Vulkaris hatte gegen Hexen gekämpft, die Feuer aus dem Regen zogen, gegen Maschinen, deren Geschosse seine Schuppen durchschlagen konnten, und gegen Männer, die glaubten, einen Drachen mit ausreichend schweren Ketten zur Vernunft bringen zu können. In seinem langen Leben war ihm vieles begegnet, das ihn verwundet, wütend gemacht oder beinahe getötet hatte. Doch nichts davon hatte ihn auf die Schwierigkeiten vorbereitet, die entstanden, wenn drei junge Drachen gleichzeitig schlafen sollten.
Ellie begriff das, sobald sie Emberhollow betrat.
Eigentlich hatte sie sich auf einen friedlichen Besuch gefreut. Zarah hatte einen Korb mit Vorräten zusammengestellt, Sera war während des Fluges ungewöhnlich still gewesen, und sogar das Wetter hatte mitgespielt. Erst als die Serazali durch die vorbereitete Hexenschwelle in die gewaltige Meereshöhle glitt, bemerkte Ellie, dass etwas nicht stimmte. Aus der Burgruine drang ein lang gezogenes, unzufriedenes Fauchen, auf das unmittelbar ein metallisches Scheppern folgte. Dann bebte der Fels unter einem Grollen, das so tief war, dass die Anzeigen des Floaters kurz zitterten.
„Klingt nach einem gemütlichen Familienabend“, bemerkte Zarah und drosselte die Manövrierdüsen.
Ellie sah zu Sera hinauf, der auf seiner Halterung über dem Armaturenbrett saß. Seine kleinen Flügel waren eng angelegt, während die blauen Linien an seinem Hals in langsamen Abständen aufleuchteten.
Vulkaris ist gereizt, teilte er ihr mit.
„Darauf wäre ich jetzt überhaupt nicht gekommen.“
Seine Herzfrequenz liegt deutlich über dem Ruhewert.
„Sera, wenn du gleich noch seinen Blutdruck misst, fliegen wir besser wieder.“
Als sie wenig später die Rampe hinuntergingen, fanden sie Vulkaris inmitten der alten Burgruine. Der gewaltige Drache hatte sich quer vor den Eingang einer trockenen Halle gelegt, sodass seine rostrote Flanke beinahe den gesamten Durchgang versperrte. Vor ihm stand Sareth, der kräftigste der drei Jungen, mit ausgebreiteten Flügeln und hochgerecktem Kopf. Varyn hatte sich auf einen halb eingestürzten Mauervorsprung zurückgezogen, von dem aus er seinen Vater mit sichtlichem Misstrauen beobachtete. Mirae hingegen kauerte zwischen zwei Steinblöcken und hatte die Schnauze unter einen ihrer rötlich durchscheinenden Flügel geschoben.
„Was ist denn hier passiert?“, fragte Ellie.
Vulkaris hob langsam den Kopf. Sein gesundes Auge betrachtete sie, und ein warmer Luftzug strich aus seinen Nüstern über den Hof. Sera antwortete auf das tiefe Grollen mit einer Folge kurzer Laute, die Ellie eher in ihrem Brustkorb spürte, als dass sie sie hörte.
Er hat versucht, die Jungen in die Schlafhalle zu bringen, erklärte Sera nach einem Moment.
Ellie blickte auf die Ruine. „Und?“
Sie weigern sich.
„Alle drei?“
Seit drei Nächten.
Zarah verschränkte die Arme und betrachtete den riesigen Drachen, dessen Klaue eine tiefe Furche in den Steinboden gezogen hatte. „Drei Nächte? Und er hat nicht einmal jemanden um Hilfe gebeten?“
Vulkaris ließ ein unwilliges Grollen hören.
Sera neigte den Kopf.
Er sagt, dass er keine Hilfe benötigt.
Im selben Augenblick sprang Varyn von seinem Mauervorsprung, landete unmittelbar vor Sareth und versuchte, seinem Bruder eine kleine, blank polierte Metallplatte abzunehmen. Sareth wich zurück, trat auf eine lose Steinplatte und stieß gegen einen alten Wasserkessel, der mit ohrenbetäubendem Lärm über den Boden rollte.
Mirae zuckte so heftig zusammen, dass ihre Flügel gegen die Mauer schlugen.
Vulkaris schloss sein gesundes Auge.
Ellie presste die Lippen aufeinander. Es kostete sie erhebliche Mühe, nicht zu lachen.
