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Die Farbe der Schuld

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Die Farbe der Schuld

Eine Geschichte aus Lethane

Der Regen hatte aufgehört, aber die Grube war noch immer nass. Von den schiefen Dächern tropfte Wasser in die Gassen, sammelte sich in ausgefahrenen Rinnen und trug den Ruß der letzten Tage als schwarze Schlieren davon. Zwischen den Häusern hing der schwere Geruch von Kohle, ranzigem Fett und den schwefligen Ausdünstungen der Dampfrohre. Celesta zog ihren Mantel enger um die Schultern und verlagerte den Korb mit den Pigmentgläsern auf die andere Hüfte. Es war spät geworden, später, als sie beabsichtigt hatte, und ihre Füße schmerzten von einem Tag, der ihr weniger Oboli eingebracht hatte, als sie sich erhofft hatte.

An der Ecke zur alten Gerbergasse blieb sie stehen.

Über dem Türsturz eines schmalen Wohnhauses befand sich ein blauer Fleck. Er war kaum größer als eine Kinderhand und so geschickt zwischen den Rissen des Mauerwerks platziert, dass jemand, der nicht darauf achtete, ihn für eine gewöhnliche Verfärbung gehalten hätte. Celesta erkannte das Pigment trotzdem sofort. Sie hatte es selbst angerührt, aus gemahlenem Kupfersalz, dunklem Harz und einer winzigen Menge Sigilla-Staub. Eine kostspielige Mischung, die im Tageslicht nahezu unsichtbar blieb und erst unter dem Schein einer bestimmten Laterne ihre eigentliche Farbe offenbarte.

Vor drei Tagen hatte sie sechs kleine Gläser davon verkauft. Der Käufer war ein schweigsamer Mann gewesen, dessen Stiefel für die Grube entschieden zu sauber ausgesehen hatten. Er hatte behauptet, die Farbe werde zur Kennzeichnung beschädigter Dampfleitungen benötigt, und Celesta hatte ihm nicht geglaubt. Allerdings hatte er bezahlt, ohne zu feilschen, und sie hatte es vorgezogen, keine Fragen zu stellen.

Jetzt wusste sie, wofür er das Pigment gebraucht hatte.

Sie betrachtete die Tür, hinter der ein schwacher Lichtschein durch die Ritzen der Fensterläden drang. Ein paar Schritte weiter lag ein zerbrochenes Spielzeug im Schmutz, ein kleines Holzpferd mit nur noch drei Beinen. Jemand hatte versucht, das fehlende vierte durch einen zurechtgeschnitzten Nagel zu ersetzen.

Celesta kannte das Haus. Eine Frau namens Meren wohnte dort mit ihren drei Kindern, seit ihr Mann bei einem Kesselbruch ums Leben gekommen war. Früher hatte Meren Stoffe gefärbt und kleine Stickereien auf dem Tauschplatz verkauft. Inzwischen begegnete man ihr nur noch selten. Die Erinnerungssteuer hatte ihr nach und nach alles genommen, was sich zu einem halbwegs wertvollen Obolus prägen ließ.

Celesta wollte weitergehen, als sie hinter dem Fenster eine Kinderstimme hörte.

„Und dann, Mama? Was hat der Vogel gemacht?“

Sie blieb stehen.

„Welcher Vogel, mein Schatz?“

„Der aus der Geschichte. Der mit den goldenen Federn.“

Eine Weile herrschte Stille. Dann antwortete die Frau mit einer Unsicherheit, die Celesta unangenehm vertraut vorkam. „Ach ja, natürlich. Der Vogel. Er hat bestimmt etwas Schönes gemacht.“

„Nein, Mama. Du musst erzählen, wie er den Himmel gefunden hat. Gestern wusstest du es noch.“

Celesta trat näher an das Fenster. Durch einen Spalt im Holz erkannte sie den dürftig beleuchteten Raum, in dessen Mitte eine Frau auf einem niedrigen Schemel saß. Drei Kinder hatten sich um sie versammelt. Das älteste Mädchen hielt eine Näharbeit auf dem Schoß, während ein Junge neben dem Ofen hockte. Der Jüngste, vielleicht sechs Jahre alt, saß zu Füßen seiner Mutter und betrachtete sie voller Erwartung.

