Als Rhias Schritte im zerstörten Korridor verklungen waren, blieb die Priesterin noch eine Weile reglos zwischen den umgestürzten Bänken sitzen. Der Dolch lag schwer in ihren Händen, obwohl die schmale Klinge kaum mehr wog als eines der Ritualmesser, mit denen sie gewöhnlich Kräuter zerschnitt oder die versiegelten Bänder heiliger Schriften öffnete. Jetzt erschien ihr selbst dieses geringe Gewicht kaum tragbar. Ihre Finger zitterten, die Wunde an ihrer Seite brannte bei jedem Atemzug, und aus den tieferen Bereichen des Tempels drang ein dumpfes Grollen herüber, das sich durch Boden und Mauern fortpflanzte.
Rhia hatte ihr geraten, den Tempel zu verlassen, solange es noch möglich war.
Die Priesterin wusste, dass sie recht hatte, und dennoch fiel es ihr schwer, sich zu erheben. Eryth-Ma war seit ihrer Jugend ihr Zuhause gewesen. Sie kannte die schmalen Nebengänge, die abgelegenen Gebetsräume und selbst jene Risse in den Mauern, die der Winter vor vielen Jahren hinterlassen hatte. Jeder Schritt durch diese Hallen war mit Erinnerungen verbunden. Hier hatte sie ihre ersten Gebete gesprochen, hier hatte sie den Ältesten bei den großen Siegelzeremonien assistiert, und hier hatte sie noch vor wenigen Stunden mit Männern und Frauen gestanden, die nun irgendwo unter eingestürzten Balken oder zwischen geborstenen Steinplatten lagen.
Ein erneutes Beben ging durch den Tempel und riss sie aus ihren Gedanken.
Staub rieselte von der Decke. Aus dem Korridor kam ein scharfes Knacken, gefolgt von einem Krachen, das durch die Mauern hallte. Die Priesterin zwang sich auf die Beine und presste die freie Hand gegen ihre verletzte Seite, bis der erste Schwindel nachließ. Wenn sie länger blieb, würde sie unter den Trümmern sterben, und dann wäre Rhias Entscheidung, sie zurückzulassen, sinnlos gewesen.
Sie trat hinaus.
Der Weg zum westlichen Ausgang war ihr vertraut, doch von der gewohnten Ordnung des Tempels war kaum etwas geblieben. Eine Säule war quer über den Korridor gestürzt und hatte das Pflaster aufgerissen. Teile der Wandverkleidung lagen zerborsten auf dem Boden, Schriftrollen brannten in kleinen, rußenden Haufen, und zwischen den Fugen der Steinplatten glomm ein violettes Licht, das dort nichts zu suchen hatte.
Die Priesterin blieb stehen und starrte darauf.
Die heiligen Siegel des Tempels hatten immer geleuchtet, wenn ihre Kraft angerufen wurde, doch dieses Leuchten war anders. Es war tiefer, dunkler und wirkte nicht wie eine Kraft, die durch die Steine floss, sondern wie etwas, das von unten dagegen drückte. Die schmalen Linien pulsierten in unregelmäßigen Abständen und verschwanden unter der nächsten Wand, alle in dieselbe Richtung.
Zur Haupthalle.
Sie ging weiter, zunächst langsam, dann schneller, als hinter ihr ein Teil der Decke einstürzte. Der Luftdruck des Aufpralls trieb ihr Staub ins Gesicht und zwang sie zum Husten. Für einige Augenblicke sah sie kaum etwas, doch als der graue Schleier sich lichtete, erkannte sie den kleinen Innenhof, der nur noch wenige Gänge vom Ausgang entfernt lag.
Dort wartete bereits jemand.
Der Mann taumelte aus einer Seitentür und stützte sich an der Mauer ab. Seine schwarze Robe war an mehreren Stellen verbrannt, Blut lief ihm über das Gesicht, und auf seiner Stirn zeichnete sich jenes fremde Zeichen ab, das sie bei den Männern gesehen hatte, die während des Rituals in den Tempel eingedrungen waren. Einer der Kultisten. Einer von denen, die Zul’Thars Wiederkehr gewollt und den Schutzzirkel sabotiert hatten.
