30.12.2025 – Hope-Bonus – San Diego 2248
Die Stadt stirbt nicht mit einem Knall.
Sie stirbt in Schichten.
Erst verschwinden die Geräusche, die man als selbstverständlich abgespeichert hat: Kinder auf Asphalt, Busbremsen, ein Hund, der irgendwo kläfft, ein Fenster, das zuschlägt. Dann bleiben die anderen übrig: das ferne Brummen der Windfelder draußen in der Ebene, das trockene Schaben von Sand auf Blech, das Klirren einer losen Werbetafel, die immer noch so tut, als würde sie etwas verkaufen.
San Diego, Jahr 2248.
Die Hitze liegt wie eine Hand auf meinen Schultern. Nicht die Art Hitze, die man wegfächern kann, sondern eine, die in dir bleibt, selbst wenn du im Schatten stehst. Ich merke sie an den Zähnen. An der Zunge. An der Art, wie jeder Atemzug nach Staub schmeckt.
Carla geht neben mir, die Sonnenbrille tief, das rotbraune Haar am Nacken klebend, weil selbst Schweiß hier nicht mehr fließt – er trocknet, bevor er dir beweisen kann, dass du noch lebst. Sie trägt eine leichte Jacke, zu dünn für alles außer Staub, und darunter ein Shirt, das sie schon zu oft getragen hat, weil neue Klamotten selten geworden sind. Trotzdem wirkt Carla nicht heruntergekommen. Sie wirkt wie jemand, der sich bewusst entscheidet, aufrecht zu bleiben.
Ich liebe sie dafür.
Und ich hasse es gleichzeitig, weil aufrecht bleiben in dieser Stadt manchmal nur bedeutet, dass du länger siehst, was kaputtgeht.
Wir sind nicht aus einem besonderen Grund hier. Das ist das Verrückte.
Kein Auftrag. Kein Heldinnen-Plan. Nur dieses Kribbeln, das mich seit Wochen nicht loswird – als müsste ich einmal noch durch meine eigene Vergangenheit laufen, bevor ich etwas anderes sein darf.
„Wir könnten auch einfach zuhause bleiben“, sage ich und ziehe das Tuch vor dem Mund höher.
Carla macht dieses kleine, weiche Lächeln, das Menschen beruhigt, ohne dass es ihnen auffällt. „Wir könnten auch einfach sterben, ohne es zu merken. Dann lieber gehen.“
Ich schnaube. „Du sagst sowas und klingst dabei immer noch, als würdest du jemandem eine Decke geben.“
„Weil du frierst“, sagt Carla.
„Ich schwitze.“
„Trotzdem frierst du.“
Das ist Carla. Gefühlvoll und samt. Und darunter dieser Kern aus Stahl, der sich erst zeigt, wenn jemand ihn wirklich braucht.
Wir laufen die alte Küstenstraße entlang, an Fassaden vorbei, die noch Namen tragen, die niemand mehr ausspricht. Ein Café, das seit Jahren geschlossen ist, aber immer noch „OPEN“ blinkt, weil irgendein Solarpanel irgendwo noch genug Restkraft findet. Ein leerer Spielplatz, dessen Plastikgeräte vom Sand stumpf geschliffen sind, als hätte die Wüste Zeit.
Aus einer Seitenstraße weht ein Geruch herüber, der gleichzeitig nach Regenwald und nach verbranntem Salz riecht. Ich bleibe kurz stehen, weil mein Kopf dieses „falsch“ registriert, noch bevor ich verstehe, warum.
Carla berührt meinen Unterarm. Nur kurz. Nicht, um mich festzuhalten, sondern um mich daran zu erinnern, dass ich nicht allein bin.
„Nicht gucken“, sagt sie.
„Ich hab nur—“
„Ich weiß. Nicht gucken.“
Ich gehorche. Das fällt mir schwerer, als ich zugeben will.
Wir biegen um die Ecke zu einer überdachten Fußgängerpassage, die man irgendwann notdürftig mit Planen und Metallstreben abgedichtet hat. Hier drinnen ist es zwei Grad kühler, und das reicht schon, um die Leute anzuziehen wie Motten.
Ein paar Stände. Ein paar Kisten. Ein paar Dinge, die aussehen wie Waren, aber in Wahrheit nur Hoffnung in Verpackung sind.
Und natürlich Typen.
Drei Männer lehnen an einem Pfeiler, trinken aus Blechflaschen und beobachten den Strom der Menschen wie Jäger, die nicht mehr jagen müssen, weil das Wild selbst kommt.
Ich spüre ihren Blick, bevor einer den Mund aufmacht.
„Hey“, ruft der Größte. Sein Ton ist nicht freundlich. Er tut nur so, als wäre er es. „Ihr zwei… ihr wirkt, als könntet ihr was gebrauchen.“
Carla geht weiter, ohne den Kopf zu drehen.