„Natürlich“, sagte sie schließlich. „Sieht aus, als hättest du alles wunderbar im Griff.“
Eine halbe Stunde später wussten sie zumindest, woran es lag.
Vulkaris hatte seinen Kindern eine erstaunlich weiche Lagerstätte aus trockenem Moos, Decken und aufgeschichtetem Pflanzenmaterial bereitet. Die Halle war groß genug für alle vier Drachen, und der Boden blieb selbst bei stärkerem Regen trocken. Dennoch erinnerte Ellie der Raum an etwas, das sie nur zu gut kannte. Die Mauern standen eng beieinander, die alten Eisenbeschläge an den Türen warfen dunkle Schatten, und sobald draußen das Licht nachließ, versank der hintere Teil der Halle in nahezu vollständiger Finsternis.
Sareth hatte in Greywake gelernt, seine Geschwister zu beschützen. Varyn hatte gelernt, dass geschlossene Räume Gefahr bedeuteten. Und Mirae, deren empfindliche Sinne jede Erschütterung der Höhle wahrnahmen, fürchtete sich vor der Dunkelheit, weil sie darin nicht erkennen konnte, woher die Geräusche kamen.
Vulkaris hatte seinen Kindern einen sicheren Schlafplatz gebaut. Aber für die drei sah dieser sichere Ort einem Käfig zu ähnlich.
Ellie ging zurück auf den Hof, wo der große Drache regungslos auf sie wartete.
„Du hast dir wirklich Mühe gegeben“, begann sie vorsichtig. „Aber ich glaube, sie haben gar keine Angst vor dem Schlafen.“
Sera übermittelte ihre Worte, und Vulkaris senkte den gewaltigen Kopf.
„Sie haben Angst davor, wieder eingesperrt zu werden.“
Das Grollen, mit dem Vulkaris antwortete, war so leise, dass Ellie es kaum hörte. Sein Blick wanderte zum Eingang der Schlafhalle. Er betrachtete die Decken, das Moos und die sorgsam freigeräumte Fläche, als sähe er sie zum ersten Mal.
„Wenn ich Varyn wäre, würde ich wahrscheinlich auch keinen Raum mehr betreten, bei dem ich nicht selbst entscheiden kann, wann ich wieder hinausgehe.“
Vulkaris schob eine seiner mächtigen Klauen über den Boden. Unter ihren schwarzen Spitzen zerbrach ein kleines Stück Stein.
Ellie trat näher und legte eine Hand gegen seine warme Schuppe. „Hey. Du hast nichts falsch gemacht. Du versuchst, für sie zu sorgen. Das müssen sie erst wieder lernen.“
Sera saß auf ihrer Schulter und betrachtete den großen Drachen. Nach einem längeren Austausch aus Lauten und Bildern wurde er ungewöhnlich still.
Er sagt, dass Althara sich immer auf die ersten Nächte mit ihren Jungen gefreut hat.
Ellie hob den Kopf.
Auf Kamien gibt es Sternbilder, die nur während einer kurzen Jahreszeit sichtbar sind. Sie wollte ihnen zeigen, wie sie heißen.
Vulkaris ließ einen tiefen Laut hören, und Sera übermittelte Ellie das Bild eines weiten Himmels, unter dem zwei gewaltige Drachen auf einer hohen Felsklippe nebeneinanderstanden. Grünliches Sternenlicht spiegelte sich auf blaugrünen Schuppen, während ein rostrot gepanzerter Flügel sich behutsam über die Schultern der Gefährtin legte.
Das Bild verschwand so schnell, wie es gekommen war.
Ellie sah zum dunklen Gewölbe über der Ruine hinauf. Aus den Felsspalten fiel Wasser, das im Licht der Aetherlampen kurz aufblitzte. Darüber lagen viele Meter Gestein.
Sie hatte plötzlich eine Idee.
„Sera, wie lange haben die drei keinen richtigen Himmel mehr gesehen?“
Eine genaue Zeitangabe ist nicht möglich. Die Unterlagen aus Greywake enthalten keine entsprechenden Beobachtungen.
Ellie betrachtete die drei Jungen. Sareth bewachte noch immer seine Geschwister, Varyn beschäftigte sich mit der Metallplatte, und Mirae hatte sich inzwischen so weit aus ihrem Versteck gewagt, dass sie neugierig die Gespräche verfolgte.