Als er sie bemerkte, richtete er sich etwas auf. In seiner Hand hielt er eine gebogene Klinge.
Die Priesterin spürte, wie sich ihre Kehle zusammenzog.
Er war schwer verletzt, doch die Art, wie er den Dolch führte, verriet ihr sofort, dass er damit umgehen konnte. Sie selbst hatte nie kämpfen gelernt. Der Orden hatte die Priester von Eryth-Ma gelehrt, Siegel zu bewahren und Rituale zu führen, nicht Menschen zu töten.
Der Mann kam auf sie zu.
„Er ist erwacht“, sagte er mit einer heiseren Begeisterung, die in dieser zerstörten Umgebung beinahe wahnsinnig klang. „Ihr könnt ihn nicht mehr aufhalten.“
Die Priesterin wich zurück, bis ihre Schulter gegen einen Pfeiler stieß.
„Seht euch um“, brachte sie hervor. „Das ist euer Werk.“
Sein Lächeln verschwand nicht.
Er griff an.
Die Bewegung kam schneller, als sie erwartet hatte. Sie riss ihren Dolch hoch, und die beiden Klingen trafen mit einem hellen Klang aufeinander. Der Stoß fuhr ihr durch den Arm, sodass ihr beinahe die Waffe aus der Hand fiel. Noch bevor sie sich fangen konnte, drängte der Kultist sie zurück und schlug erneut zu. Diesmal wich sie zur Seite, spürte jedoch, wie die Schneide ihre Schulter streifte und den Stoff ihrer Robe aufriss.
Schmerz schoss durch ihren Körper.
Sie taumelte, und der Mann setzte nach.
Aus irgendeinem Instinkt heraus stieß sie ihm den Dolch entgegen. Die Spitze traf seinen Unterarm, glitt jedoch ab, ohne tief einzudringen. Trotzdem genügte es, ihn einen Augenblick aus dem Gleichgewicht zu bringen. Die Priesterin wollte an ihm vorbeilaufen, doch er packte sie am Haar und riss sie zurück.
Ihr Kopf schlug gegen seine Brust.
Dann hörten beide das Knurren.
Der Laut war tief und feucht, als käme er aus einer Brust, die viel größer war als die eines gewöhnlichen Tieres.
Der Kultist ließ sie los und wandte sich langsam zum Eingang des Hofes.
Dort stand eine Kreatur, die in ihrer Form entfernt an einen Wolf erinnerte, doch damit endete jede Ähnlichkeit. Knochige Stacheln liefen über ihren Rücken, die Haut spannte sich in dunklen Platten über den Körper, und aus dem geöffneten Maul tropfte grünlicher Speichel auf den Stein. Die Augen glühten rot.
Der Mann hob eine Hand und sprach ein Wort in jener gutturalen Sprache, die die Priesterin während des Rituals gehört hatte. Vielleicht war es ein Befehl, vielleicht ein Zeichen der Unterwerfung.
Das Tier reagierte nicht.
Einen Herzschlag später sprang es.
Der Kultist wurde zu Boden gerissen. Sein Schrei hallte über den Hof, während er verzweifelt versuchte, die Kreatur von sich wegzustoßen. Die Priesterin wich zurück, unfähig den Blick abzuwenden, als die Klauen seine Robe und das Fleisch darunter aufrissen. Er rief erneut jenes fremde Wort, diesmal panischer, doch das Tier kümmerte sich nicht darum.
Da begriff sie, was Rhia vermutlich längst wusste.
Zul’Thar hatte keine Getreuen.
Er benutzte Menschen, solange sie ihm nützlich waren.
Der Kultist verstummte.
Die Kreatur hob den Kopf.
Ihre Augen richteten sich auf die Priesterin.
Diesmal brauchte sie keinen Entschluss mehr zu fassen. Sie rannte.