Ich will schon etwas sagen – irgendein Satz, der schneidet –, aber Carla ist schneller.
„Wir können uns selbst helfen“, sagt sie, ruhig, so neutral wie Wasser.
Der Mann lacht, und es ist dieses Lachen, das mich sofort aggressiv macht, weil es immer schon mit einem Schritt zu viel Nähe beginnt.
„Du bist aber hübsch, wenn du so tust, als wärst du nicht—“
Carla bleibt stehen.
Nicht abrupt. Nicht hektisch. Einfach… stehen.
Ich bleibe ebenfalls stehen, weil ich Carla kenne. Weil Carla nur dann stehen bleibt, wenn sie entschieden hat, dass jetzt eine Grenze gezogen wird.
Sie dreht sich langsam um. Ihr Gesicht ist weich, aber ihre Augen sind klar. Der Mann merkt zu spät, dass er gerade etwas Unangenehmes geweckt hat.
„Du darfst uns anschauen“, sagt Carla. „Du darfst auch reden. Aber du darfst nicht näher kommen.“
„Und wenn doch?“
Carla lächelt. Kein nettes Lächeln. Eher eins, das sagt: Probier es, wenn du unbedingt willst.
„Dann wirst du dich wundern“, sagt sie.
Ich sehe, wie der Mann kurz abwägt. Wie sein Blick über Carla gleitet, dann zu mir, als würde er entscheiden, welche von uns leichter ist.
Ich mache den Fehler, zu atmen.
„Fass sie nicht an“, sage ich.
Meine Stimme ist nicht laut. Aber sie ist so hart, dass es für einen Moment still wird in der Passage. Selbst die Händler schauen kurz hoch.
Der Mann hebt die Hände, halb spöttisch, halb zurückweichend. „Okay, okay. War doch nur—“
„Nur was?“, frage ich.
Seine Freunde lachen nicht mehr.
Carla legt mir die Hand an den Rücken, genau zwischen Schulterblatt und Wirbelsäule. Ein Druckpunkt. Eine kleine Erinnerung: Weiter.
Ich nicke einmal, ohne Carla anzusehen.
Wir gehen.
Erst als wir wieder draußen in der gleißenden Sonne sind, merke ich, dass mein Herz schneller schlägt, als es sollte.
„Du warst kurz davor, ihm das Gesicht abzureißen“, sagt Carla.
„Ich war kurz davor, ihm die Existenzberechtigung zu entziehen.“
Carla lacht leise. Nicht Krawall, eher weich. Aber in dem Lachen liegt Erleichterung.
„Du bist gefährlich“, murmelt sie.
„Du auch“, sage ich.
„Ich bin nur… höflich gefährlich.“
Ich schaue sie an, und für einen Moment ist da dieses Ding zwischen uns, das nicht normal ist und trotzdem unser Normal geworden ist: dass wir uns lieben, ohne uns gegenseitig zu besitzen. Dass wir zusammen gehören, aber nachts oft in zwei verschiedenen Wohnungen schlafen, weil Nähe bei uns keine Kette ist, sondern eine Entscheidung.
Ich will etwas sagen. Etwas Warmes. Etwas Ehrliches.
Aber dann sehen wir es.
Eine Wand.
Früher war es eine LED-Fläche an einem Einkaufszentrum. Heute ist es ein flimmerndes Holo-Panel, das an einer Metallstrebe hängt, als hätte jemand beschlossen, Werbung sei wichtiger als Statik. Es läuft auf Notstrom. Die Farben sind ausgebleicht. Trotzdem ist die Botschaft brutal klar.
Ein Schiff.
Glatt. Weiß. Zu perfekt für diese Welt.
Darunter eine Schrift, die sich im Flimmern immer wieder neu zusammensetzt:
HOPE – DEIN AUFBRUCH. DEIN NEUBEGINN.
Ein QR-Symbol pulsiert darunter wie ein Herzschlag.
Ich bleibe stehen, als hätte mich jemand an der Kehle gepackt.
Carla bleibt neben mir stehen.
Wir sagen beide erst mal nichts.
Weil Worte in diesem Moment zu klein wirken.
Und weil mein Kopf plötzlich Geräusche ausspuckt, die hier nicht mehr passen: Wellen, die gegen den Pier schlagen. Ein Auto, das irgendwo hupt. Eine Welt, die nicht aus Sand besteht.
„Das ist so… dreist“, sage ich schließlich. Meine Stimme ist heiser. „Werbung. In einer Stadt, die gerade verendet.“
Carla starrt auf das Schiff. Zu lange.
Ich merke es sofort. Ich merke alles an Carla.
„Du glaubst es“, sage ich.
Carla blinzelt. Als müsste sie erst entscheiden, ob sie ehrlich sein darf.
