31.01.2026 Hope Bonus – Die Brut

„Die erste Brutkammer“ (Deleted Moment aus Kapitel 16)

Passend zum neuen Video: Das hier ist der Moment zwischen den Sätzen. Nicht die Entdeckung an sich – die steht im Buch –, sondern das, was dabei in uns arbeitet: Ekel, Angst, diese trockene Logik, die trotzdem weiterrechnet, und Noras Journalisten-Hirn, das alles festnageln will, obwohl es dafür gerade keinen Platz in der Seele gibt. (Kapitel 16 führt euch ins Unterdeck, in diese Hitze und diese falsche Luft. 

 

Ich merke zuerst die Wärme.

Nicht so eine „hier ist ein Heizkörper kaputt“-Wärme. Eher wie Atem. Klebrig. Stehend. Als wäre die Hope hier unten kein Schiff mehr, sondern ein Körper, der zu lange die Luft angehalten hat. Das Notlicht macht alles orange und schmutzig, und Nora geht neben mir so leise, dass ich nur an ihrem Schulterzucken sehe, dass sie noch da ist. Wir sind beide müde, beide angeschlagen – aber wir gehen trotzdem.

„Wenn jetzt was kommt…“, beginnt sie.

„Dann kommt’s“, sage ich. Klingt hart. Ist nur ehrlich.

Sie schluckt, und ich sehe, wie ihre Hand immer wieder Richtung Messer wandert, als müsste sie sich selbst daran erinnern, dass sie noch Werkzeuge hat – nicht nur Gedanken. Ich kenne Nora inzwischen gut genug, um zu wissen: In ihrem Kopf läuft parallel ein zweiter Film. Einer, in dem sie schon Überschriften baut. Beweise sortiert. Eine Story, die man erzählen kann, damit sie nicht sinnlos stirbt.

Und genau das ist das Problem.

Hier unten wirkt „erzählen“ wie ein Luxus.

Wir folgen dem Korridor, der von Marcs Markierung her passen müsste – und trotzdem fühlt es sich an, als würden wir im Kreis laufen. Rohre an der Wand. Kabel in Bündeln. Metallstreben. Und dann… diese Stellen, an denen das Schiff nicht mehr wie Technik aussieht.

Es ist nicht „bewachsen“. Nicht wie Pflanzen. Es ist… als hätte etwas die Materialien verstanden. Metall. Isolierung. Kunststoff. Und es hat beschlossen, daraus etwas Eigenes zu machen. Schichten, Stränge, Auswüchse. Manche pulsieren schwach. Nicht schnell. Nicht dramatisch. Einfach… lebendig genug, um mir das Blut im Nacken abzukühlen. 

Nora flüstert: „Leah…“

Ich bleibe stehen.

Und dann sehe ich sie.

Nester.

Das Wort kommt so banal daher, dass es mich fast wütend macht. Nester sind etwas, das man im Wald findet. Mit Zweigen. Mit Moos. Nicht… das hier.

Zu beiden Seiten haben sich diese Strukturen in die Ecken gefressen, halb Wand, halb Boden. Faseriges Zeug, wie ein krankes Kreuz aus Spinnengewebe und Rohrisolierung. Dunkle Linien drin, wie Adern. In Mulden liegen Eier. Nicht ordentlich. Nicht hübsch. Einfach viele. Viel zu viele.

Mein Magen kippt, als hätte jemand an einem Gurt gerissen.

Ein paar Eier sind still. Andere bewegen sich. Nicht wackeln – eher… als würden sie atmen. Und in meinem Kopf springt sofort ein Teil an, der nicht fühlen will, sondern zählen: Wie viele? Wie schnell? Wie lange, bis daraus…?

Nora macht dieses Geräusch, das zwischen Lachen und Weinen hängt, aber keines von beidem sein darf.

„Das… sind Eier“, haucht sie. Und dann, als wäre das zweite Wort der eigentliche Stich: „Brut.“

Sie blinzelt schnell, als könnte sie damit das Bild löschen. Klappt nicht. Ihre Pupillen bleiben groß. Ihr Gesicht ist blass im Notlicht, und ich sehe: Sie denkt nicht nur an uns. Sie denkt an die Menschen, die wir schon verloren haben. An Lennart. An das Loch. An das, was hier unten offensichtlich normal ist: dass Menschen verschwinden und Material werden.

Ich zwinge mich, am Rand zu bleiben. Wand in Reichweite. Gewehr halb oben. Und trotzdem fühlt sich das Messer an meiner Seite plötzlich lächerlich an. Als hätte ich einen Zahnstocher eingepackt und behauptet, ich wäre vorbereitet.

„Marc“, flüstere ich und tippe auf mein Band.

Rauschen.

Dann nichts.

Ich tippe nochmal. Noch leiser, weil ein Teil meines Gehirns glaubt, Lautstärke wäre hier unten eine Einladung. Keine Antwort. Nicht mal ein Fehler. Einfach Stille. Als wäre der Funk abgeschnitten. Als hätte jemand entschieden: Hier unten gehört ihr niemandem mehr.