Ihre verletzte Seite protestierte bei jedem Schritt, aber die Angst übertönte den Schmerz. Sie hörte das Scharren der Klauen hinter sich und wusste, dass sie das offene Ende des Hofes niemals rechtzeitig erreichen würde. Also bog sie zwischen zwei eingestürzten Pfeilern ab, sprang über eine niedrige Steinbank und stieß dabei beinahe gegen ein umgestürztes Weihrauchbecken.
Das Wolfwesen kam näher.
Die Priesterin griff nach dem schweren Metallgestell und zog es mit beiden Händen hoch. Ihre Arme bebten unter dem Gewicht. Sie hatte keine Vorstellung davon, wie sie damit kämpfen sollte, doch als das Tier über die Steinbank sprang, blieb ihr keine Zeit mehr zum Nachdenken.
Sie schlug zu.
Das Metall traf die Kreatur seitlich am Schädel und brachte sie aus der Bahn. Mit einem kreischenden Laut prallte sie gegen die beschädigte Balustrade am Rand des Hofes. Stein brach unter ihrem Gewicht weg, und plötzlich hing das Wesen halb über dem Abgrund, die Vorderklauen tief in den Rand gekrallt.
Die Priesterin stand keuchend davor.
Sie sah die roten Augen, das bleckende Maul und die Muskeln, die sich anspannten, um den Körper wieder nach oben zu ziehen.
Dann stieß sie das Weihrauchbecken mit aller Kraft gegen eine der Klauen.
Der Stein unter der zweiten Pfote brach.
Die Kreatur stürzte in die Tiefe.
Ihr Kreischen begleitete den Fall, wurde schwächer und verschwand schließlich irgendwo zwischen den unteren Ebenen der Tempelanlage.
Die Priesterin ließ das Metallgestell fallen und stützte sich mit beiden Händen auf den Knien ab. Ihr Atem ging schnell, und die Wunde an ihrer Seite hatte wieder zu bluten begonnen. Sie wollte nichts anderes mehr, als diesen Ort zu verlassen.
In diesem Moment veränderte sich die Luft.
Zuerst bemerkte sie nur, wie der Staub über den Boden kroch. Kleine Körner bewegten sich entgegen dem Wind, dann begannen Stoffreste, Pergamentfetzen und leichte Holzstücke in Richtung der Haupthalle zu rutschen. Das Grollen, das seit Beginn der Katastrophe durch den Tempel gezogen war, schwoll zu einem tiefen, fast körperlich spürbaren Dröhnen an.
Die Priesterin richtete sich langsam auf.
Rhia.
Der Gedanke traf sie unvermittelt.
Sie hätte weiter zum Ausgang gehen sollen. Alles in ihr wusste, dass dies der vernünftige Weg war, doch während die Luft stärker in Richtung der inneren Hallen strömte, erinnerte sie sich an das Gesicht der Kriegerin, an die Ruhe, mit der sie trotz all der Toten ihr Schwert aufgenommen und den Weg zur Haupthalle eingeschlagen hatte.
Vielleicht lebte sie noch.
Vielleicht brauchte sie Hilfe.
Die Priesterin drehte um.
Je näher sie der Haupthalle kam, desto heftiger wurde der Sog. Sie musste sich an Mauervorsprüngen festhalten, während lose Steine über den Boden rutschten und an ihr vorbeischossen. Mehrfach glaubte sie, das Gleichgewicht zu verlieren, doch schließlich erreichte sie einen zerstörten Seitengang, von dem aus sie in den großen Raum sehen konnte.
Was dort geschah, entzog sich jedem Begriff, den sie kannte.
Die Mitte der Halle war von einem gleißenden Riss erfüllt, der wie eine Wunde in der Luft hing. Blaues, violettes und weißes Licht schob sich umeinander, während schwarze Entladungen zwischen den Resten der Runenkreise zuckten. Steinplatten hatten sich aus dem Boden gelöst und wirbelten durch den Raum. Säulen barsten unter Kräften, die keine sichtbare Quelle hatten.
Zwischen all dem kämpfte Rhia um Halt.
