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Als Zedharon sie erkannte

Bonusstory

Rhia hatte aufgehört zu zählen, wie oft sie inzwischen in den Zedharon gestiegen war. Anfangs hatte allein der Gedanke daran genügt, ihren Magen zusammenzuziehen, denn selbst nach mehreren Flügen konnte sie sich nur schwer daran gewöhnen, dass unter ihren Füßen kein Holz, kein Metall und kein Stein lag, sondern etwas, das lebte. Die Wände des Schiffes pulsierten in einem langsamen Rhythmus, der sich manchmal kaum wahrnehmbar veränderte, wenn Laria ihre Hände über das Steuerfeld gleiten ließ. Thavar behauptete, Zedharon besitze keinen eigenen Willen im menschlichen Sinn, doch Rhia war sich da längst nicht mehr sicher. Das Schiff mochte keine Augen haben, und trotzdem hatte sie oft das Gefühl, beobachtet zu werden.

Vor allem von ihm.

Wenn Laria oder Thavar das zentrale Feld berührten, reagierten die dünnen Lichtadern im Inneren fast augenblicklich. Unter Rhias Hand dagegen blieben sie meist dunkel. Manchmal lief ein kurzes Zittern durch die Membran, als hätte Zedharon etwas Fremdes wahrgenommen und wüsste nicht recht, ob er es dulden sollte. Rhia nahm es inzwischen mit Humor. Nach allem, was sie auf Arkan erlebt hatte, würde sie sich kaum von einem empfindlichen Flugtier beleidigt fühlen.

An diesem Tag waren sie weit nach Norden geflogen, dorthin, wo die zerfallenen Ruinen einer alten Anlage zwischen zwei tiefen Schluchten lagen. Thavar hatte dort bei einem früheren Überflug Reste kristalliner Module entdeckt, die der Clan dringend für die Reparatur seiner Energiebarrieren benötigte. Der Hinflug verlief ruhig, und selbst die Landung auf einer geborstenen Plattform brachte Zedharon ohne sein übliches Ruckeln zustande. Zwei Stunden lang durchsuchten sie die Anlage, fanden tatsächlich mehrere brauchbare Kristallsegmente und verstauten sie sorgfältig in den Halterungen im hinteren Teil des Schiffes.

Erst auf dem Rückweg veränderte sich Arkan.

Rhia bemerkte es anfangs nur an einem feinen Druck in den Ohren. Kurz darauf begann das vertraute Leuchten tief unter den Ruinen stärker zu werden. Violette Linien schoben sich durch Risse im Boden, liefen wie Adern zwischen den Fundamenten hindurch und verschwanden unter einem breiten Gebirgszug. Laria beugte sich über das Steuerfeld, während Thavar durch die halbtransparente Außenhaut nach unten blickte. Keiner von beiden sagte etwas, doch Rhia kannte ihre Gesichter inzwischen gut genug, um zu erkennen, dass ihnen nicht gefiel, was dort unten geschah.

Das erste Beben erreichte sie, obwohl sie bereits hoch über den Ruinen flogen.

Zedharon zuckte so heftig, dass Rhia gegen die Seitenwand geschleudert wurde. Im selben Augenblick brach unter ihnen ein Teil des Felsplateaus weg, und eine bläulich leuchtende Energiefontäne schoss aus der Tiefe empor. Sie verfehlte das Schiff, doch die Druckwelle traf seine Unterseite und warf es zur Seite. Thavar verlor den Halt, prallte mit der Schulter gegen eine Verstrebung und blieb benommen liegen.

Laria versuchte, Zedharon abzufangen, doch das Schiff reagierte kaum noch auf ihre Berührungen. Seine inneren Lichtadern flackerten unregelmäßig, während die gesamte Kabine sich nach rechts neigte und die Landschaft draußen in eine beunruhigende Schräglage geriet. Vor ihnen ragten die Reste zweier gewaltiger Türme aus dem Nebel. Zedharon sank direkt auf sie zu.

Rhia kroch zu Thavar und zog ihn von der Wand weg. Blut rann aus einer Platzwunde an seiner Stirn, doch er war bei Bewusstsein. Sein Blick wanderte zum Steuerfeld und anschließend zu Rhia. Er sagte nur wenige Worte, mehr brauchte es nicht.

„Hilf ihr.“

Rhia starrte ihn an, als hätte er vorgeschlagen, sie solle den nächsten Berg verschieben.

Laria kämpfte inzwischen mit beiden Händen gegen Zedharons unruhige Bewegungen. Schweiß glänzte auf ihrer Stirn, und das Licht der Adern auf ihren Armen pulsierte so stark, dass es selbst Rhia auffiel. Trotzdem verlor das Schiff weiter an Höhe.

Also ging sie hinüber.

Das Steuerfeld fühlte sich unter ihrer Hand warm an. Sofort lief jenes bekannte Zittern durch die Oberfläche, mit dem Zedharon bislang auf ihre Berührung reagiert hatte. Rhia presste die Hand fester dagegen, doch das machte alles nur schlimmer. Das Schiff ruckte erneut, und irgendwo hinter ihr brach eine Halterung aus der Wand.

