Rhia hatte festgestellt, dass Erinnerungen auf Arkan schneller verblassten.
Vielleicht lag es an dem fehlenden Rhythmus aus Morgen und Abend, vielleicht am ständig gleichen grauvioletten Licht oder daran, dass jeder Tag genug neue Eindrücke brachte, um den vorherigen zu verdrängen. Manchmal lag sie auf ihrer geflochtenen Matte und versuchte sich daran zu erinnern, wie lange sie bereits bei dem Clan lebte, und kam zu keinem Ergebnis. Drei Wochen konnten vergangen sein oder doppelt so viele. Selbst ihr Körper half ihr nicht weiter. Die Wunde an ihrer Schulter heilte langsam, Hunger und Erschöpfung waren zu ständigen Begleitern geworden, und inzwischen verstand sie einige arkanische Wörter, von denen sie nicht mehr wusste, wann sie sie gelernt hatte.
An jenem Morgen saß sie auf einer niedrigen Mauer am Rand der Siedlung und ritzte mit einem Stück Kohle Zeichen auf einen flachen Stein.
Leth.
Nein.
Tal.
Ja.
Avarin.
Danke.
Die ersten beiden Wörter konnte sie inzwischen kaum noch vergessen, weil sie sie häufig genug hörte. Das dritte mochte sie. Es klang weich, fast freundlich, und gehörte zu den wenigen Begriffen, bei denen sie nicht das Gefühl hatte, mit der Zunge gegen einen verschlossenen Käfig zu schlagen.
Sie war gerade dabei, ein viertes Wort daneben zu schreiben, als Erys hinter ihr auftauchte. Er betrachtete die Steinplatte eine Weile, ohne etwas zu sagen, nahm ihr schließlich die Kohle aus den Fingern und fügte neben eines ihrer krummen Zeichen eine Korrektur.
Rhia verzog das Gesicht.
„Fast.“
Erys grinste.
Das Wort hatte er von ihr gelernt und benutzte es inzwischen mit einer Begeisterung, die Rhia zunehmend verdächtig vorkam. Alles war bei ihm fast. Ihre Aussprache war fast gut, ihre Speerhaltung fast richtig, das Essen fast genießbar und Arkan an manchen Tagen vermutlich fast ungefährlich.
Sie nahm ihm die Kohle wieder ab und verbesserte das Zeichen.
Als sie fertig war, hielt Erys ihr den Speer hin, den sie seit einigen Tagen zum Üben benutzte. Offenbar war die Unterrichtsstunde beendet.
Rhia seufzte und stand auf.
Der Weg führte sie hinaus aus der Siedlung und durch einen Teil der Ruinen, den sie bislang kaum kannte. Erys bewegte sich dort mit einer Selbstverständlichkeit, die sie noch immer beneidete. Er wusste, welche Platten unter einem Stiefel nachgaben, welche Spalten man besser umging und an welchen Wänden das violette Moos harmlos war. Rhia dagegen erwischte jede lose Steinplatte, die Arkan für sie bereithielt, und spätestens nachdem sie zum zweiten Mal beinahe über eine halb verschüttete Metallstrebe gefallen war, glaubte sie ein leises Lachen vor sich zu hören.
Erys behauptete natürlich, nicht gelacht zu haben.
Sie glaubte ihm kein Wort.
Die Übungsstelle lag in einem ehemaligen Innenhof, dessen drei noch erhaltene Mauern genügend Schutz vor Wind boten. Dort ließ Erys sie immer wieder dieselben Bewegungen ausführen, bis ihr Arm schmerzte. Stoß, zurück, drehen, Abstand halten. Der Speer fühlte sich in ihren Händen noch immer falsch an. Zu lang, zu leicht und gleichzeitig unbeholfen. Ihr Körper suchte ständig nach dem vertrauten Gewicht eines Schwertes an ihrer Seite.
Nach einer besonders misslungenen Drehung schlug die Speerspitze gegen die Wand.
Erys schloss für einen Augenblick die Augen.
Rhia wusste auch ohne Sprache, was er dachte.
„Fast“, sagte sie gereizt.
Diesmal lachte er tatsächlich.
Das Geräusch verhallte zwischen den Ruinen und endete so abrupt, wie es begonnen hatte.
Erys hob den Kopf.
Auch Rhia hatte es gehört.
Ein Schaben.
Nicht weit entfernt.
Sie drehte sich langsam zu dem schmalen Durchgang, durch den sie gekommen waren. Zunächst blieb alles still. Dann löste sich irgendwo ein Stein und rollte über den Boden.
Erys nahm seinen eigenen Speer fester.
Die Veränderung in seiner Haltung genügte Rhia. Der freundliche, manchmal beinahe alberne Mann war innerhalb eines Atemzuges verschwunden. Vor ihr stand ein Krieger, der diese Ruinen kannte und wusste, wann man aufhören musste, sie zu unterschätzen.
Das nächste Geräusch kam von rechts.
Rhia fuhr herum.
Zwischen zwei eingestürzten Mauersegmenten bewegte sich etwas. Ein langer Körper glitt durch den Staub, verschwand wieder und tauchte weiter vorn auf. Für einen Moment sah sie nur einen mit dunklen Platten bedeckten Rücken und mehrere dünne Beine, dann schob sich ein schmaler Kopf aus dem Geröll.
Das Tier war nicht besonders groß, vielleicht so lang wie Rhias Unterarm. Vermutlich eine der Kreaturen, von denen der Clan lebte.
Erys entspannte sich sichtbar.
Rhia ebenfalls.
Dann brach hinter dem kleinen Tier die Mauer auf.
