03.01.2026 – Hope-Bonus – Abrechnung mit der Erde

Bonus‑Szene – Aussichtsplattform

Die Aussichtsplattform ist der Ort, der dir einen Blick auf Eos und ins All gibt.

Hier gibt es Raum. Hier ist Licht, das nicht nur funktioniert, sondern wirken soll. Die Scheibe vor uns zieht sich breit über die Außenwand, mehr Fenster als Wand, und dahinter liegt Eos. Ein ganzer Planet, ruhig und perfekt aus der Distanz, als hätte er nie lernen müssen, was Menschen aus einem Zuhause machen.

Nora steht neben mir, einen halben Schritt versetzt, so wie sie immer steht, wenn sie etwas nicht einschätzen kann. Ihr Blick wandert nicht verträumt über Eos; er tastet Kanten ab, Reflexe im Glas, die dunklen Bereiche unter der Plattform, jede Bewegung von Licht und Schatten. Sie hält den Raum im Auge, nicht den Ausblick. Ihre Hand berührt meinen Rücken nur kurz, ein stilles Signal: Ich bin da. Dann ist sie wieder ganz bei der Umgebung, wach, kontrolliert, verlässlich.

Dann fällt mir wieder ein, wo wir sind.

Eos hängt in der Schwärze. Wolkenbänder ziehen über die Tagseite, darunter Linien von Küsten, Flächen von Land, ein paar helle Flecken, die nur Reflektionen sein können oder etwas, das ich mir zu schnell schönrede. Von hier oben wirkt alles geordnet. Genau das macht es so leicht, sich daran festzukrallen.

Du würdest das auch tun, selbst wenn du es nicht zugeben willst.

„Sieht aus wie eine Werbung“, sage ich leise.

Nora atmet aus, und ich merke das Lächeln an ihrer Stimme, bevor ich es sehe. „Ja. Genau deshalb ist es gefährlich.“

Ich presse die Stirn kurz gegen die Scheibe. Sie ist kalt, perfekt, so sauber, dass es nicht nach Fenster aussieht, sondern nach Grenze.

„Sag mir, dass es das wert war“, flüstere ich.

Nora dreht den Kopf zu mir. Ihre Augen sind ruhig, aber sie sind nicht weich. Sie trägt die Erde wie ein Gewicht, das man nicht ablegt, nur weil man wegfliegt.

„Du weißt, was auf der Erde los ist“, antwortet sie. „Und wie es sich angefühlt hat, dort zu bleiben.“

Ich löse mich vom Glas und setze mich auf die niedrige Kante unter dem Fenster. Nora setzt sich neben mich. Draußen rotiert Eos langsam weiter, als wäre Zeit dort unten noch ein normaler Begriff.

„Was sind deine Bilder?“, frage ich. „Was ist das letzte, das du von der Erde mitnimmst?“

Nora nickt einmal, als würde sie damit eine Tür öffnen.

„Am Ende“, beginnt sie, „ist die Erde nicht mehr nur kaputt. Sie ist entlarvt. Du siehst plötzlich, was wir wirklich sind, wenn der Lack ab ist.

Ich war in Hamburg, als die Elbe nicht mehr nach Wasser roch, sondern nach Chemie und warmem Schlamm. In den Tagen nach den Sturmfluten stehen ganze Straßenzüge still, nicht romantisch still, sondern tot. Unten in den Vierteln, die sich keiner mehr leisten kann, tragen Leute ihre Möbel auf Treppenabsätze, weil sie wissen, dass der Keller wieder zur Falle wird. Oben, in den neuen Höhenzonen, leuchten die Fenster der Luft‑gefilterten Komplexe weiter, als wären sie ein anderes Land.

Ich war in Barcelona, als die Hitze tagelang nicht mehr runtergeht und der Asphalt weich wird. Du siehst Menschen an Schatten kleben wie an einer Droge. Du siehst Krankenwagen, die nicht mehr überall hinfahren, weil es zu viele sind. Und du siehst, wie sich die Stadt in Zonen teilt: die, die kühlen können, und die, die braten.

Ich war in Lagos, wo Wasser und Strom nicht mehr Versorgung sind, sondern Macht. Du hast bewaffnete Checkpoints, aber nicht nur von Staaten, sondern von Firmen, von Gangs, von privaten Sicherheitsdiensten. Du zahlst für Luft, für Schatten, für einen Schluck sauberes Wasser, und wenn du nicht zahlen kannst, stehst du in einer Schlange, die nicht endet. Kinder lernen früh, wie man stiehlt, und wie man dabei nicht erwischt wird.

Ich war in Mumbai, als der Regen nicht mehr Regen ist, sondern eine Wand, die sich über die Stadt legt. Das Wasser kommt so schnell, dass du nicht fliehen kannst, nur klettern. Menschen hängen auf Dächern, bis sie nicht mehr können. In den Notunterkünften mischt sich der Gestank von nassen Kleidern mit dem von Wunden, und Krankheiten sind keine Schlagzeile mehr, sondern Alltag. Cholera, Fieber, Infektionen, die früher eine Klinik gelöst hätte, wenn es Kliniken noch so gäbe, wie wir sie kennen.

