In Vheryndal gibt es Wege, die auf keiner gewöhnlichen Karte mehr verzeichnet sind. Manche wurden vom Moor verschluckt, andere liegen unter schwarzem Wasser, und wieder andere erkennt man nur an alten Grenzsteinen oder Bannmalen, die zwischen Schilf und knorrigen Wurzeln hervorragen.
Nyro sagt, dass viele dieser Pfade früher einmal ganz gewöhnliche Verbindungen gewesen seien. Menschen gingen dort von Siedlung zu Siedlung, Wächter kontrollierten die Grenzen, Händler kannten die sicheren Übergänge. Dann veränderte sich das Moor, Wasser stieg, Wege brachen weg, und einige Orte wurden bewusst aufgegeben. Vheryndal vergisst solche Dinge allerdings nicht einfach. Was einmal wichtig war, hinterlässt Spuren.
Genau deshalb sollte man dort niemals einem alten Zeichen folgen, nur weil es wie eine Wegmarkierung aussieht.
Manche Steine zeigen tatsächlich einen sicheren Übergang. Andere erinnern daran, dass ein Weg geschlossen wurde. Bannmale können vor tiefem Wasser, gefährlichem Boden oder einer alten Störung warnen, deren Ursprung längst niemand mehr genau erklären kann. Wer die Zeichen nicht lesen kann, sieht zwischen ihnen kaum einen Unterschied.
Ich habe Nyro einmal gefragt, woran er erkennt, welcher Pfad noch begehbar ist.
Er antwortete, das Moor sage es einem.
Das war natürlich eine ausgesprochen hilfreiche Erklärung.
Später verstand ich zumindest ein wenig, was er meinte. Das Wasser bewegt sich anders über festem Grund. Pflanzen wachsen an alten Übergängen in anderen Mustern, und selbst Nebel kann verraten, wo sich unter der Oberfläche noch Steinplatten oder erhöhte Wege befinden. Nyro nimmt solche Veränderungen wahr, lange bevor ich überhaupt bemerke, dass es etwas zu beobachten gibt.
Trotzdem gibt es Pfade, bei denen selbst er stehen bleibt.
Dann schaut er eine Weile in den Nebel, prüft einen Stein oder ein verblasstes Zeichen und entscheidet irgendwann, dass wir einen anderen Weg nehmen.
Früher hätte ich nach dem Grund gefragt.
Inzwischen weiß ich, dass Vheryndal voller Grenzen ist, die nicht aus Angst gezogen wurden. Manche erinnern daran, was einmal geschehen ist und warum bestimmte Orte besser unberührt bleiben.
Vielleicht sind die versunkenen Pfade deshalb mehr als alte Straßen.
Sie sind Erinnerungen im Gelände.
Und manchmal ist der klügste Weg derjenige, den man nicht weitergeht.