Meren strich ihm über die Haare. Ihre Hand zitterte.

„Es tut mir leid. Vielleicht erzählst du sie heute für mich?“

Der Kleine schüttelte den Kopf. „Aber du hast sie dir ausgedacht.“

Celesta wandte sich ab.

Sie hatte genug solcher Familien gesehen, um zu wissen, was hinter dieser Tür geschah. Zuerst verschwanden die kleinen Dinge, Namen von Nachbarn, der Geschmack einer bestimmten Speise oder die Erinnerung an einen längst vergangenen Sommertag. Später folgten die Gesichter, die Stimmen und schließlich jene unsichtbaren Verbindungen, aus denen ein Mensch sein Leben zusammensetzte. Wer lange genug bezahlte, saß irgendwann zwischen seinen Angehörigen und verstand nicht mehr, weshalb die Fremden um ihn herum weinten.

Das blaue Zeichen bedeutete, dass die Familie für eine außerordentliche Extraktion vorgesehen war.

Celesta wusste nicht, wann die Steuereintreiber kommen würden. Vielleicht am nächsten Morgen, vielleicht erst in einigen Tagen. Doch die Farbe war frisch, und die Männer des Mnemonicums verschwendeten selten Zeit, wenn sie glaubten, noch etwas Wertvolles holen zu können.

Sie ging weiter, bis sie den nächsten Hauseingang erreichte, und blieb dort so lange stehen, dass die Kälte langsam durch ihre Stiefel drang.

Schließlich drehte sie um.

Als sie an Merens Tür klopfte, dauerte es beinahe eine Minute, bis sich drinnen etwas regte. Ein Riegel wurde zurückgeschoben, und die Frau öffnete einen schmalen Spalt.

„Ich habe nichts mehr zu verkaufen“, sagte sie müde.

„Ich will nichts kaufen. Wir müssen reden.“

Meren erkannte sie erst, als Celesta die Kapuze zurückschlug. Ein schwaches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Die Farbenfrau. Komm herein, wenn du möchtest. Es ist nicht viel Platz, aber der Ofen ist noch warm.“

Celesta betrat den Raum und wartete, bis die Kinder wieder bei ihrem Spielzeug saßen. Dann erklärte sie Meren, was das Zeichen über ihrer Tür bedeutete.

Die Frau hörte schweigend zu. Sie schien die Worte zu begreifen, doch ihre Augen blieben eigentümlich ruhig, als müsse sie erst nach der passenden Erinnerung suchen, um Angst empfinden zu können.

„Sie waren schon einmal hier“, sagte sie schließlich. „Vor zwei Wochen. Ich habe ihnen alles gegeben, was sie wollten.“

„Offenbar war es nicht genug.“

Meren blickte zu ihren Kindern. Der Jüngste war eingeschlafen, den Kopf gegen die Schulter seiner Schwester gelehnt.

„Ich kann ihnen nichts mehr geben.“

Celesta presste die Lippen zusammen. „Das werden sie anders sehen. Du musst mit den Kindern verschwinden, bevor die nächste Patrouille kommt.“

„Wohin denn?“ Meren breitete hilflos die Hände aus. „Ich kenne niemanden außerhalb dieses Viertels. Und ich habe kein Geld.“

Celesta dachte an die schmalen Wartungsgänge unter den Gerbereien, durch die sie gelegentlich Schmuggelware transportierte. Einer davon führte zu einem verlassenen Pumpenhaus nahe der unteren Kluft. Dort gab es einen trockenen Keller, den seit Jahren niemand mehr benutzte.

„Ich kenne einen Ort“, sagte sie. „Ihr könnt dort ein paar Tage bleiben. Danach sehen wir weiter.“

Meren betrachtete sie lange. „Warum tust du das?“

Celesta senkte den Blick auf ihre Hände. In den feinen Hautrissen um ihre Fingernägel saßen Reste blauer Farbe.