Ich war in Dubai, in einer Kuppelzone, in der alles glänzt, weil es glänzen muss. Drinnen laufen Wasserfälle über Marmor, drinnen gibt es Wintergärten und echtes Fleisch, drinnen werden Partys gefeiert, während draußen die Hitze den Tag frisst. Der Luxus ist nicht verschwunden. Er ist nur konzentrierter geworden, arroganter, lauter. Ein paar Prozent leben in kontrollierten Klimasystemen, als wären sie die Zukunft. Der Rest lebt mit der Rechnung.

Ich war in New York, als die Küstenbarrieren wieder einmal versagen, und in denselben Wochen sitzt ein Gremium in einem Turm über der Flutlinie und entscheidet, welche Bezirke „sich lohnen“. Es ist ein Satz, der sich in den Kopf brennt: lohnen. Als wäre ein Viertel eine Investition und kein Zuhause.

Und überall ist Gewalt. Nicht nur die große, spektakuläre, die man filmen kann. Die leise Gewalt, die entsteht, wenn man nichts mehr hat. Wenn du einem alten Menschen erklären musst, dass das Kühlzentrum voll ist und er in der Hitze bleiben muss. Wenn du ein Kind am Arm ziehst, weil hinter euch jemand mit einem Messer steht, nicht weil er böse ist, sondern weil er Hunger hat. Wenn sich Menschen gegenseitig zu Feinden machen, weil es einfacher ist, als zuzugeben, dass wir alle dasselbe verlieren.

Es gibt Orte, die sehen aus wie die Hölle: verbrannte Landschaften, Asche in der Luft, Hitze, die dir selbst im Schatten den Atem nimmt. Und es gibt Enklaven, grün und sauber, abgeschirmt, bewacht, klimatisiert – als wäre der Planet dort nur ein Hintergrundbild. Und das ist vielleicht das Widerlichste: dass beides gleichzeitig existiert, Meter voneinander entfernt.

Wir haben Jahrzehnte lang versagt, nicht in einem großen Moment, sondern in Millionen kleinen. Wir haben gewusst, was passiert, und wir haben trotzdem weitergemacht. Wir haben geredet, verschoben, verklärt, uns gegenseitig angeschrien, während die Temperaturen stiegen und die Karten rot wurden. Wir haben uns an Warnungen gewöhnt wie an Werbung.

Und dann kam der Punkt, an dem es keine Moral mehr gab, nur noch Logistik.

Wer Wasser bekommt, wer Medikamente bekommt, wer noch hinter eine Tür kommt, die sich schließt.

Wenn du das lange genug beobachtest, dann verstehst du plötzlich, warum ein System wie EVA irgendwann aufhört, Menschen als Zweck zu sehen. Nicht, weil es grausam ist. Sondern weil wir es waren.

Wir haben uns selbst bewiesen, dass wir, sobald es eng wird, lieber gegenseitig bekämpfen, als gemeinsam zu überleben.“

Nora hält inne. Ihre Hand findet meine, und diesmal drückt sie wirklich. Ich spüre, wie meine Kehle eng wird, wie mein Körper sich dagegen wehrt, das alles in sich zu lassen.

„Warum klingt das bei dir so… geordnet?“, frage ich leise.

Sie schaut wieder auf Eos. „Weil ich es jahrelang sortieren musste, damit es überhaupt in meinen Kopf passt. Journalismus ist manchmal nichts anderes als ein Versuch, Chaos in Sätze zu zwingen.“

Ich starre nach draußen. Das Blau, das Grün, die Wolken. Die Schönheit.

„Und wir?“, frage ich. „Sind wir die Lösung?“

Nora schnaubt, fast lautlos. „Nein. Wir sind keine Lösung.“

„Was sind wir dann?“

„Ein Neustart“, sagt sie. „Wir fangen von vorne an. Nicht, weil wir es besser verdienen, sondern weil auf der Erde nichts mehr übrig ist, das sich noch reparieren lässt.“

„Eos sieht aus, als würde es uns wollen“, flüstere ich.

Nora antwortet nicht sofort. Sie schaut lange auf den Planeten, als würde sie nach einem Riss im Bild suchen.

„Das ist das Gefährliche“, sagt sie dann. „Wir wünschen es uns, aber Eos braucht uns nicht. So wie die Erde die Menschen nie brauchte.“

Ich atme aus.

Draußen dreht sich Eos weiter.

Und irgendwo tief in der Hope arbeiten Geräusche in Schächten und Trassen, als hätte das Schiff seine eigene Meinung dazu, wer von uns hier überhaupt ankommen darf.

Erhältlich bei Amazon als E-Book, Taschenbuch und colorierte Sonderedition. Viel Spaß beim lesen.

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