Ionjan kannte das Zittern des Bodens so gut wie andere Menschen den Wind.
Seit seiner Kindheit hatte Arkan unter seinen Füßen gelebt, gezuckt und manchmal mit einer Gewalt gebebt, die Häuser zu Gräbern machte. Die Alten behaupteten, man könne mit genügend Erfahrung unterscheiden, ob irgendwo nur eine schwache Energieader erwachte oder ob sich tief im Gestein etwas Gefährlicheres zusammenbraute. Ionjan hatte diese Behauptung lange für eine der Geschichten gehalten, mit denen Veteranen ihre Bedeutung aufwerteten.
An diesem Tag begriff er, dass etwas daran stimmte.
Er blieb mitten auf der zerbrochenen Straße stehen und lauschte weniger mit den Ohren als mit den Sohlen seiner Stiefel. Unter dem gewöhnlichen Summen lag eine zweite Schwingung, unregelmäßig und schwer, als würde tief unter den Ruinen etwas gegen das Gestein schlagen. Die anderen bemerkten erst, dass er zurückgeblieben war, als Thavar sich nach ihm umdrehte.
Sie waren seit Stunden unterwegs. Zwei Träger schleppten Kisten mit geborgenen Kristallmodulen, eine junge Sammlerin namens Seraia hatte mehrere Wasserschläuche über die Schulter gelegt, und Thavar zog auf einem niedrigen Transportgestell Bauteile hinter sich her, die in der Siedlung dringend gebraucht wurden. Für arkanische Verhältnisse war die Expedition fast schon erfreulich verlaufen. Kein Angriff, keine Verletzten und mehr brauchbare Funde, als sie erwartet hatten.
Ionjan hätte das Warnung genug sein müssen.
„Wir gehen zurück“, sagte er und betrachtete die Häuserreste zu beiden Seiten der Straße.
Thavar folgte seinem Blick. „Jetzt?“
Ionjan antwortete nicht sofort. Ein dünner Faden aus Staub rieselte von einem Mauervorsprung. Wenige Schritte weiter klirrte irgendwo Metall, obwohl sich nichts bewegte.
„Jetzt.“
Niemand stellte weitere Fragen.
Sie hatten den Platz vor ihnen beinahe erreicht, als die erste Erschütterung kam. Der Boden hob sich nur um wenige Fingerbreit, doch es genügte, um die Gruppe aus dem Tritt zu bringen. Eine der Kisten rutschte einem Träger aus den Händen und schlug auf den Stein. Violettes Licht flackerte durch einen Spalt im Deckel.
Thavar machte instinktiv einen Schritt darauf zu.
Ionjan packte ihn am Arm.
„Liegen lassen.“
„Da sind zwei intakte Kerne drin.“
„Dann gehören sie jetzt dem Boden.“
Thavar warf ihm einen Blick zu, in dem sich Ärger und Vernunft stritten. Die Vernunft gewann, denn im selben Augenblick lief ein deutlich sichtbarer Riss durch die Straße.
Er begann schmal wie ein Schnitt und breitete sich mit erschreckender Geschwindigkeit aus. Staub sprang aus den Fugen, Steinplatten verschoben sich gegeneinander, und aus der Tiefe drang jenes bläuliche Leuchten, das jeder auf Arkan fürchtete. Die junge Seraia wich zurück, verlor den Halt und wäre beinahe in die aufbrechende Spalte gestürzt, wenn Ionjan sie nicht an ihrem Tragegurt gepackt hätte.
Jetzt rannten sie.
Ionjan erinnerte sich an eine Versorgungshalle am anderen Ende des Platzes. Das Gebäude war halb in sich zusammengesunken, doch die unteren Mauern bestanden aus alten Verbundsteinen und hatten schon mehrere Beben überstanden. Bis dorthin waren es vielleicht fünfzig Schritte.
Die Ruinen um sie herum begannen zu zerfallen.
Über den Dächern lösten sich Steinplatten, irgendwo stürzte eine Mauer in eine angrenzende Gasse, und das tiefe Grollen unter ihren Füßen schwoll an, bis jede Stimme darin unterging. Ionjan trieb die anderen vorwärts, während hinter ihnen eine Staubwolke über die Straße rollte.
Als sie den Eingang erreichten, schob er einen nach dem anderen hinein.
Seraia.
Thavar.
Die beiden Träger.
Drei weitere Sammler.
Ionjan zählte noch einmal.
Sie waren zu acht.
Sie hätten neun sein müssen.
Er wandte sich um.
Teren lag mitten auf der Straße.