„Weil ich manchmal schlechte Geschäfte mache.“

Sie half den Kindern beim Packen. Viel gab es nicht mitzunehmen, ein paar Kleidungsstücke, ein Stück Brot und zwei Decken, die nach feuchter Wolle rochen. Der ältere Junge wollte das beschädigte Holzpferd zurücklassen, doch seine kleine Schwester bestand darauf, es einzustecken. Währenddessen hatte Meren begonnen, den Raum aufzuräumen, als wolle sie dafür sorgen, dass die Steuereintreiber wenigstens eine ordentliche Wohnung vorfanden.

Celesta nahm ihr behutsam den Besen aus der Hand.

„Dafür ist keine Zeit mehr.“

Wenig später führte sie die Familie durch den Hinterhof zu einem schmalen Durchgang, den ein verrostetes Gitter versperrte. Sie kannte den Mechanismus und löste den Verschluss mit einem kräftigen Ruck. Dahinter führte eine Treppe in die Dunkelheit hinab.

Meren blieb an der ersten Stufe stehen.

„Ich habe Angst“, flüsterte sie.

Celesta sah sie an. „Gut. Dann hast du wenigstens das noch nicht vergessen.“

Es sollte ein Scherz sein, doch keiner von ihnen lächelte.

Sie zeigte dem ältesten Mädchen den Weg, erklärte ihr die drei Abzweigungen und beschrieb den Keller unter dem alten Pumpenhaus so genau, wie es ihr möglich war. Dann drückte sie ihr zwei R1-Oboli in die Hand.

„Heb sie auf. Und wenn jemand fragt, wer euch geschickt hat, kennt ihr meinen Namen nicht.“

Das Mädchen nickte ernst. Bevor es die Treppe hinunterstieg, umarmte es Celesta so unvermittelt, dass diese für einen Augenblick vollkommen reglos dastand.

Meren folgte ihren Kindern. Den Jüngsten trug sie auf dem Arm, obwohl er längst zu schwer dafür war. Kurz vor der ersten Biegung blieb sie stehen und blickte zurück.

„Wie heißt du eigentlich?“

Celesta wollte antworten, doch da fragte der kleine Junge verschlafen: „Mama, wer ist die Frau?“

Meren betrachtete sie, als müsse sie in ihrem Gedächtnis nach einem Gegenstand suchen, den jemand an die falsche Stelle gelegt hatte.

„Das weiß ich nicht, mein Schatz.“

Celesta sah ihnen nach, bis ihre Schritte verklungen waren.

Dann kehrte sie zur Vorderseite des Hauses zurück.

Die Gasse lag still. Nur hinter den Mauern arbeitete irgendwo eine alte Dampfmaschine, deren Kolben bei jedem Hub ein tiefes Stöhnen ausstieß. Celesta stellte ihren Korb auf die nassen Steine, zog ein kleines Glas hervor und entfernte vorsichtig den Korken. Darin befand sich eine dickflüssige, beißend riechende Mischung, mit der sie misslungene Pigmentansätze von Stein und Metall löste.

Sie tränkte einen Lappen damit und begann, den blauen Fleck über dem Türsturz abzureiben.

Die Farbe widersetzte sich. Das Harz hatte sich bereits tief mit den Poren des Mauerwerks verbunden, und Celesta musste kräftiger drücken, bis ihre Finger schmerzten. Ein stechendes Brennen kroch über die Knöchel ihrer rechten Hand. Sie arbeitete weiter, bis das Blau allmählich verblasste und nur noch eine dunkle, feuchte Stelle zurückblieb.

Aus der Ferne drangen Stimmen.

Celesta erstarrte. Am Ende der Gasse erschien der grünliche Schein einer Sigilla-Laterne, gefolgt vom metallischen Klirren schwerer Stiefel. Zwei Steuereintreiber kamen näher, ihre langen Mäntel vom Regen dunkel verfärbt.