„Dann wird es höchste Zeit.“
Zarah, die gerade eine der Decken zusammenfaltete, sah misstrauisch zu ihr hinüber. „Ellie, was hast du vor?“
„Wir gehen nach draußen.“
„Wir sind draußen.“
„Ich meine richtig draußen. Unter den Himmel.“
Zarah folgte ihrem Blick zum gewaltigen Felsgewölbe. Dann sah sie zu Vulkaris, dessen Flügel allein beinahe die Breite des Burghofs einnahmen.
„Dir ist schon klar, dass es einen Grund gibt, weshalb wir die Drachen hier verstecken?“
„Ja. Und deshalb werden wir dafür sorgen, dass niemand sie sehen kann.“
„Du willst einen riesigen Drachen und seine drei Kinder unsichtbar machen? Für eine ganze Nacht?“
„Nicht unsichtbar. Nur unauffindbar.“
Zarah starrte sie an.
„Das ist ein Unterschied“, ergänzte Ellie.
„Bestimmt. Ein sehr beruhigender Unterschied.“
Sie brauchten länger als erwartet, um einen geeigneten Platz zu finden. Der breite Ausgang der Meereshöhle führte zwischen zwei gewaltigen Felswänden hindurch auf eine abgeschiedene Bucht hinaus. Oberhalb der Wasserlinie lag ein natürlicher Felsrücken, dessen flache Oberfläche genügend Platz für Vulkaris und seine Jungen bot. Von See aus war er durch vorspringende Klippen fast vollständig verdeckt, doch über ihm spannte sich der offene Himmel.
Die Sonne war bereits untergegangen, als sie dort ankamen. Über dem Wasser hing noch ein schmaler Streifen blassen Abendlichts, während die ersten Sterne zwischen den Wolken sichtbar wurden. Eine kühle Brise strich vom Meer herauf und brachte den Geruch von Salz und Tang mit sich.
Vulkaris blieb am Rand der Felsfläche stehen. Seine mächtigen Flügel hoben sich leicht im Wind, und für einen Augenblick wirkte er, als wolle er sich sofort in die Dunkelheit erheben. Dann senkte er den Kopf zu seinen Jungen.
Sareth betrachtete die offene Fläche mit sichtlicher Vorsicht. Er blieb dicht bei Mirae und überprüfte jeden Schritt, bevor er weiterging. Varyn dagegen war sofort begeistert. Kaum spürte er den Wind unter seinen Flügeln, jagte er über den Stein, sprang auf einen niedrigen Vorsprung und breitete die Schwingen aus.
„Na bitte“, sagte Ellie. „Einer hat schon verstanden, worum es geht.“
Varyn möchte wissen, ob er fliegen darf, meldete Sera.
„Noch nicht. Wir müssen erst unser kleines Geheimnis absichern.“
Ellie kniete sich an einen flachen Stein am Rand der Bucht und zog ihre Kreide aus der Jackentasche. Der Coven hatte die Zugänge nach Emberhollow bereits mit Schutzrunen versehen, und einige der alten Ankerlinien verliefen bis in die umliegenden Felswände. Sie konnte diese vorhandenen Schutzzeichen nutzen, wenn sie ihre eigene Magie präzise genug damit verband.
Sie zeichnete die erste Glyphe, dann eine zweite und schließlich eine dritte. Als sie ihre Hand darüberlegte und die Worte „Umbra leni. Audis tace“ sprach, regte sich der Nebel über dem Wasser. Dünne Schleier stiegen zwischen den Felsen auf, schlossen die Lücken in der natürlichen Deckung und legten sich wie eine zweite, fast unsichtbare Haut um die Bucht. Von außen würde ein Beobachter nur dunkles Gestein, ein wenig Küstennebel und das gleichmäßige Wasser sehen. Innerhalb des Schutzkreises blieb der Blick auf den Himmel frei.
Ellie musste die Verbindung eine ganze Weile halten. Die Magie zog an ihren Kräften, und als sie sich schließlich erhob, war ihr Gesicht blasser geworden.
Zarah hatte längst einen Becher mit heißem Tee bereitgestellt. „Trink.“
„Ich bin nicht aus Zucker.“
„Das habe ich auch nicht behauptet. Zucker würde sich bei deinen verrückten Ideen wahrscheinlich weigern, mit dir zusammenzuarbeiten.“
Ellie nahm den Becher und setzte sich auf einen Stein. Sera überprüfte die Glyphen und bestätigte ihr, dass die Verankerung bis zum Morgen halten sollte, solange niemand versuchte, die Grenzen des Schutzfeldes zu durchbrechen.