Der Junge war kaum älter als siebzehn und erst seit wenigen Monaten bei den Sammlern. Eine Bodenplatte war unter ihm abgesackt und hatte sein rechtes Bein zwischen zwei Gesteinsblöcken eingeklemmt. Er stemmte sich mit beiden Händen hoch, doch jedes Mal, wenn er sich bewegte, rutschte weiteres Geröll in die Spalte.
Thavar tauchte hinter Ionjan auf und erkannte die Situation sofort.
Seine Hand legte sich auf Ionjans Schulter.
„Wir bekommen ihn da nicht rechtzeitig heraus.“
Ionjan sah ihn nur kurz an.
Dann lief er zurück.
Später würde er sich kaum noch daran erinnern, diese Entscheidung getroffen zu haben. Er wusste lediglich, dass Teren dort draußen lag und Ionjan sich nicht vorstellen konnte, in der Versorgungshalle zu warten, während der Junge starb.
Der Boden schwankte unter ihm, und zweimal musste er über Risse springen, die wenige Augenblicke zuvor noch nicht existiert hatten. Als er Teren erreichte, war dessen Gesicht grau vor Angst.
„Nicht bewegen.“
Der Junge lachte beinahe hysterisch. „Das hatte ich vor.“
Ionjan kniete sich neben ihn und untersuchte die verkeilten Platten. Terens Bein steckte bis knapp unter das Knie fest. Der Stein hatte sich darübergeschoben, ohne den Knochen vollständig zu zerquetschen. Mit genügend Zeit hätten sie ihn befreien können.
Zeit besaßen sie nicht.
Unter ihnen wurde das blaue Licht stärker.
Ionjan griff nach einer herausgerissenen Metallstrebe, schob sie unter die obere Platte und stemmte sich dagegen. Zunächst geschah überhaupt nichts. Erst als Thavar und einer der anderen Männer zu ihnen kamen und mit anfassten, hob sich der Stein ein kleines Stück.
Teren zog das Bein an.
Zu langsam.
Ionjan drückte noch stärker, spürte, wie ihm eine Sehne im Arm schmerzte, und brüllte den Jungen an, er solle ziehen.
Teren kam frei.
Thavar packte ihn unter den Schultern und zog ihn fort.
Ionjan ließ die Metallstrebe los.
In diesem Moment brach die Straße auf.
Später konnte er sich weder an das Licht noch an den eigentlichen Einschlag erinnern. In seinem Gedächtnis blieb nur ein ungeheurer Druck, gefolgt von einer Hitze, die ihm durch den ganzen Körper fuhr. Etwas traf ihn seitlich, und als er wieder klar sehen konnte, lag er mehrere Schritte entfernt zwischen zerbrochenen Steinen.
Teren lebte. Er sah den Jungen weiter hinten, wo Thavar ihn auf die Beine zog.
Ionjan wollte ebenfalls aufstehen.
Sein Körper gehorchte ihm nur zur Hälfte.
Er sah an sich hinunter und verstand zunächst nicht, was falsch war. Sein rechtes Bein lag unter einer schweren Steinplatte, doch der Winkel, in dem der Unterschenkel darunter verschwand, passte nicht zu einem menschlichen Körper.
Dann erreichte ihn der Schmerz.
Er nahm ihm für einige Augenblicke jede Fähigkeit zu denken.
Thavar war wieder bei ihm, ebenso zwei der Sammler. Gemeinsam versuchten sie, die Platte anzuheben, doch sie bewegte sich kaum. Unter ihnen pulsierte das Licht bereits so hell, dass ihre Gesichter bläulich schimmerten.
Ionjan sah Thavar an.
Er kannte diesen Mann lange genug.
Er brauchte keine Erklärung.
Thavar schüttelte den Kopf.
„Wenn wir dich hier herausbekommen wollen …“
Ionjan schloss die Augen.
Der Satz musste nicht beendet werden.
Als er sie wieder öffnete, zog er sein Messer aus dem Gürtel und legte es Thavar in die Hand.
Was in den folgenden Minuten geschah, blieb später nur in Bruchstücken in seiner Erinnerung. Hände hielten ihn fest. Jemand gab ihm Leder, auf das er beißen konnte. Er hörte seine eigene Stimme, ohne zu wissen, was er schrie, und irgendwann verschwand selbst der Schmerz in einer weißen, gnädigen Leere.
Als Ionjan wieder erwachte, lag er in der Siedlung.
Er erkannte die Decke über sich und den Geruch der Heilkammer. Kräuter, metallisches Wasser und jenes bittere Harz, das Laria bei schweren Verletzungen verwendete. Neben seiner Matte stand eine Schale, und irgendwo hinter einem Vorhang sprach jemand leise.
Für einige Augenblicke wusste er nicht mehr, weshalb er dort lag.
Dann wollte er sich drehen.
Sein rechtes Bein fehlte.
Er starrte auf die Decke, während die Erinnerung langsam zurückkehrte.