„Schon gut“, murmelte sie und wusste selbst nicht, ob sie zu Zedharon oder zu sich sprach. „Ich verstehe dich auch nicht.“

Sie zwang sich, den Druck ihrer Hand zu lösen.

Während draußen die Ruinen näherkamen, schloss Rhia für einen Moment die Augen. Im Orden hatte man ihr beigebracht, dass Runenmagie niemals allein durch Kraft gelenkt wurde. Wer sie erzwingen wollte, verlor die Kontrolle über sie. Man musste den Rhythmus finden, den Punkt, an dem der eigene Wille auf die Energie traf, ohne sie zu brechen.

Zedharon besaß keine Runen.

Aber er hatte einen Rhythmus.

Rhia spürte ihn unter ihrer Hand.

Ein langsames Pulsieren, unruhig und viel zu schnell, fast wie der Herzschlag eines gehetzten Tieres. Sie atmete tiefer, ließ ihre Finger locker auf dem Feld liegen und versuchte, sich an dieses Pulsieren anzupassen. Für einige Atemzüge geschah nichts. Dann erwärmte sich die Fläche unter ihrer Hand, und ein schwaches blaues Licht erschien zwischen ihren Fingern.

Rhia öffnete die Augen.

Laria sah sie überrascht an.

Zedharon reagierte.

Das Schiff neigte sich noch immer gefährlich, doch das unkontrollierte Zittern ließ nach. Rhia spürte eine Bewegung unter ihrer Hand, kaum mehr als eine Verschiebung der Membran, und folgte ihr instinktiv. Als sie die Hand ein Stück nach links führte, hob sich der Rumpf auf dieser Seite. Laria begriff sofort und verlagerte ihre eigene Berührung auf einen anderen Teil des Feldes.

Zum ersten Mal arbeiteten sie nicht nebeneinander.

Sie steuerten gemeinsam.

Der erste Turm zog so nah an ihnen vorbei, dass Rhia einzelne Risse im Mauerwerk erkennen konnte. Zedharons Außenhaut streifte herabhängende Steinfragmente, die mit einem dumpfen Poltern über die Membran rutschten. Dahinter wartete bereits der zweite Turm, dessen obere Hälfte durch das Beben nach vorn kippte.

Thavar rief etwas vom Boden.

Rhia verstand nur ein Wort.

Hoch.

Sie legte beide Hände auf das Steuerfeld.

Zedharon spannte sich unter ihnen an.

Für einen beängstigenden Augenblick geschah nichts, dann hob sich der Bug. Rhia wurde nach hinten gedrückt, hielt den Kontakt jedoch aufrecht, während das Schiff steiler stieg, als sie es je zuvor erlebt hatte. Unter ihnen brach der Turm auseinander. Ein gewaltiger Steinblock schlug dort durch die Luft, wo Zedharon wenige Herzschläge zuvor noch gewesen war.

Als sie die oberen Nebelschichten erreichten, lag das schlimmste Beben hinter ihnen. Die Fontänen in der Tiefe wurden kleiner, die Ruinen verschwanden allmählich unter einem grauvioletten Schleier, und Zedharons Flug stabilisierte sich.

Rhia nahm die Hände vom Steuerfeld.

Das blaue Licht blieb.

Nur für einige Sekunden, doch lange genug, dass Laria es ebenfalls bemerkte. Die Seherin lächelte erschöpft, während Rhia sich neben Thavar auf den Boden setzte und erst jetzt bemerkte, wie sehr ihre Arme zitterten.

Der Rest des Fluges verlief ruhig.

Als sie Stunden später die Siedlung erreichten und Zedharon sich in seiner Halle abgesenkt hatte, half Rhia zunächst Thavar hinaus. Erst danach kehrte sie noch einmal zum Schiff zurück. Die anderen waren bereits fort, und in der Halle herrschte jene gedämpfte Stille, die Rhia inzwischen mit diesem seltsamen Geschöpf verband.

Sie legte die Hand auf seine Außenhaut.

Früher hatte Zedharon auf ihre Berührung mit einem unsicheren Zittern reagiert.

Diesmal kam nur ein einziger, langsamer Impuls.

Warm und ruhig.

Rhia ließ die Hand noch einen Moment liegen und musste lächeln.

Vielleicht hatte Thavar recht und Zedharon besaß keinen eigenen Willen. Vielleicht waren all diese Reaktionen lediglich Bio-Technologie, Energieflüsse und Mechanismen, die sie noch nicht verstand.

Doch als sie sich schließlich abwandte, pulsierte unter ihrer Handfläche noch immer die Erinnerung an diesen einen ruhigen Schlag.

Von diesem Tag an hatte Rhia keine Angst mehr davor, Zedharon zu steuern.

Und Zedharon wich ihrer Berührung nie wieder aus.

Als Zedharon sie erkannte

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