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Der Weg, den Sarrinda nicht nahm

Am dritten Tag unserer Reise nach Steinwacht hatte ich aufgehört, Entfernungen in Stunden oder Tagesritten zu messen. Seit dem Bruch des Eidsteins schien sich das Land nicht mehr darum zu kümmern, wie lange ein Weg früher gedauert hatte. Pfade verschwanden unter Geröll, alte Übergänge endeten plötzlich im Wasser, und manche Strecken sahen vollkommen unverändert aus, obwohl schon nach wenigen Schritten dieses unangenehme Ziehen unter meiner Haut begann, das mir sagte, dass etwas nicht mehr stimmte. Eron nahm all das mit einer Ruhe hin, die mich anfangs beinahe ärgerte. Er überprüfte Boden, Wind und Wegzeichen, entschied, welche Route wir nahmen, und verschwendete kein Wort darauf, wie viel Zeit wir durch jeden neuen Umweg verloren.

Umso erleichterter waren wir, als er am späten Nachmittag einen alten Steinweg entdeckte, der sich an einem flachen Berghang entlangzog. Die grauen Platten lagen noch sauber zwischen niedrigen Gräsern und Flechten, keine umgestürzten Bäume versperrten den Weg, und selbst die dunklen Wolken über den westlichen Höhen schienen für einen Moment weiter entfernt. Eron kannte die Route. Unter normalen Umständen führte sie direkt zu einem alten Übergang und ersparte uns mehrere Stunden durch das schwierigere Gelände weiter südlich. Tiko erklärte sofort, dass dies vermutlich das Schönste sei, was Eron seit unserer Abreise gesagt habe, und selbst Mira wirkte erleichtert, als sie sich im Sattel etwas aufrichtete und den langen Weg vor uns musterte.

Eron gab Sarrinda das Zeichen zum Weitergehen, doch die Westläuferin blieb stehen. Zunächst hielt ich es für eine jener kleinen Eigenheiten, die jedes Reittier irgendwann entwickelte, doch als Eron sie erneut aufforderte, setzte sie lediglich einen Vorderhuf auf die erste Steinplatte und zog ihn sofort wieder zurück. Sie schreckte nicht zurück, riss nicht am Zügel und zeigte auch sonst nichts von jener Nervosität, die Tiere erfasst, wenn sie etwas wittern, das ihnen Angst macht. Stattdessen stand sie vollkommen ruhig da und sah den Weg an, als hätte sie sich schlicht entschieden, ihn nicht zu betreten.

Tikos Bemerkung über Erons schwindende Autorität brachte Mira noch zum Lächeln, Eron allerdings nicht. Er stieg ab, nahm Sarrindas Zügel locker in die Hand und führte sie einige Schritte vorwärts. Die Stute folgte ihm ohne Widerstand bis genau an den Rand der ersten Platte. Dort blieb sie wieder stehen. Ihr Hals spannte sich leicht, und ihre Nüstern bewegten sich, während sie die Luft und den Boden vor sich prüfte. Eron legte eine Hand an ihre Schulter, sagte etwas so leise, dass ich es nicht verstand, und betrachtete anschließend den Weg mit derselben Aufmerksamkeit, die er sonst einer unbekannten Fährte widmete. Als Nyro ebenfalls abstieg und Vael sich lautlos an den Rand der Steinplatten bewegte, verschwand auch der letzte Rest unserer guten Laune.

Mein Medaillon blieb kühl. Es gab kein Brennen in meinen Adern, keinen Druck hinter den Augen und nichts von jener Resonanz, die mich seit dem Bruch immer wieder warnte. Gerade deshalb wusste ich nicht, wonach wir eigentlich suchten. Eron ging langsam voraus und blieb schließlich an einem niedrigen Stein stehen, der halb zwischen Gras und Geröll versunken war. Auf seiner verwitterten Vorderseite befanden sich mehrere eingeritzte Linien, einfache Wegzeichen, wie sie an den alten Übergängen überall im Westen verwendet wurden. Ich hätte sie vermutlich betrachtet und wäre weitergeritten. Eron strich dagegen so lange mit dem Daumen über eine der Kerben, bis sich etwas Dunkles darunter löste.

Nyro ging neben ihm in die Hocke und kratzte mit dem Fingernagel einen dünnen Streifen schwarzen Harzes aus der Vertiefung. Darunter kam eine ältere Linie zum Vorschein, fast vollständig verborgen und anders ausgerichtet als die sichtbare Markierung. Jemand hatte das ursprüngliche Warnzeichen nicht zerstört. Er hatte es verändert. Für jemanden, der den Weg flüchtig prüfte, bedeutete der Stein weiterhin, dass der Übergang sicher war.

