Nyro gehört zu den Menschen, die einen Raum betreten können, ohne ihn wirklich zu betreten. Manchmal steht er plötzlich irgendwo am Rand, lehnt an einer Wand oder zwischen zwei dunklen Stämmen, und ich könnte schwören, dass dort einen Augenblick zuvor noch niemand gewesen ist.
Seine Magie hilft ihm dabei. Er kann Geräusche dämpfen, Bewegungen verbergen und selbst einen unruhigen Ort für kurze Zeit so verändern, dass alles stiller wirkt. Auf Reisen ist das oft Gold wert. Wenn Nyro sagt, wir sollen leiser werden, frage ich inzwischen nicht mehr warum. Meistens hat er längst eine Spur gesehen, einen Schatten bemerkt oder ein Muster erkannt, das uns anderen noch völlig entgangen ist.
Einmal beobachtete ich, wie er einen schmalen Waldweg vor uns prüfte. Für mich war dort nichts außer feuchtem Boden, Farn und ein paar zerbrochenen Zweigen. Nyro ging in die Hocke, strich mit zwei Fingern über die Erde und blieb anschließend lange vollkommen still. Erst später zeigte er mir die kaum sichtbaren Abdrücke am Rand des Pfades und eine Stelle, an der jemand versucht hatte, seine eigene Spur zu verwischen.
„Du siehst Gespenster“, sagte ich damals.
Er sah mich nur an und antwortete: „Nein. Menschen sind schlimmer.“
Das ist Nyro.
Seine Schattenmagie hat jedoch einen Preis, und bei ihm ist dieser schwerer zu erkennen als bei Tiko oder Mira. Sie macht ihn nicht einfach müde. Je länger er sie benutzt, desto weiter scheint er sich innerlich zurückzuziehen. Seine Stimme wird ruhiger, seine Antworten kürzer, und manchmal habe ich das Gefühl, dass selbst wir für eine Weile nicht mehr richtig an ihn herankommen.
Vielleicht schützt Nyro deshalb am liebsten aus der Entfernung. Dort fühlt er sich sicher, dort kann er beobachten, entscheiden und handeln, ohne etwas von sich preisgeben zu müssen.
Nur funktioniert eine Reise wie unsere auf Dauer nicht so.
Irgendwann sitzt man gemeinsam am Feuer, teilt den letzten Rest Brot, hört Tiko Unsinn erzählen und merkt, dass selbst ein Schattenmann sich nicht für immer am Rand halten kann.
Nyro würde vermutlich bestreiten, dass ihm das wichtig ist.
Vael verrät ihn meistens.