Ein wesentlich größerer Körper schoss durch die Öffnung.
Rhia hatte kaum Zeit, den Speer hochzureißen, bevor das Wesen den Hof erreichte. Es erinnerte sie unangenehm an jene Kreatur, die sie in den ersten Tagen auf Arkan beinahe getötet hatte: längliche Gliedmaßen, dunkle Panzerplatten und ein Kamm entlang des Halses. Der Kopf war flacher, doch das geöffnete Maul und die darin sichtbaren Zähne ließen keine Zweifel daran, weshalb das kleinere Tier geflohen war.
Erys trat vor Rhia und stieß seinen Speer nach vorn.
Die Spitze traf die Schulter des Tieres und glitt über die Panzerung, ohne tief einzudringen. Der Angriff genügte jedoch, um das Wesen seitlich abzulenken. Es prallte gegen einen Mauerrest, wirbelte herum und sprang erneut.
Diesmal traf es Erys.
Der Aufprall riss ihn von den Füßen.
Rhia sah den Speer über die Steine rutschen und reagierte, bevor sie darüber nachdenken konnte. Sie setzte ihre eigene Waffe tief an, erinnerte sich an die Bewegungen, die Erys ihr seit Tagen einhämmerte, und wartete auf den Augenblick, in dem die Kreatur den Kopf hob.
Der Stoß traf unterhalb des Kiefers.
Der Speer drang nur wenige Fingerbreit ein, doch das Tier zuckte zurück und ließ von Erys ab. Rhia zog die Waffe frei, wich einem Schlag der Vorderklaue aus und spürte dabei sofort den Schmerz in ihrer noch nicht vollständig verheilten Schulter.
Sie verlor beinahe den Griff.
Das Wesen kam erneut.
Rhia dachte an ihr Schwert.
An ihre Ausbildung.
An die unzähligen Stunden, in denen Hadros ihr beigebracht hatte, dass eine Waffe nur dann nützlich war, wenn man aufhörte, gegen sie zu kämpfen.
Also ließ sie den Speer tun, wofür er gedacht war.
Sie hielt Abstand.
Als die Kreatur vorschnellte, wich sie einen Schritt zurück und führte die Spitze mit beiden Händen gegen die Brust. Das Gewicht des Tieres erledigte den Rest. Der Schaft bog sich, Rhia wurde rückwärts geschoben, doch die Spitze drang zwischen zwei Platten.
Ein heiseres Kreischen erfüllte den Hof.
Die Kreatur wand sich, riss den Speer beinahe aus Rhias Händen und brach schließlich seitlich zusammen.
Noch einige Sekunden bewegten sich die Beine.
Dann wurde es still.
Rhia stand da und starrte auf das Tier, während ihr Atem viel zu schnell ging.
Hinter ihr richtete Erys sich langsam auf.
Eine Schramme zog sich über seine Stirn, ansonsten schien ihm nichts zu fehlen. Er betrachtete zuerst die tote Kreatur, danach Rhia und schließlich den Speer in ihren Händen.
Sein Mundwinkel hob sich.
Rhia hob warnend einen Finger.
„Wenn du jetzt fast sagst, schlage ich dich damit.“
Erys verstand vermutlich nicht jedes Wort.
Den Ton verstand er sehr wohl.
Auf dem Rückweg trug er den toten kleineren Beutegreifer, den das Raubtier ursprünglich verfolgt hatte. Rhia trug den Speer und versuchte, nicht zu zeigen, wie stolz sie darauf war, dass ihre Hände diesmal wussten, was sie damit anfangen sollten.
Erst am Abend sah sie Erys wieder.
Er setzte sich neben sie ans schwache Steinfeuer und legte etwas auf ihre Knie.
Es war klein, kaum größer als ihre Hand, und zunächst erkannte sie nicht, was sie vor sich hatte. Mehrere ungleichmäßig geschnittene Blätter waren zwischen zwei dünnen, geglätteten Abdeckungen zusammengebunden. Das Material war rau, an einigen Stellen bereits beschrieben oder verfärbt. Alte Papyrusstücke, sorgfältig gereinigt, zurechtgeschnitten und wiederverwendet.
Rhia strich mit dem Finger darüber.
Erys deutete auf ihre Kohle, anschließend auf das kleine Buch und schließlich auf ihren Kopf.
Diesmal brauchte sie keine Übersetzung.
Sie schlug die erste freie Seite auf.
Das Papier war fleckig und an den Rändern ausgefranst. Es war wahrscheinlich das unscheinbarste Geschenk, das sie je erhalten hatte.
Und plötzlich musste sie schlucken.
Ihre Heimat war fort. Ihr Orden war unerreichbar. Selbst die Länge eines Tages konnte sie auf diesem Planeten kaum bestimmen. Doch die Dinge, die sie erlebte, mussten nicht ebenfalls verschwinden.
Rhia nahm die Kohle.
Auf die erste Seite schrieb sie ihren Namen.
Darunter setzte sie das Wort, das sie inzwischen am sichersten beherrschte.
Avarin.
Erys beugte sich vor, las es und nickte zufrieden.
Diesmal sagte er nicht fast.
Und viele Wochen später, als Rhia die kleinen Striche am Rand jener Seiten zählte und längst nicht mehr wusste, wie viele Tage tatsächlich vergangen waren, erinnerte sie sich noch genau daran, wann dieses Heft begonnen hatte.
Nicht mit einer großen Schlacht.
Nicht mit einem Ritual.
Mit einem Freund, der verstanden hatte, dass ein Mensch manchmal etwas braucht, in dem die eigene Welt weiterleben kann.