Eine bemerkenswert effiziente Lösung, sagte er.
„Danke.“
Allerdings hätte eine Vorbereitung mit zusätzlichen Ankerplatten deinen Energieverbrauch deutlich reduziert.
„Sera.“
Ich erwähne es lediglich für zukünftige Anwendungen.
„Und ich erwähne lediglich, dass ich dich jederzeit ins Meer werfen kann.“
Zarah grinste in ihren Tee.
Inzwischen war es vollständig dunkel geworden.
Varyn hatte seine Erkundung beendet und war zu seinem Vater zurückgekehrt. Sareth saß aufrecht neben Mirae, deren graugrüne Augen unablässig zwischen den Wellen und dem Himmel hin und her wanderten. Die kleine Drachin schien nicht zu wissen, wohin sie zuerst schauen sollte. Jedes Geräusch ließ ihre Flügel zucken, aber sie versteckte sich nicht mehr.
Dann riss die letzte Wolkendecke auf.
Über ihnen erschien ein Himmel, wie Ellie ihn selbst nur selten gesehen hatte. Fernab der zahllosen Lampen und Aetherfeuer von Arkopolis leuchteten die Sterne in einer solchen Fülle, dass zwischen den großen Sternbildern unzählige kleinere Lichtpunkte sichtbar wurden. Die Milchstraße zog sich wie ein heller, unregelmäßiger Strom über die Dunkelheit, und tief am Horizont spiegelte sich ihr Licht im ruhigen Wasser.
Ellie vergaß für einen Moment ihren Tee.
„Oh, wow.“
Neben ihr hörte sie, wie Zarah langsam ausatmete. Selbst Sera hob den Kopf und richtete seine Sensoren auf den Himmel, ohne einen seiner üblichen Kommentare abzugeben.
Mirae war die Erste, die sich bewegte.
Sie trat vorsichtig auf die freie Fläche hinaus, hob die Schnauze und blieb stehen. Ihr Hals streckte sich immer weiter, bis Ellie befürchtete, sie könne das Gleichgewicht verlieren. Doch Mirae bewegte sich nicht mehr. Sie betrachtete den Himmel mit so großer Aufmerksamkeit, dass sie nicht einmal reagierte, als Varyn neben ihr vorbeisprang.
Sareth folgte ihr. Er setzte sich dicht neben seine Schwester und hob ebenfalls den Kopf.
Varyn brauchte etwas länger. Nachdem er vergeblich versucht hatte, einen besonders hellen Stern mit einem Sprung zu erreichen, setzte er sich schließlich zwischen seine Geschwister und betrachtete die unzähligen Lichtpunkte über sich.
Vulkaris stand hinter ihnen.
Der große Drache hatte die Flügel halb geöffnet, doch statt seine Kinder unter ihnen zu verbergen, ließ er ihnen Platz. Seine rostrote Gestalt zeichnete sich gegen den Sternenhimmel ab, und das Licht spiegelte sich auf den alten Narben seiner Brust.
Ein tiefes Grollen ging von ihm aus.
Sera antwortete mit einem Laut, den Ellie noch nie von ihm gehört hatte.
Er erzählt ihnen von Kamien, erklärte er leise. Von dem Himmel, den ihre Mutter geliebt hat.
Ellie betrachtete Vulkaris, während er langsam den Kopf senkte. Die drei Jungen hörten aufmerksam zu, obwohl ihre Welt bisher kaum etwas mit den Erinnerungen ihres Vaters gemeinsam hatte. Sie kannten keine fremden Sternbilder, keine gewaltigen Korallenmeere und keine Felsklippen, über denen ihre Eltern einst geflogen waren.
Alles, was sie kannten, waren Gefangenschaft, Angst und die wenigen Wochen seit ihrer Rettung.
Jetzt hatten sie einen Himmel über sich.
Vulkaris hob seine Schnauze und begann erneut zu grollen. Diesmal war der Laut länger, ruhiger und so weich, dass Ellie ihn beinahe für einen Gesang gehalten hätte. Sera legte seine kleinen Flügel an und lauschte, bevor er ihr ein Bild übermittelte.
Es zeigte Althara, wie sie auf einer Felsklippe stand und mit einem ihrer gewaltigen Flügel auf eine Gruppe heller Sterne deutete. Vulkaris lag neben ihr, den Kopf auf den Vorderklauen, und beobachtete sie mit einem Ausdruck, den Ellie bei ihm noch nie gesehen hatte. Althara wandte sich ihm zu, berührte seine Schnauze mit ihrer und deutete anschließend wieder zum Himmel.
