01.01.2026 – Hope-Bonus – Die Wut auf die Bugs
Der Safe‑Raum riecht nach Kunststoff, kaltem Metall und dem schwachen Rest von Desinfektionsmittel, das irgendwo im Material hängt. Das Licht kommt von oben, zu sauber, zu gleichmäßig, als hätte jemand die Welt auf „neutral“ gestellt und vergessen, dass Menschen Schatten brauchen, um zu merken, dass sie noch leben.
Nora und ich sitzen auf unseren Matratzen, Rücken an der Wand, die Knie angewinkelt. Zwischen uns ist kein Platz. Die Nähe zueinander gibt uns Sicherheit und Wärme. Es ist wie immer zu kalt da draußen, wir brauchen Zeit um uns zu erholen.
Nora hat ein schmales Bündel aus der Agrarsektion zwischen uns auf die Matratze gelegt: ein paar Handvoll Blattgrün, ein paar Knollen und Gewürze, etwas das uns mit wichtigen Vitaminen aber auch anderem Geschmack versorgte. Etwas dass wir für ein paar Tage mit den Konserven zusammen essen konnten.
Wir sind erst seit Minuten wieder hier drin. Meine Kleidung klebt noch an mir, als hätte der Flur uns seine Kälte in die Nähte gedrückt. In meinen Haaren hängt der Geruch der Agrarsektion: feuchte Luft, künstliches Licht, dieser leise, süße Hauch von Wachstum, der eigentlich beruhigen sollte und es trotzdem nicht tut, weil er so offensichtlich gemacht ist.
Der Weg zurück war kurz, aber er fühlte sich endlos an. In den Kabeltrassen über uns arbeitete es wieder, dieses trockene Schaben, das sich nicht wie Metall anhörte, sondern wie etwas, das Metall benutzt. Aus einem Schacht kam ein dumpfer Stoß, als hätte jemand von innen dagegengetreten. Wir blieben jedes Mal stehen, hielten den Atem an, und ich hasste mich dafür, weil ich in diesen Momenten nicht mutig war, sondern nur still.
Einmal wichen wir in eine Nische aus, so schnell, dass mir die Luft wegblieb. Ein Krynn zog durch den Gang, groß genug, dass er den Raum veränderte, ohne ihn zu berühren. Sein Schatten schob sich über die Wand, und ich spürte Nora neben mir, wie sie meine Hand fester nahm – nicht aus Angst, sondern um mich festzunageln. Wir schauten ihn nicht an. Wir machten uns klein. Und er bemerkte uns nicht… oder er entschied sich, es nicht zu tun.
Später, an einer Kreuzung, sah ich wieder, warum es in diesem Schiff keine normalen Geräusche mehr gibt.
Eine kleine Gruppe Bugs fiel über einen Menschen her, über ihr Futter. Es war schnell und schmutzig, so wie sie es immer tun, wenn sie endlich etwas Lebendiges zwischen ihre Krallen und Zangen bekommen. Sie waren plötzlich überall, schwarz und flink, und bevor der Mensch überhaupt begriff, was ihn traf, hing er schon in ihrem Griff, festgenagelt an Boden und Wand, als wäre er nur eine Lieferung.
Dann rissen sie ihn auseinander, Stück für Stück, mit diesem widerlichen, nassen Reißen, das dir in die Zähne kriecht, und mit den kurzen, trockenen Knackern, wenn etwas nachgibt, das nicht nachgeben sollte. Schreie gab es in solchen Momenten nur am Anfang; danach blieb nur noch das Geräusch von Arbeit.
Ich sah, wie sie die Teile packten, die sie brauchten, wie sie sie in die Kabelschächte zogen und in den Trassen verschwanden, als hätten sie dort oben ihren eigenen Korridor, ihre eigene Stadt, ihre eigene Ordnung.
Und dann blieb nichts.
Keine Gestalt, kein Gesicht, kein Blut, kein Stück Stoff, nichts, woran du dich festhalten könntest – nur ein leerer Fleck Boden, an dem eben noch ein Mensch gewesen war. Wenn man ganz genau hinsah, erkannte man vielleicht eine winzige Schlier im Staub, einen feuchten Glanz an einer Kante, Spuren so klein, dass sie eher wie ein Fehler im Licht wirkten. Einmal blinzeln, einmal atmen, und selbst das war weg – als wäre nie etwas geschehen.
In mir brannte es, heiß und klar, und es war kein edles Gefühl, kein Mut, keine Heldengeschichte.
Es war Hass. So rein, dass er mir Angst machte. Ich wollte sie alle umbringen, jeden einzelnen dieser Mistviecher, wollte sie zerquetschen, verbrennen, aus ihren Schächten reißen und ihnen zeigen, dass wir nicht nur Futter sind. Und wenn du jetzt denkst, das klingt krank, dann sag ich dir:
Du würdest in dem Moment genauso denken, weil es sonst nicht auszuhalten ist, ihnen dabei zuzusehen, wie sie einen Menschen in Stücke reißen und damit im Bauch der Hope verschwinden.
In mir saß diese übliche Ohnmacht wie ein Gewicht im Bauch. Dann kam die Wut, heiß und klar, und dahinter ein Hass, der mich erschreckte, weil er sich so sauber anfühlte. Ich wollte schreien, wollte losrennen, wollte irgendetwas tun, das nicht nur Zuschauen ist. Aber Nora war da, wie immer der ruhigere Teil von uns beiden, und ihre Stimme holte mich zurück, bevor ich mich selbst verlor.
Hier drin ist es kleiner, ja. Aber es sind nicht die Wände, die mich halten. Es ist Nora. Sie ist mein Anker, auch wenn draußen ein Schiff liegt, das uns nicht braucht, und etwas in seinen Schächten lebt, das uns längst erkannt hat.
Nora starrt an die Decke, als könnte sie dort eine Antwort finden. Ihre Augen sind trocken, aber ihr Blick ist nicht ruhig. Er ist fest. So ein Blick, den man bekommt, wenn man lange genug gelernt hat, Dinge anzusehen, die man eigentlich nicht ansehen will.


