PORTALBEREICHLagergold · Bonus
DE·EN

BONUS

Hitzefrei gibt’s hier nicht

Bonusstory

Der Sommer hatte das Verwaltungsgebäude seit Tagen fest im Griff, aber an diesem Morgen war die Klimaanlage endgültig ausgestiegen. Um halb zehn zeigte das Thermometer in Jennifers Büro bereits zweiunddreißig Grad, draußen waren es noch mehr, und durch die geöffneten Fenster kam weder Luft noch irgendeine Form von Erleichterung. Stattdessen zog der Geruch von warmem Asphalt, Karton und Lagerhof herein, während irgendwo unten ein Stapler hupte, als hätte wenigstens der noch Energie.

Jennifer hatte ihre Haare hochgebunden, die Ärmel ihrer Bluse bis zu den Ellenbogen geschoben und saß vor einer Tabelle, die sie inzwischen dreimal gelesen hatte, ohne dass die Zahlen dadurch sinnvoller wurden. Drei Paletten aus einer Lieferung passten nicht zu den QS-Daten. Eine war im System doppelt freigegeben, eine hatte gar keinen Abschlussvermerk und die dritte war laut Bestand gleichzeitig im Hochregal und im Prüfbereich. Ein physikalisches Kunststück, auf das selbst JJ keine besonders hilfreiche Antwort hatte.

„Die Datensätze widersprechen sich“, sagte die KI nüchtern. „Entweder wurde falsch gebucht oder eine Freigabe nachträglich überschrieben.“

Jennifer wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Oder das Lager hat inzwischen gelernt, sich selbst zu vermehren. Bei der Hitze würde mich auch das nicht mehr wundern.“

In diesem Moment erschien Barbara in der Tür. Enge schwarze Jeans, schwarzes Shirt, Pferdeschwanz, die üblichen schwarzen Fingernägel und ein Gesichtsausdruck, der trotz der Hitze aussah, als hätte sie gerade erst angefangen, Spaß zu haben. Auch sie schwitzte sichtbar, allerdings auf eine Art, die sie eher interessanter als erschöpft wirken ließ, was Jennifer grundsätzlich ungerecht fand.

Barbara lehnte sich an den Türrahmen und musterte sie langsam von oben bis unten.

„Oh Jennifer, du bist so heiß, das hält doch kein Mann ohne sichtbare Beule aus neben dir.“

Jennifer sah nicht einmal sofort hoch. Sie schloss lediglich für einen Moment die Augen und legte den Stift auf den Tisch.

„Barbara, es sind zweiunddreißig Grad in diesem Büro.“

„Ich rede nicht vom Wetter.“

„Natürlich nicht.“

Barbara grinste breit und kam herein. „Du wirst rot.“

„Ich schwitze.“

„An den Ohren?“

Jennifer sah sie jetzt doch an. „Willst du mir helfen oder möchtest du meinen Kreislauf endgültig ruinieren?“

„Beides wäre möglich.“

Bevor Jennifer antworten konnte, klingelte das Telefon. Herr TT.

Sie nahm ab und hörte bereits an seinem ersten Atemzug, dass er Ergebnisse wollte.

„Jennifer, wo stehen wir mit der Lieferung? Ich brauche bis Mittag eine klare Aussage. Der Kunde wartet, der Einkauf wartet und Controlling fragt schon wieder, warum drei Paletten unterschiedliche Status haben.“

Jennifer warf einen Blick auf Barbara, die inzwischen frech ihren Ventilator vom Regal genommen und direkt vor sich gestellt hatte.

„Wir prüfen es gerade.“

„Was heißt gerade?“

„Dass ich mich damit beschäftige, während Sie mich fragen, warum ich mich noch damit beschäftige.“

Am anderen Ende war kurz Stille.

„Bis zwölf, bitte.“

„Ich liebe realistische Ziele.“

Sie legte auf.

Barbara hob eine Augenbraue. „Du bist heute wieder sehr charmant.“

„Ich bin kurz davor, jemanden durch ein Fenster zu werfen.“

„Dann fang nicht mit mir an. Ich bin schwerer, als ich aussehe.“

„Das glaube ich dir sofort.“

Gemeinsam gingen sie runter in den Prüfbereich, wo die Luft kaum besser war. Die Halle war zwar größer, aber die Hitze hing zwischen den Regalen wie eine unsichtbare Decke. Folie klebte an Kartons, Etiketten lösten sich an den Ecken, und irgendwo hatte jemand einen Ventilator auf einen Stapel Paletten gestellt, der ausschließlich warme Luft von links nach rechts bewegte.

Barbara hatte die QS-Liste auf ihrem Tablet und ging die Positionen durch, während Jennifer die Paletten kontrollierte. Zwei davon waren schnell gefunden. Die dritte fehlte.

Zumindest glaubten sie das zunächst.

„Nummer 88431“, sagte Barbara. „Laut System Prüfzone drei.“

Jennifer sah sich um. „Hier steht keine 88431.“

„Da hinten steht eine ohne lesbares Etikett.“

Sie gingen hin. Die Folie war teilweise geschmolzen und hatte das Papieretikett so an die Verpackung gedrückt, dass nur noch die letzten beiden Ziffern zu erkennen waren.