Sie hatte ihm versprochen, ihren Kindern die Namen dieser Sterne beizubringen, erklärte Sera.
Ellie spürte, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog.
„Und jetzt kann sie es nicht“, flüsterte sie.
Sera schwieg.
Vulkaris stand noch immer regungslos hinter seinen Jungen. Als Mirae sich umdrehte und fragend zu ihm aufsah, senkte er seinen gewaltigen Kopf so weit, dass sie ihre kleine Schnauze gegen seine berühren konnte. Dann schob er einen Vorderlauf nach vorn und legte ihn behutsam neben die drei Geschwister.
Sareth rückte zuerst näher. Er drückte seinen kräftigen Körper gegen die warme Schuppe seines Vaters und ließ sich schließlich auf dem Stein nieder. Varyn folgte nach kurzem Zögern, doch statt sich sofort hinzulegen, kletterte er über Sareths Rücken und suchte sich einen Platz zwischen den Vorderklauen von Vulkaris.
Mirae blieb noch eine Weile sitzen.
Sie betrachtete den Himmel, als könne sie sich nicht sattsehen. Dann stieß sie einen leisen, hohen Laut aus und legte den Kopf schief.
Sera hob aufmerksam den Kopf.
Sie fragt, ob die Sterne morgen noch da sind.
Ellie schluckte.
Vulkaris antwortete mit einem langen, beruhigenden Grollen. Er berührte Miraes Stirn mit seiner Schnauze und ließ eine Folge tiefer Laute hören, die über den Felsboden wanderten.
Sera übermittelte Ellie die Bedeutung erst nach einigen Augenblicken.
Er sagt, dass die Sterne auch dann noch da sind, wenn man sie nicht sehen kann.
Mirae betrachtete ihren Vater, dann wieder den Himmel. Schließlich trat sie zu ihren Brüdern und rollte sich vorsichtig zwischen ihnen zusammen. Ihre Flügel legten sich über den Rücken von Varyn, der sich ausnahmsweise nicht darüber beschwerte.
Zarah setzte ihren Becher ab und wandte sich ab, als hätte sie plötzlich etwas sehr Interessantes am Rand der Felsfläche entdeckt. Ellie kannte sie lange genug, um zu wissen, warum.
„Du heulst“, flüsterte sie.
„Halt die Klappe.“
Ellie lächelte, obwohl sie selbst einen verdächtigen Druck hinter den Augen verspürte.
Sie blieben noch lange auf dem Felsrücken sitzen. Zarah holte die vorbereiteten Decken aus der Serazali, und Ellie legte sich eine davon um die Schultern, während sie ihren Kopf gegen den warmen Stein lehnte. Über ihnen bewegten sich die Sterne langsam weiter, und das Meer schlug in gleichmäßigen Abständen gegen die Klippen.
Vulkaris hatte sich inzwischen vollständig niedergelegt. Seine gewaltigen Vorderläufe umschlossen die drei Jungen, ohne sie einzuengen, und seine Flügel ruhten locker auf dem Fels. Immer wieder hob Mirae im Halbschlaf den Kopf, um sich zu vergewissern, dass der Himmel noch über ihr stand. Jedes Mal betrachtete Vulkaris sie geduldig, bis sie sich wieder entspannte.
Sareth schlief als Erster richtig ein. Sein Atem wurde tief und gleichmäßig, während eine seiner Klauen noch immer auf Varyns Schulter lag. Varyn hielt länger durch. Er zuckte bei jedem lauteren Geräusch zusammen, bis Vulkaris schließlich seine Schnauze neben ihn legte und ihn mit einem leisen Grollen beruhigte.
Dann schloss auch er die Augen.
Mirae war die Letzte.
Sie hatte den Kopf auf Sareths Rücken gelegt und betrachtete noch immer den Himmel. Ihre graugrünen Augen folgten einem hellen Stern, der langsam über den Rand einer dunklen Wolke wanderte. Als sie schließlich blinzelte, wurde das Licht darin zu einem winzigen, silbrigen Punkt.
Dann schlief sie ein.
Ellie beobachtete die kleine Drachin und musste an die Wochen in Greywake denken. An die Käfige, die Fesseln und die Angst, mit der die drei Jungen selbst im Schlaf gekämpft hatten. Sie erinnerte sich daran, wie sie versucht hatte, Mirae zu beruhigen, während irgendwo hinter den Wänden schwere Maschinen liefen. Damals hatte sie nur hoffen können, dass ihre Stimme die kleine Drachin erreichte.
