erscheint mir ungewöhnlich.“

Diesmal übersetzte Ellie jedes Wort.

Zarah hängte Zehenschreck an ihren Gürtel. „Du bist noch jung. Du verstehst Werkzeug nicht.“

Und damit war die Sache entschieden.

Zumindest vorläufig.

Einige Monate später sollte Zehenschreck in derselben Werkstatt noch einen vierten Zeh erwischen.

Zarah bestand darauf, dass das lediglich seinen guten Ruf bestätigt habe.