Laria setzte sich später zu ihm. Sie sprach wenig. Dafür war Ionjan ihr dankbar, denn er hätte jedes Wort des Trostes gehasst.
In den nächsten Wochen hasste er ohnehin beinahe alles.
Er hasste die Matte, auf der er liegen musste. Er hasste die Menschen, die ihm halfen aufzustehen. Besonders hasste er jene vorsichtigen Blicke, mit denen andere prüften, wie viel von dem Mann übrig geblieben war, der noch vor kurzer Zeit Patrouillen geführt und bei Angriffen in der ersten Reihe gestanden hatte.
Am schlimmsten war jedoch die Überzeugung, die sich in ihm festsetzte, sobald die Wunde zu heilen begann.
Er würde nie wieder kämpfen.
Niemand sagte es ihm. Niemand musste es.
Dann kam Thavar.
Er stellte eines Morgens eine längliche Kiste neben Ionjans Lager und öffnete sie, ohne eine Erklärung vorauszuschicken. Darin lag eine Konstruktion aus dunkler Kristalllegierung. Mehrere Segmente waren durch mechanische Gelenke miteinander verbunden, zwischen ihnen verliefen dünne kristalline Adern, deren bläuliches Licht nur schwach zu erkennen war.
Ionjan betrachtete das Ding eine Weile.
„Nein.“
Thavar zog einen niedrigen Hocker heran und setzte sich.
„Doch.“
Ionjan hob den Blick.
„Verschwinde.“
Thavar blieb.
Drei Tage später ließ Ionjan sich die Prothese anpassen.
Der erste Versuch endete damit, dass er nach zwei Schritten stürzte und Thavar mehrere Verwünschungen an den Kopf warf, die selbst für arkanische Verhältnisse bemerkenswert waren. Beim zweiten Versuch scheuerte die Halterung die frisch verheilte Haut auf. Beim dritten reagierte das Kristallgelenk zu spät, und Ionjan fiel so hart auf die Seite, dass er sich beinahe die Schulter auskugelte.
Er wollte die Prothese zerstören.
Manchmal wollte er auch Thavar zerstören.
Thavar reparierte sie jedes Mal und brachte sie am nächsten Morgen zurück.
Langsam begann Ionjan zu verstehen, wie sich die Konstruktion bewegte. Die kristallinen Leitungen reagierten auf Druck und Muskelspannung im verbliebenen Bein. Anfangs musste er jede Bewegung bewusst steuern. Später geschah manches von selbst.
Eines Tages gelang es ihm, die Siedlung zu durchqueren, ohne zu stürzen.
Eine Woche danach versuchte er zu laufen.
Noch einige Wochen später stand er mit einem Speer auf dem Übungsplatz.
Niemand hatte ihn darum gebeten.
Die ersten Bewegungen waren unbeholfen. Sein Schwerpunkt hatte sich verändert, und die Prothese reagierte bei schnellen Drehungen anders als ein echtes Bein. Ionjan musste Techniken aufgeben, die er seit seiner Jugend beherrscht hatte, und neue finden.
Er fiel.
Stand auf.
Fiel wieder.
Und stand erneut auf.
Irgendwann kamen die anderen Krieger nicht mehr, um zuzusehen, ob er es schaffen würde.
Sie kamen wieder, um mit ihm zu trainieren.
Jahre später erinnerte sich kaum noch jemand daran, wie lange Ionjan gebraucht hatte, um diesen Hof zum ersten Mal zu durchqueren. Für die Jüngeren war die dunkel glänzende Kristallprothese einfach ein Teil von ihm. Sie kannten Ionjan als den Narbenmann, der Befehle über einen ganzen Platz brüllen konnte, als Nahkämpfer, der sich selbst vor schwer bewaffneten Gegnern nicht zurückzog, und als jemanden, dessen schlechte Laune gelegentlich gefährlicher wirkte als jede Energieader.
Nur bei starken Beben hielt er manchmal einen Moment inne.
Dann spürte er die Vibration durch die Kristalllegierung steigen und erinnerte sich an eine zerbrochene Straße, an blaues Licht zwischen den Steinen und an einen jungen Mann, der dort hätte sterben können.
Teren hatte später eine Familie gegründet.
Drei Kinder, soweit Ionjan wusste.
Wann immer er ihnen begegnete, blieb er selten stehen. Er war nie gut darin gewesen, aus solchen Dingen etwas Bedeutungsvolles zu machen.
Doch manchmal beobachtete er die Kinder aus der Ferne und dachte an jenen Tag zurück.
Arkan hatte ihm ein Bein genommen.
Was er dafür gerettet hatte, lief noch immer auf ihm herum.
Und damit konnte Ionjan leben.

