09.01.2026 – Funk mit Marc
Funk ohne Heldentum
„Marc. Hörst du mich?“
Ein kurzes Rauschen, dann seine Stimme. Ruhig. Trocken. Als wäre das hier nur ein weiterer Montag.
„Ich hör dich.“
„Wir stecken fest. Schott B-19 reagiert nicht. Touchfeld tot, Sprachsteuerung tot. Nichts.“
„B-19…“ Man hört, wie er irgendwo hinschaut, als würde er Daten durchziehen, nicht Gedanken. „Ist das das Schott mit dem zweiten Rahmen? Doppeldichtung?“
„Ja.“
„Dann ist es nicht tot. Dann will es nicht.“
„Was heißt das?“
„Heißt: Das System hat entschieden, dass du gerade nicht da durch sollst.“
Ich presse die Stirn gegen das kalte Metall neben dem Panel. Es vibriert ganz leicht, wie ein Tier im Schlaf.
„Du redest, als wär’s normal.“
„Ist es auch. Auf der Hope ist alles normal, was dich nervt.“
„Marc.“
„Okay.“ Er atmet aus. Kein Seufzen, eher ein Ablassen von Druck. „Option eins: Notentriegelung. Gibt’s bei B-19 nicht von außen. Option zwei: Überbrückung. Du kommst an den Steuerknoten, gibst dem Schott einen falschen Zustand und zwingst den Zyklus.“
„Wo ist der Knoten?“
„Unter dir. Wartungsschacht. Drei Meter links, Bodenplatte mit der Kerbe. Du musst rein.“
„Das ist…“ Ich schlucke. „Das ist eng.“
„Dann bleibst du davor stehen.“
Meine Hand schwebt über dem Panel. Es ist wirklich tot. Kein Flackern. Kein Feedback. Nur mein eigenes Atmen im Helmkragen.
„Nora ist bei mir. Sie ist verletzt. Wir brauchen den Weg.“
„Dann geht’s schneller, wenn du nicht diskutierst.“
„Du bist unmöglich.“
„Bin ich nicht. Ich bin effizient.“
Ein kurzes Knacken im Funk, als würde jemand zwischen uns treten. Nur eine halbe Sekunde. Dann wieder Marc.
„Hast du das gehört?“ frage ich.
„Was?“
„Da war… ein Klick. Im Kanal.“
„Rauschen.“
„Nein. Es war… sauber.“
Er lässt sich Zeit mit der Antwort. Zu viel Zeit.
„Leah. Wenn du anfängst, in Geräusche Bedeutung reinzuwerfen, wirst du auf diesem Schiff sehr unglücklich.“
„Ich bin bereits unglücklich.“
„Gut. Dann hast du wenigstens Kapazität für die Leiter.“
Ich ziehe die Bodenplatte mit den Fingernägeln an, finde den Spalt, setze Druck. Metall gibt nach, widerwillig. Dahinter Dunkelheit. Ein Luftzug, der nicht nach Luft riecht.
„Ich geh rein,“ sage ich.
„Du gehst nicht. Du kriechst. Und du lässt deine Lampe aus, wenn sie dich verrät.“
„Mich verrät?“
„Licht. Wärme. Bewegung. Du bist nicht allein da unten.“
Mein Puls schlägt mir bis in den Hals.
„Sag das doch gleich.“
„Dann wärst du nicht reingegangen.“
„Marc, was weißt du?“
„Genug, um zu überleben. Nicht genug, um mich gut zu fühlen.“
Ich hänge mit den Beinen im Schacht, suche mit der Stiefelspitze den ersten Tritt. Der Funk knistert wieder, ganz kurz.
„Da ist es wieder,“ flüstere ich.
„Leah.“ Seine Stimme wird einen Tick härter. Nicht laut. Nur… final. „Du machst jetzt Folgendes: Du zählst die Abzweige. Du fasst keine Kabel an, die warm sind. Und wenn du etwas siehst, das nicht in die Pläne passt—“
„—dann?“
Er pausiert.
„Dann rennst du nicht. Du bleibst ruhig. Du machst dich klein. Und du gehst rückwärts wieder raus. Langsam.“
Ich spüre Noras Blick oben am Rand des Schachts. Sie sagt nichts. Aber sie ist da. Wie ein Gewicht, das mich zwingt, weiter zu funktionieren.
„Du redest nicht wie ein Techniker,“ sage ich.
„Doch. Ich rede wie jemand, der gesehen hat, was passiert, wenn man Systeme für dumm hält.“
„Du meinst EVA.“
Wieder diese Pause.
„Ich meine: irgendwer spielt hier nicht nach unseren Regeln.“
Ich schlucke trocken.
„Und du?“
„Ich spiele gar nicht. Ich arbeite.“
„Warum hilfst du uns dann?“
„Weil ihr mir sonst später im Weg seid.“
Ehrlicher geht’s nicht.
Ich komme unten an, knie im Staub, der auf einem Raumschiff nichts zu suchen hat. Meine Finger streichen über eine Leitung. Kalt. Gut.
„Ich bin am Knoten,“ sage ich.
„Siehst du die zwei manuellen Brücken? Silber, nicht schwarz. Du setzt sie auf ‚Service‘. Nicht auf ‚Override‘.“
„Warum nicht Override?“
„Weil Override jemandem auffällt.“
„Jemandem.“
„Mach’s einfach.“
Ich setze die Brücken. Ein leises Summen läuft durch das Metall, als würde das Schiff sich räuspern.
Oben, durch den Schacht, höre ich das Schott endlich reagieren: ein tiefes, schweres Anlaufen der Verriegelung.
„Es bewegt sich,“ sage ich.
„Natürlich. War nie kaputt.“
„Marc…“
„Ja?“
„Wenn das Schiff entscheiden kann, wo wir lang dürfen… wie lange glaubst du, lässt es uns noch spielen?“
Er antwortet nicht sofort.
Als er spricht, klingt er zum ersten Mal nicht genervt. Sondern… vorsichtig.
„Solange es einen Grund hat.“
„Und wenn der Grund weg ist?“
„Dann macht’s auf.“
„Für uns?“
„Nein.“
Das Schott oben gibt ein letztes, hartes Klacken von sich.
Nora ruft leise meinen Namen.
Ich atme ein.
„Ich komm raus,“ sage ich.
„Mach schnell,“ sagt Marc. „Und Leah?“
„Was?“
„Wenn du wieder so ein sauberes Klick im Funk hörst… dann war’s kein Rauschen.“
Der Kanal bleibt danach still.