Nora sieht mich an, und ich sehe in ihrem Blick den Satz, den sie nicht sagt: Wenn wir hier feststecken, war’s das.

Ich nicke kaum merklich. Nicht als Zustimmung. Eher als: Ja. Ich weiß.

Zwischen zwei Nestern klafft ein schmaler Durchgang. Der führt tiefer rein. Ich will nicht. Ich will wirklich nicht. Aber mein Körper macht diesen Schritt trotzdem, weil da etwas ist, das ich noch nicht verstanden habe – und genau das ist gefährlicher als alles, was ich schon verstanden habe.

Dann sehe ich die Regale.

Alte Metallgestelle aus dem Frachtraum. Früher Kisten, Behälter, Ordnung. Jetzt… wieder Ordnung, nur anders. Dunkle Formen in Fächern. Säuberlich. Wie eingelagert.

Mein Kopf weigert sich, es sofort zu benennen.

Meine Hand geht hoch, ganz automatisch, als könnte ich das mit einer Berührung prüfen und wieder rückgängig machen. Und mitten in der Bewegung stoppt alles in mir, als hätte mir jemand einen unsichtbaren Riegel vor die Brust geschoben.

Nora flüstert: „Nein…“

Und dann kommt der Geruch.

Nicht „verrottet“. Nicht „Blut“. Sondern etwas, das viel schlimmer ist, weil es organisiert wirkt. Als wäre das hier keine Szene, sondern ein Prozess.

Sie zieht den Ärmel hoch, presst ihn gegen Mund und Nase, und als sie wieder spricht, klingt es gedämpft, fast kindlich vor Schock: „Da… da liegen Menschenteile.“

Das ist der Punkt, an dem Noras Journalisten-Hirn kurz stirbt.

Nicht, weil sie es nicht beschreiben könnte. Sondern weil sie plötzlich begreift: Das hier ist nicht „ein Verbrechen“. Das hier ist die Logistik eines Albtraums. Lagerung. Vorrat.

„Sie lagern sie“, sage ich, und meine Stimme klingt, als würde jemand anderes sie benutzen.

Nora schluckt. Ihre Augen sind glasig. Sie macht eine kleine, hilflose Bewegung mit der Hand – einmal über die Regale, einmal über die Eier, als könnte sie damit die Realität sortieren.

„Wieso ist hier niemand?“, flüstert sie. „Wer legt all diese Eier?“

Ich starre auf das milchige Pulsieren und spüre, wie mir unter der Haut kalt wird.

„Nicht die da“, sage ich leise und denke an die kleineren Dinger, die wir schon gesehen haben. Arbeiter. Läufer. Räumer. „Die holen Zeug. Die bringen es hierher. Aber die… die machen das nicht.“

Nora zieht die Hände an die Brust, als könnte sie damit etwas abhalten, das schon längst in ihren Gedanken sitzt. „Also gibt es noch… was anderes.“

Ich sehe nach oben. Zu den Streben. Zu den Kabeln. Zu den Stellen, an denen es aussieht, als hätte etwas Wege gebaut, die nicht für uns sind.

„Ja“, flüstere ich. „Es muss eine Quelle geben. Eine Mutter. Eine Königin. Nenn es wie du willst.“

Nora schüttelt den Kopf, ganz langsam, als würde sie versuchen, den Gedanken aus dem Schädel zu schütteln, bevor er Wurzeln schlägt. „Und warum ist sie nicht hier? Warum stehen wir dann noch?“

Ich atme aus. Zu schnell. Dann zwinge ich die Luft zurück in einen Rhythmus, der nicht nach Panik aussieht.

„Weil das hier kein Jagdraum ist“, sage ich. „Das ist Lager. Brut. Vorrat. Hier muss es still bleiben.“

Irgendwo in der Ferne scharrt wieder etwas. Vielleicht ein Bug. Vielleicht etwas Größeres. Vielleicht nur das Schiff, das arbeitet.

Nora blinzelt Tränen weg, aber sie laufen trotzdem. Nicht, weil sie schwach ist. Sondern weil ihr Kopf gerade etwas akzeptiert, das man nicht akzeptieren sollte: dass man in einem Regal enden kann, und das Schiff findet das… effizient.

„Für wen sollen wir Antworten finden?“, fragt sie, leise, fast zerbrochen. „Wen soll das noch interessieren?“

Ich sehe sie an.

Und in diesem Moment ist es nicht die Brutkammer, die mich am meisten erschreckt, sondern dieser Satz. Weil er so nah an Aufgeben ist. So nah an dem Punkt, an dem EVA gewinnt, ohne noch einen Finger zu rühren.

„Für uns“, sage ich. Nicht groß. Nicht heroisch. Einfach als Fakt. „Damit wir nicht die Nächsten sind, die hier einsortiert werden.“

Nora nickt einmal. Winzig. Aber es ist ein Nicken.

Dann gehen wir weiter.

Nicht, weil wir mutig sind.

Sondern weil niemand sonst da ist.

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