Sie hatte keine Zeit mehr, ihre Sachen ordentlich einzupacken. Hastig schob sie das Glas unter einen Haufen Abfall, hängte den Korb über den Arm und ging den Männern entgegen, als wäre sie eine Händlerin auf dem Heimweg.

Einer der Soldaten musterte sie flüchtig.

„Noch unterwegs?“

„Die Leute in der Grube werden auch nachts nicht plötzlich reich“, antwortete Celesta. „Irgendwann muss ich meine Ware schließlich verkaufen.“

Der Mann schnaubte und ließ sie passieren.

Celesta ging weiter, ohne sich umzudrehen. Erst an der nächsten Hausecke hielt sie an und lauschte.

Die beiden Männer blieben vor Merens Haus stehen. Sie hörte das leise Summen der Laterne, als deren Licht über das Mauerwerk strich.

„Hier müsste eines sein“, sagte der erste Soldat.

„Ich sehe nichts.“

Ein ärgerliches Scharren folgte. Dann klopfte jemand gegen die Tür.

Niemand antwortete.

„Wieder so ein fehlerhafter Eintrag“, brummte der zweite. „Los, wir haben noch vier Straßen.“

Ihre Schritte entfernten sich.

Celesta lehnte sich gegen die kalte Hauswand. Sie schloss die Augen und wartete, bis ihr Herz wieder ruhiger schlug. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr die Hände so heftig zitterten, dass die Gläser in ihrem Korb gegeneinanderklirrten.

Aus einer benachbarten Gasse drang plötzlich ein Schrei, gefolgt von dem Weinen eines Kindes. Celesta öffnete die Augen und lauschte, doch der Lärm verebbte, bevor sie erkennen konnte, woher er gekommen war.

Sie wusste, dass noch fünf Gläser ihres blauen Pigments irgendwo in Lethane aufgebraucht wurden.

Als sie ihre Kammer erreichte, begann der Himmel über den Dächern heller zu werden. Sie stellte den Korb ab, entzündete eine kleine Lampe und goss etwas Wasser in die Waschschüssel. Dann begann sie, sich die Hände zu reinigen.

Das Wasser färbte sich blau.

Sie schüttete es fort, holte frisches und versuchte es erneut. Doch so oft sie auch rieb, in den feinen Rissen ihrer Haut blieb die Farbe zurück. Der scharfe Geruch des Lösungsmittels hing noch immer an ihren Fingern.

Schließlich gab sie auf.

Sie setzte sich an den Tisch und betrachtete die beiden leeren Stellen in ihrem Münzbeutel. Zwei R1-Oboli, ein erheblicher Verlust für jemanden, der ohnehin selten genug verdiente. Das Geschäft mit dem blauen Pigment hatte sich damit kaum noch gelohnt.

Celesta dachte an Merens jüngsten Sohn und an den Vogel mit den goldenen Federn, dessen Geschichte seine Mutter nicht mehr zu Ende erzählen konnte.

Sie fragte sich, ob der Junge die Geschichte eines Tages vergessen würde, wenn niemand mehr da war, der sie ihm erzählte.

Lange saß sie reglos am Tisch, bis die Lampe zu flackern begann und das erste fahle Morgenlicht durch die Fensterläden fiel.

Dann zog sie die Schublade unter ihrer Arbeitsplatte auf, nahm die verbliebenen Pigmentgläser heraus und betrachtete die verschiedenen Farben, die darin schimmerten.

Zwischen Ocker, Rußschwarz und einem kostbaren Rest Purpur stand ein kleines, ungeöffnetes Glas mit blauem Pigment.

Celesta nahm es in die Hand.

Sie wusste, wie viel sie dafür verlangen konnte. Sie wusste auch, dass schon morgen jemand kommen würde, der bereit war, diesen Preis zu bezahlen.

Behutsam stellte sie das Glas zurück.

Danach verschloss sie die Schublade und schob den Schlüssel tief in ihre Manteltasche.

Zum ersten Mal in ihrem Leben gab es eine Farbe, die sie nie wieder verkaufen wollte.

Die Farbe der Schuld

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