Barbara beugte sich näher heran, strich mit einem Fingernagel vorsichtig über die Ecke und zog das Etikett ab.

Darunter klebte ein zweites.

Jennifer sah sie an.

Barbara sah zurück.

„Na bitte“, sagte sie. „Zwei Etiketten.“

Jennifer nahm das obere Blatt und verglich die Nummern. Das erste gehörte zu einer Palette, die gestern bereits freigegeben worden war. Das zweite war genau die gesuchte 88431.

„Da ist unser Wunder.“

Barbara grinste. „Also keine sich selbst vermehrenden Fliesen.“

„Schade eigentlich. Wäre wirtschaftlich interessant.“

Sie prüften den Inhalt, fanden die Ware vollständig und stimmig und konnten schließlich rekonstruieren, was passiert war: Beim Umetikettieren hatte jemand das alte Label nicht entfernt, sondern das neue einfach darübergeklebt. Durch die Hitze hatte sich der obere Aufkleber teilweise gelöst und war am Scanner offenbar zweimal erfasst worden. Ein Fehler, so banal, dass Jennifer am liebsten jemanden damit erschlagen hätte.

„Wer hat umetikettiert?“, fragte sie.

Barbara scrollte durch die Historie.

Dann begann sie zu lachen.

Jennifer kannte dieses Lachen inzwischen und wusste, dass gleich etwas kam, das ihr nicht gefallen würde.

„EM.“

Jennifer sah langsam zur Hallendecke.

„Natürlich.“

„Soll ich ihn holen?“

„Nein. Wenn ich ihn jetzt sehe, benutze ich ihn als Sonnenschirm.“

Barbara lachte noch mehr und wischte sich eine kleine Schweißperle von der Stirn. „Du bist wirklich süß, wenn du kurz vorm Mord bist.“

Jennifer nahm ihr das Tablet aus der Hand und tippte die Korrektur ein. „Und du bist erstaunlich gut gelaunt für jemanden, der gerade in einer Halle bei vierunddreißig Grad steht.“

Barbara trat einen halben Schritt näher. „Ich hab ja Unterhaltung.“

Jennifer bemerkte den Blick.

„Barbara.“

„Was?“

„Lass es.“

„Ich hab gar nichts gemacht.“

„Du machst schon mit dem Gesicht genug.“

Barbara grinste wieder, und Jennifer musste trotz sich selbst lachen.

Wenig später klingelte ihr Handy erneut. Herr TT wollte wissen, ob es endlich Ergebnisse gab.

Jennifer stellte sich in den Schatten eines Regals und antwortete: „Ja. Die Palette war die ganze Zeit da. Falsch etikettiert, doppelt gescannt, QS-Daten korrigiert. Kunde kann beliefert werden.“

Am anderen Ende hörte man deutlich die Erleichterung.

„Sehr gut. Wusste ich doch, dass Sie das klären.“

Jennifer sah Barbara an, die daneben stand und lautlos „Natürlich“ formte.

„Sicher“, sagte Jennifer trocken. „Sie wussten es die ganze Zeit.“

Nachdem sie aufgelegt hatte, gingen sie zurück Richtung Verwaltung. Barbara fächelte sich mit einem Ausdruck Luft zu, Jennifer hatte die Bluse inzwischen am Rücken kleben und beide hatten keine Lust mehr auf irgendetwas, das mit Arbeit zu tun hatte.

Kurz vor der Treppe blieb Barbara stehen und sah Jennifer erneut an.

„Weißt du, was das Schlimmste an diesem Tag ist?“

„Dass wir noch sechs Stunden haben?“

„Nein. Dass du bei der Hitze wirklich verdammt gut aussiehst.“

Jennifer schüttelte den Kopf und ging weiter.

„Barbara, irgendwann trittst du an die Falsche.“

„Solange du es bist, bin ich entspannt.“

Jennifer blieb eine Sekunde stehen, drehte sich halb um und sah sie an.

„Komm jetzt. Bevor ich dir noch zeige, wie entspannt du mit einem Schuhabdruck auf dem Hintern aussiehst.“

Barbara grinste nur und folgte ihr.

Und irgendwo oben im Büro wartete bereits die nächste Mail von Herr TT.

Hitzefrei gab es schließlich nur in Schulen. Im Lager gab es lediglich andere Gründe, warum einem warm wurde.

Hitzefrei gibt’s hier nicht

LAGERGOLD

Wohin möchtest du?

Hilfe im 7th Realm

Der 7th Realm verbindet Bücher, Projektwelten und interaktive Bereiche. Du kannst jederzeit weiterstöbern, ohne deine aktuelle Seite zu verlassen.

ProjektweltenBücher, Bonusgeschichten, Galerien, Videos, Karten und Games gehören direkt zu ihren Welten.
NavigationDie Rahmen und Menüs führen dich durch den Nexus und wieder zurück.
Interaktive ElementeManche Figuren, Gegenstände und Fundorte reagieren auf Klick oder Antippen.
Mein 7RMit einem Konto bleiben Entdeckungen, Erfolge, Nachrichten und Spielfortschritte erhalten.
Kontakt