Es gibt Menschen, die behaupten, ein Morgen beginne mit dem ersten Licht.
Diese Menschen haben keinen Alyri.
Mein Morgen begann meistens mit Gewicht. Nicht viel davon, Soré war schließlich klein, aber er verstand es erstaunlich gut, seine Pfoten genau dort abzustellen, wo ein Mensch sie im Schlaf am wenigsten gebrauchen konnte. Auf meinem Schlüsselbein. Auf meinem Hals. Einmal direkt auf meinem geschlossenen Auge.
An jenem Morgen entschied er sich für meine Nase.
Ich lag noch halb unter der Decke, irgendwo zwischen Traum und Wachsein, als etwas Flauschiges über mein Gesicht stapfte. Als ich ein Auge öffnete, sah ich zwei riesige bernsteinfarbene Augen über mir. Soré saß auf meiner Brust und betrachtete mich mit jener vollkommenen Unschuld, die er immer dann aufsetzte, wenn er ganz genau wusste, dass er etwas Verbotenes tat.
„Ich schlafe“, murmelte ich.
Seine Ohren zuckten. „Das war keine Einladung.“
Soré neigte den Kopf und trat mir noch einmal auf die Nase.
Ich griff nach ihm. Natürlich war er schneller.
Er sprang zurück, ich fuhr hoch und schlug mit der Stirn gegen das niedrige Holzbrett über meinem Lager. Dort hingen Kräuterbüschel, die meine Mutter zum Trocknen aufgehängt hatte. Waldthymian rieselte auf mich herab, während ich mich wieder ins Kissen fallen ließ und versuchte, nicht laut genug zu fluchen, dass man es drei Häuser weiter hörte.
Soré saß inzwischen auf der Truhe am Fenster.
Ganz ruhig. Ganz brav.
Sein langer Schweif lag um seine Pfoten, das helle Fell glitzerte im Morgenlicht, und wenn man ihn so sah, hätte man glauben können, er sei das friedlichste Wesen Enyrias.
Ich wusste es besser.
„Eines Tages“, sagte ich und rieb mir die Stirn, „werde ich herausfinden, warum ich dich eigentlich mag.“
Er blinzelte langsam. Das war vermutlich seine Antwort.
Durch die geöffneten Fensterläden fiel inzwischen warmes Licht in mein kleines Zimmer. Es glitt über den geflochtenen Teppich am Fußende meines Lagers, über den Wasserkrug auf dem Waschtisch und über die alten Holzwände, deren Unebenheiten ich seit meiner Kindheit kannte. Von draußen drangen das Murmeln des Baches, Stimmen von den Stegen und irgendwo der Duft nach frischem Brot herein.
Soré sprang vom Fenster auf den Boden und setzte sich vor die Tür.
Dann sah er mich an.
Zur Tür.
Wieder zu mir.
Ich seufzte.
„Du wolltest überhaupt nicht, dass ich aufstehe.“
Sein Schweif zuckte.
Jetzt verstand ich.
„Du willst Frühstück.“
Soré erhob sich sofort.
Natürlich.
Ich blieb noch einen Moment sitzen und sah ihm nach, wie er bereits erwartungsvoll an der Tür wartete. Dann musste ich lachen.
Vielleicht begann ein Morgen tatsächlich mit dem ersten Licht.
Bei mir hatte dieses Licht nur bernsteinfarbene Augen, viel zu große Ohren und keinerlei Respekt vor meiner Nase.