Eron sah lange den Hang hinauf, bevor er uns bedeutete, bei den Tieren zu bleiben. Einige Dutzend Schritte weiter verengte sich der Weg und führte über einen Rücken, unter dem das Gelände steil zu einem trockenen Bachbett abfiel. Von unserer Position aus war nichts Auffälliges zu erkennen. Die Platten lagen fest, zwischen ihren Fugen wuchs Moos, und selbst der Staub darauf wirkte unberührt. Eron nahm schließlich einen schweren Stein vom Rand und schleuderte ihn vor sich auf den Weg. Die ersten beiden Platten hielten. Bei der dritten sackte der Untergrund mit einem dumpfen Krachen weg. Stein brach über Stein, zwei weitere Platten kippten hinterher, und innerhalb weniger Augenblicke klaffte dort ein schwarzes Loch, wo zuvor ein vollkommen sicherer Weg gewesen war.

Der Staub hing noch in der Luft, als ich begriff, was passiert wäre, wenn wir einfach weitergeritten wären. Vielleicht hätte Sarrinda die erste Stelle noch getragen, vielleicht auch Taree hinter ihr. Doch spätestens unter dem Gewicht mehrerer Lhyren wäre der ausgehöhlte Hang eingebrochen. Unter den Platten gab es keinen festen Grund mehr, sondern nur einen tiefen Schacht aus abgebrochenem Fels und dunklem Wasser. Niemand sagte etwas dazu. Es war auch nicht nötig. Mira strich Berá über den Hals, Tiko sah ungewöhnlich lange schweigend in die Tiefe, und selbst Kirél hatte aufgehört, ungeduldig mit dem Schweif zu schlagen.

Eron kam zurück und ging direkt zu Sarrinda. Die Stute hob den Kopf, als er vor ihr stehen blieb, und für einen Moment verschwand jene nüchterne Distanz aus seinem Gesicht, mit der er sonst jeden Weg betrachtete. Er legte eine Hand an ihren Hals und die Stirn kurz gegen ihr Fell. „Gut gesehen“, murmelte er. Mehr brauchte es zwischen den beiden offenbar nicht.

Tiko hielt es erwartungsgemäß nicht ganz so lange aus. Er betrachtete erst Sarrinda, dann Eron und meinte, wir sollten vielleicht darüber nachdenken, künftig sie nach dem Weg zu fragen. Eron richtete sich wieder auf und strich der Stute ein letztes Mal über den Hals. „Sie redet weniger als du. Das spricht eindeutig für sie.“

Mira lachte leise, und selbst Nyro ließ sich zu einem kaum sichtbaren Lächeln hinreißen. Für einen kurzen Moment war die Anspannung verschwunden, doch als ich noch einmal zu dem alten Wegstein zurückging, kam sie sofort wieder.

Das Harz klebte dunkel in der veränderten Kerbe. Es war keine Magie darin, keine verdrehte Resonanz und nichts, was meine Lichtadern hätte warnen können. Jemand hatte lediglich wissen müssen, wie das Zeichen ursprünglich aussah, welche Bedeutung die einzelnen Linien hatten und wie wenig verändert werden musste, damit aus einer Warnung eine Einladung wurde.

Bis dahin hatte ich geglaubt, die größte Gefahr des gebrochenen Eids bestünde darin, dass die alten Verbindungen Enyrias nicht mehr zuverlässig funktionierten. Wege konnten versagen, Schutzlinien schwächer werden und Schwurorte ihre Kraft verlieren. Doch das hier war etwas anderes. Jemand nutzte genau dieses Chaos und das Vertrauen der Menschen in vertraute Zeichen aus. Wer später an diesem Stein vorbeikam, würde nicht glauben, dass der Weg gefährlich war. Er würde glauben, jemand habe ihn geprüft.

Eron führte Sarrinda bereits zu einer schmaleren Route hinunter, die zwischen zwei Felsrücken verschwand. Sie sah schlechter aus, war steiler und würde uns vermutlich mehrere Stunden kosten, doch diesmal beschwerte sich niemand. Ich stieg wieder auf Taree und ließ sie den anderen folgen, während hinter uns der alte Steinweg langsam im grauen Abendlicht verschwand.

Noch lange dachte ich an das veränderte Zeichen zurück.

Ein gebrochener Weg ließ sich erkennen. Eine zerstörte Markierung konnte man ersetzen. Selbst ein verlorener Schwur hinterließ Spuren, wenn man wusste, wonach man suchen musste.

Gefährlicher war etwas, das noch genauso aussah wie früher und trotzdem längst aufgehört hatte, die Wahrheit zu sagen.

Der Weg, den Sarrinda nicht nahm

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