Jetzt lag Mirae zwischen ihren Brüdern, unter einem Himmel, der weit genug war, um alle ihre Ängste darin verschwinden zu lassen.
„Sie schlafen“, sagte Ellie leise.
Sera saß auf ihrer Schulter und betrachtete die drei Jungen.
Alle drei. Ihre Atmung ist ruhig.
„Und Vulkaris?“
Sera richtete seine Aufmerksamkeit auf den großen Drachen, dessen gesundes Auge noch immer geöffnet war. Er betrachtete den Himmel, ohne sich zu bewegen.
Er ist wach.
Ellie nickte langsam.
Sie stand auf, ließ die Decke um ihre Schultern liegen und ging zu Vulkaris hinüber. Der große Drache senkte den Kopf, als sie sich näherte, und sie legte eine Hand gegen die warme Schuppe unter seinem Auge.
„Siehst du?“, flüsterte sie. „Manchmal braucht man gar kein Feuer, keine Waffen und keine Zauber, um jemanden zu beschützen.“
Vulkaris betrachtete sie lange.
Dann hob er den Kopf und blickte wieder zu den Sternen hinauf.
Sera schwieg zunächst. Ellie spürte über ihre Verbindung, dass er etwas empfing, das sich nur schwer in Worte fassen ließ. Es waren Bilder von einer fremden Welt, von warmem Wind über grünen Meeren und von Althara, die neben Vulkaris stand und ihre Flügel im Sternenlicht ausbreitete.
Erst als Ellie sich wieder setzen wollte, sprach Sera in ihren Gedanken.
Vulkaris möchte, dass du weißt, dass er diesen Abend nie vergessen wird.
Ellie blieb stehen.
Er sagt, dass er seinen Kindern heute etwas zeigen konnte, das Althara ihnen immer versprochen hatte.
Sie blickte auf die drei schlafenden Drachen hinunter.
„Aber es ist nicht der Himmel von Kamien“, sagte sie.
Vulkaris senkte den Kopf. Seine Schnauze berührte behutsam den Rücken von Mirae, und die kleine Drachin rückte im Schlaf näher an ihn heran.
Sera lauschte dem tiefen Grollen seines großen Artgenossen.
Das weiß er.
Ellie wartete.
Aber es ist der erste Himmel, unter dem seine Kinder keine Angst mehr haben müssen.
Diesmal sagte Ellie nichts.
Sie setzte sich wieder neben Zarah und zog die Decke enger um ihre Schultern. Über dem Meer schob sich eine Wolke vor die Sterne, doch nach wenigen Augenblicken erschien das Licht erneut, unverändert und still.
Vulkaris legte seinen Kopf neben seine Jungen.
Er schlief nicht. Vielleicht würde er die ganze Nacht wach bleiben, die Bewegungen des Meeres beobachten und bei jedem unbekannten Geräusch die Augen öffnen. Vielleicht würde es noch viele solcher Nächte brauchen, bis auch er begriff, dass seine Kinder nicht mehr in Gefahr waren.
Aber zum ersten Mal seit ihrer Rettung lagen alle drei friedlich an seiner Seite, ohne Mauern um sich herum und ohne eine einzige Kette.
Als Ellie sich schließlich gegen Zarah lehnte und selbst die Augen schloss, spürte sie Sera auf ihrer Schulter. Er hatte die Flügel eng angelegt und beobachtete die Familie mit einer ungewöhnlichen Ruhe.
Ellie?
„Hm?“
Wir sollten morgen wiederkommen.
Sie lächelte müde.
„Ich dachte, wir kommen morgen erst mal nach Hause.“
Das ist korrekt. Ich meinte den darauffolgenden Abend.
Ellie öffnete ein Auge. „Du willst freiwillig noch einmal eine ganze Nacht mit drei überdrehten Jungdrachen verbringen?“
Sera betrachtete Varyn, dessen Schwanzspitze im Schlaf gegen Sareths Vorderlauf zuckte.
Ja.
Ellie schloss das Auge wieder.
„Na gut. Aber nächstes Mal bringst du ihnen bei, wie man ordentlich schlafen geht.“
Sera antwortete nicht.
Und während über Emberhollow die Sterne langsam weiterzogen, lag der kleine Drache still auf ihrer Schulter, als wollte auch er keinen einzigen Augenblick dieser Nacht versäumen.