Die Kriegerin hing halb über dem Boden und hatte eine Hand gegen eine Steinplatte gepresst, während ihr Körper immer stärker in Richtung des Risses gezogen wurde. Weiter hinten sah die Priesterin die hagere Gestalt Zul’Thars, der sich mit beiden Klauen an einem geborstenen Pfeiler festhielt. Selbst der Dämon schien die Kontrolle über das entfesselte Ritual verloren zu haben.
Die Priesterin schrie Rhias Namen, doch ihre Stimme ging im Tosen unter.
Dann sah sie, wie Rhias Schwert aus deren Hand glitt.
Die Klinge schlug auf dem Boden auf, sprang zwischen zwei zerbrochenen Platten hoch und rutschte davon. Rhia versuchte noch danach zu greifen, doch der Abstand wuchs sofort. Der Riss zog sie rückwärts, während ihre Finger vergeblich durch die Luft fuhren.
Für einen einzigen Augenblick trafen sich ihre Blicke.
Die Priesterin wusste später nicht, ob Rhia sie tatsächlich gesehen hatte oder ob ihr erschöpfter Verstand diesen Moment erschuf.
Dann riss das Licht die Kriegerin fort.
Ihr Körper verschwand zwischen den wirbelnden Farben, und kurz darauf verlor auch Zul’Thar seinen Halt. Der Dämon bäumte sich auf, als könne sein Zorn allein die Kräfte des Portals überwinden, doch schließlich wurde auch er in die Bresche gezogen.
Was danach geschah, dauerte kaum länger als einen Atemzug.
Der Riss zog sich zusammen.
Die Energie, die eben noch alles zu sich gerissen hatte, brach plötzlich nach außen.
Die Druckwelle fegte durch die Haupthalle, sprengte Mauerstücke aus den Wänden und schleuderte die Priesterin in den Seitengang zurück. Sie prallte hart auf den Boden und verlor für einige Augenblicke jedes Gefühl für oben und unten. Als sie wieder zu sich kam, lag Staub wie ein grauer Schleier über allem.
Das Dröhnen war verschwunden.
Nur das Knacken einstürzender Mauern und das entfernte Prasseln von Feuer waren noch zu hören.
Mühsam erhob sie sich und trat wieder an den Durchgang. Von der Haupthalle war kaum etwas übrig. Ein großer Teil des Bodens war aufgebrochen, mehrere Säulen lagen übereinander, und dort, wo der Riss geschwebt hatte, war nur noch Dunkelheit.
Rhia war fort.
Zwischen den Trümmern entdeckte die Priesterin schließlich das Schwert.
Es lag halb unter einer zerbrochenen Steinplatte, außer Reichweite hinter einem breiten Riss im Boden. Die Runen auf der Klinge glommen schwach, als kämpften auch sie noch gegen das Sterben dieses Ortes. Für wenige Augenblicke blieb die Priesterin stehen und beobachtete das Licht.
Dann erlosch es.
Über ihr brach ein Stück der Decke weg und krachte in die Halle.
Sie wich zurück.
Das Schwert konnte sie nicht erreichen. Rhia konnte sie nicht zurückholen. Das Einzige, was ihr noch blieb, war zu überleben und zu erzählen, was an diesem Tag in Eryth-Ma geschehen war.
Mit der Hand an ihrer verletzten Seite wandte sie sich dem Ausgang zu.
Als sie wenig später aus dem zerborstenen Tempeltor ins Freie trat, wehte kalte Abendluft über ihr Gesicht. Hinter ihr stiegen Rauch und Staub in den Himmel, und über den Ruinen flackerte noch ein letztes violettes Leuchten, bevor auch dieses verschwand.
Die Priesterin blieb einen Moment stehen und sah zurück.
Dann ging sie weiter.
Denn irgendwo musste jemand erfahren, dass Rhia nicht gefallen war.
Sie war durch den Riss gegangen.
Und vielleicht, dachte die Priesterin, während der Tempel von Eryth-Ma hinter ihr langsam in sich zusammensank, bedeutete das, dass ihre Geschichte noch nicht zu Ende war.

