Enyria – Der Moment, bevor der Lichtwald schwieg
By admin / Mai 4, 2026 / Keine Kommentare / Blogging, Enyria
Bevor Luna aufbricht, ist der Lichtwald noch Heimat. Warm, vertraut, voller Stimmen. Doch manchmal spürt man den Abschied, lange bevor jemand ihn ausspricht.
Am Abend roch der Lichtwald nach feuchtem Moos, warmer Rinde und den kleinen blauen Blüten, die nur nach Sonnenuntergang aufgingen.
Luna blieb auf dem schmalen Holzsteg stehen, der zwischen zwei alten Stämmen hing. Unter ihr leuchteten die Fenster der Häuser weich zwischen den Ästen. Stimmen klangen herauf, Lachen, Geschirr, das leise Klopfen von Werkzeug in einer offenen Werkstatt. Alles war wie immer.
Und gerade deshalb tat es weh.
Vael ging lautlos neben ihr. Der schwarze Panther blieb nicht dicht genug, um sie zu bedrängen, aber nah genug, dass sie seine Wärme spürte. Seine blauen Linien glommen nur schwach unter dem Fell, als hätte auch er verstanden, dass dieser Abend nicht laut sein durfte.
„Du weißt es auch“, flüsterte Luna.
Vael sah sie an. Seine bernsteinfarbenen Augen fingen das Licht der Laternen auf.
Luna legte die Hand an das Lichtmedaillon. Es war warm. Zu warm. Seit Tagen reagierte es auf Dinge, die noch niemand beim Namen nennen wollte. Auf Schatten zwischen den Bäumen. Auf Stimmen, die plötzlich verstummten. Auf das Gefühl, dass Wege sich verschoben, obwohl niemand sie betreten hatte.
Aus der Ferne drang Tikos Lachen herüber. Mira antwortete etwas, das Luna nicht verstand. Für einen Herzschlag wollte sie einfach zurücklaufen, sich dazusetzen, essen, zuhören, so tun, als gäbe es keinen Eidstein, keinen drohenden Bruch, keinen Lord Varkesh jenseits der Dunkelheit.
Dann bewegte sich der Wald.
Nicht der Wind.
Etwas anderes.
Die Laternen flackerten, eine nach der anderen, den Steg entlang bis tief in die Äste. Vael senkte den Kopf. Ein leises Grollen vibrierte in seiner Brust.
Luna atmete langsam ein.
Der Lichtwald war noch da. Noch warm. Noch schön.
Aber irgendwo zwischen den Stämmen hatte die Nacht begonnen, ihren Namen zu lernen.
Die Chroniken von Enyria erzählen von diesem ersten Riss im Vertrauen, von Freundschaft, Mut und einer Welt, in der ein gebrochener Eid mehr zerstören kann als jede Klinge.