„Ich weiß nicht“, sagt sie. „Ich… ich will es glauben.“
Ich schlucke. „Und wenn es nur ein Märchen ist? Ein Ticket in eine andere Hölle?“
Carla sieht mich an. In ihren Augen liegt dieses Blaue, das in der Sonne fast grau wird.
„Dann ist es wenigstens eine andere Hölle“, sagt sie leise. „Und vielleicht… vielleicht ist es auch keine.“
Ich lache kurz, ohne Humor. „Du hörst dich an wie ich. Früher.“
Carla zieht eine Augenbraue hoch. „Du hörst dich an wie du. Jetzt. Das ist noch schlimmer.“
Ich will widersprechen, aber ich kann nicht.
Ich schaue wieder auf das Holo. Auf den Namen.
HOPE.
Etwas in mir zieht nach vorn, so wie Hunger zieht. So wie Durst.
„Sie versprechen eine neue Welt“, sage ich.
„Sie verkaufen eine“, korrigiert Carla.
„Du bist heute besonders romantisch.“
Carla schnaubt, und ihr Lächeln ist da, kurz, warm. Dann wird sie wieder ernst.
„Leah…“
Ich höre an dem Ton, dass Carla gleich etwas sagen will, das Gewicht hat.
Ich warte.
Carla öffnet den Mund.
Und schließt ihn wieder.
„Was?“, frage ich.
Carla schüttelt den Kopf, und es wirkt für einen Moment, als würde sie innerlich gegen etwas ankämpfen. Nicht gegen mich. Gegen sich.
„Nichts“, sagt sie. „Nicht jetzt.“
Ich spüre, wie sich etwas Unbehagliches in meinem Bauch zusammenrollt.
„Du bist in letzter Zeit oft bei ‚nicht jetzt‘“, sage ich.
Carla schaut weg, zurück zum Holo. „Weil ‚jetzt‘ gefährlich ist.“
„Wir leben in San Diego 2248“, sage ich trocken. „Gefährlich ist unser Default.“
Carla lacht nicht. Sie atmet nur aus.
Dann greift sie nach meiner Hand.
Nicht dramatisch. Nicht für die Welt. Nur für mich.
Ihre Finger sind warm, obwohl die Luft alles austrocknet.
„Ich hab dich lieb“, sagt Carla.
Ich blinzle. Der Satz trifft mich härter als jede Anmache von irgendeinem Typen.
„Sag sowas nicht, als würdest du dich verabschieden“, murmle ich.
Carla drückt meine Hand. Einmal. Fest.
„Ich sag es, weil es wahr ist“, sagt sie. „Und weil ich will, dass du es weißt. Egal, was kommt.“
Ich bekomme keine Luft.
Ich stehe da, mitten in einer sterbenden Stadt, vor einem flimmernden Holo-Schiff, und plötzlich fühlt sich mein Herz an wie ein Raum, in den jemand das Licht ausgemacht hat.
„Carla…“, beginne ich.
Carla zieht mich ein Stück weiter, weg von dem Panel, weg von den Blicken, weg von der Stelle, an der ich gerade alles verlieren könnte, ohne zu wissen, was ich überhaupt festhalten soll.
„Komm“, sagt sie. „Lass uns noch ein Stück gehen. Nur noch ein Stück. Nur bis zum Hügel da vorne. Ich will die Windräder sehen.“
„Die Windräder?“ Meine Stimme ist rau.
Carla nickt, als wäre das eine Kleinigkeit. Als wäre es nur ein Spaziergang.
Ich lasse mich von ihr weiterziehen, Schritt für Schritt, weil es leichter ist, mich an Carla zu hängen, als hier vor dieser Wand stehenzubleiben und mich von einem einzigen Wort auseinandernehmen zu lassen. Hinter uns flimmert das Holo weiter, als hätte es alle Zeit der Welt, und HOPE pulsiert darin wie ein Versprechen, das man nicht anfassen darf, ohne sich zu verbrennen.
Ich drehe mich trotzdem noch einmal um. Nur kurz, nur so, als würde ich mir beweisen wollen, dass es echt ist. Ich sehe, wie Carla im selben Moment ebenfalls zurückschaut – nicht lange, nicht dramatisch, aber lang genug, dass mir der Magen kalt wird. In ihrem Blick liegt etwas, das nicht zu einem Spaziergang gehört, nichts Leichtes, nichts Spontanes. Eher eine Entscheidung, die längst getroffen ist.
Und da ist er plötzlich, dieser Gedanke, der nicht aus meinem Kopf kommt, sondern aus dem Bauch, roh und eindeutig: Carla wird irgendwann einfach verschwinden, und ich werde in meiner leeren Wohnung stehen, die Luft wird nach Staub riechen, und ich werde nicht wissen, wohin ich mit mir soll. Außer dass dieses Wort irgendwo im Hintergrund weiter leuchten wird, stur und unerträglich hell: HOPE.




